Neu in meinem CD-Regal: vorwiegend Afrikanisches

Camilla George ist neben Cassi Kinoshi und der fast ubiquitären Nubya Garcia die dritte weibliche Saxophon-Stimme in der quicklebendigen Londoner Jazz-Szene, die Aufmerksamkeit verdient. Sie ist nicht nur Mitglied der Band „Jazz Jamaica“, sondern leitet auch eine eigene Gruppe. Bereits 2018 hat sie ihr zweites Album mit dem Titel „The People Could Fly“ veröffentlicht, auf dem sie und ihr reguläres Quartett (aus dem Pianistin SarahTandy besonders hervorsticht) von einigen weiteren prominenten Musiker*innen dieser Szene unterstützt werden. So trägt Shirley Tetteh ihre unverkennbaren Gitarren-Licks bei – großartig zu hören gleich im ersten Stück der Platte „Tapping the Land Turtle“. Für die Vocals sorgen Cherise Adams-Burnett und Omar Lye-Fook. Courtney Pine, der in den 80er Jahren so etwas wie ein Vorläufer und Urvater der jetzigen Szene war, schreibt über die Platte der in Nigeria geborenen Saxophonistin, sie biete „modern day music“, die soziales, politisches und kulturelles menschliches Verhalten in ihrem Sound reflektiere. Das klingt akademischer als die Musik ist. Ihre Wurzeln liegen in den vielen Geschichten, die ihre Mutter Camilla in ihrer Kindheit in Nigeria erzählt hat.  Camilla Georges Kompositionen klingen reif und phantasievoll, ihre Soli sind sublim, sie muss sich nicht in den Vordergrund spielen. Sehr schön zu hören beispielsweise auf dem Titelsong der CD. Die Platte schließt mit einem Cover: „Here But I’m Gone“ von Curtis Mayfield, ein herzzerreißender Song über Drogenabhängigkeit. Für Camilla George gilt das sicher nicht. Von ihr werden wir bestimmt noch viel Bemerkenswertes zu hören bekommen.

Von der Saxophonistin aus London mit nigerianischen Wurzeln geht es direkt auf den afrikanischen Kontinent, nach Ghana. Dort hat vor kurzem die Gruppe Santrofi ihr Debut-Album Alewa veröffentlicht. Santrofi sind aber beileibe keine Neulinge, sondern eher eine junge All Star-Band, deren Mitglieder sich ihre Sporen bei der Elite westafrikanischer Pop-Stars verdient haben. Ihre Liebe aber gehört dem Highlife, der Musik, die in Ghana vor Jahrzehnten im wahren Sinne des Wortes tonangebend war, aber bei der jüngeren Generation kaum mehr bekannt ist. Gegründet wurde die 8-köpfige Band vom Bassisten Emmanuel Ofori, der unter anderem bei den Highlife-Legenden Ebo Taylor und Pat Thomas sein Handwerk gelernt hat.  Santrofi verschmelzen den Highlife-Sound mit den Polyrhythmen des Afrobeats. Perlende Gitarren-Läufe, donnernde Percussion-Kaskaden und Unisono-Bläsersätze prägen die Musik, die tief in der Tradition verwurzelt ist, dem Retro-Sound aber neue, schärfere Ecken verpasst. Anspiel-Tipp ist der Titelsong, der auch programmatischen Charakter hat: „Alewa“ ist nämlich einerseits die Bezeichnung für eine schwarz-weiß gestreifte und in der Hauptstadt Accra sehr beliebte Süßigkeit. „Alewa“ verdeutlicht aber auch in symbolischer Weise die Notwendigkeit, ethnische Diversität zu erkennen, zu akzeptieren und wertzuschätzen.

Und ich verspreche: Wer bei dieser Musik die Beine stillhalten kann, ist nicht mehr zu retten…

Während Santrofi „retro“ sind, mit aktuellem Touch, ist die Tabansi Studio Band echt alt. Die jüngst erschienene CD-Compilation vereint nämlich zwei LPs aus der Mitte der 70er Jahre. Die eine , „Mu’sen Sofoa“ ist der Sprache und musikalischen Tradition der Hausa verpflichtet, für die andere, „Wakar Alhazai Kano“ ist Sprache und Kultur der Ibo die Referenz. Beide jedoch sind, ganz zeitgemäß für damals, natürlich dem Afrobeat verpflichtet, wenn auch in einer ganz eigenständigen Form, die sich von jener eines Fela Kuti doch erheblich unterscheidet. Die Tabansi Studio Band (die den Namen der Plattenfirma trägt, in der sie als Background-Band arbeitete) ist ein „Familienunternehmen“, das aus sieben Brüdern, allesamt Multi-Instrumentalisten mit dem Nachnamen Martins, bestand und dementsprechend zu anderen Anlässen auch als „Martins Brothers Dance Band“ auftrat. Die Ibo-Nummern (die Tracks 3 und 4 auf der CD) sind mit ihrem strikten 4/4-Funk, ihren Soul- und Jazz-Elementen und schönen Improvisationen für europäische Ohren wahrscheinlich am eingängigsten. Die Hausa-Songs kommen dagegen im 6/8-Takt, sind eher modal im Sound und wurzeln in den Folk-Traditionen der ländlichen Hausa-Regionen. Auch das ist Afrobeat, aber nicht im Stil, der in der Hauptstadt Lagos gespielt wurde. Für mich war diese Band eine echte Entdeckung und ein weiterer Hinweis darauf, wie vielfältig die Musik in Nigeria (und auch im restlichen Afrika) ist und wie wenig wir in Europa davon zur Kenntnis genommen haben. Prädikat: unbedingt hörenswert! Und tanzbar!

Die letzte Empfehlung für heute gilt der neuen Platte von Simphiwe Dana, von der es – sofern ich das richtig sehe – noch keine materialisierte Version in Form einer  CD oder LP gibt. Man muss also auf Download-Angebote oder Streaming-Dienste zurückgreifen, um in ihren Genuss zu kommen. Denn das, ein Genuss,  ist diese fünfte Veröffentlichung der südafrikanischen Sängerin auf alle Fälle. Wie im Titel der Platte, „Bamako“ angedeutet, wurde sie in der Hauptstadt Malis aufgenommen. Als Co-Produzent fungierte die Mali-Legende Salif Keita, die wunderbaren Gitarren-Parts steuerte der ebenso legendäre Vieux Farka Touré bei. Auch in der Instrumentierung und der Rhythmik sind Einflüsse der Musik Malis unverkennbar. Über allem aber schwebt die immer noch (trotz einer Operation an ihren Stimmbändern) zauberhafte und äußerst wandlungsfähige Stimme Simphiwe Danas. Sie ist ebenso soulful wie von Jazz und Blues beeinflusst und wurzelt tief in den vokalen Traditionen der Xhosa. Man kann nur hoffen, dass dieses Album nicht tatsächlich ihr letztes ist, wie sie (die aus den psychischen Problemen, mit denen sie zu kämpfen hat, nie ein Geheimnis gemacht hat) es unlängst auf ihren Social Media-Accounts angekündigt hat. Ein Karriere-Ende mit gerade mal 40 Jahren und erst fünf LP-Veröffentlichungen in 16 Jahren bei einem künstlerischen Potenzial wie dem ihrigen – das ist einfach undenkbar!

Eine ausführliche, sehr kenntnisreiche Rezension (in Englisch) findet sich hier – ich kann mir weitere lobende Worte sparen. Und gebe statt dessen der Hoffnung Ausdruck, dass die LP/CD bald auch in Europa veröffentlicht wird. Bislang erscheint sie noch nicht einmal auf dem Discogs-Eintrag für Simphiwe Dana

CoronaFragen II

Sehr gute, weil berechtigte Fragen von Silke Helfrich.

CommonsBlog

Ich poste jeden Tag eine Frage, die mir im Zusammenhang mit der Coronakrise durch den Kopf geht. Die Fragen sind unsortiert und betreffen vor allem, aber nicht nur, soziale, politische, ökonomische und framing-Themen.

Es folgen die Fragen der zweiten Woche (ohne die gängigen Abkürzungen auf twitter und daher leicht geändert). Die Sammlung aus der ersten Woche findet sich hier.

8/n #CoronaFrage heute | Wir haben gelernt, warum es elementar ist, die Reproduktionsrate R° unter 1 zu drücken: Alles ab >1< ist exponentielles Wachstum & das schafft 1000 Probleme. Ist das in der #Wirtschaft nicht ähnlich? #PostCorona #AndersWirtschaftenNOW

9/n #CoronaFrage heute | April 2020 „glänzte“ mit außergewöhnlichen Temperaturen & Dürre. Das ist kein #Wetter phänomen. 12% des BIP 2019 stecken wir gerade in #Wirtschaftsstabilisierung. Aber womit stabilisieren wir das #Klima? #postcorona#AndersWirtschaftenNOW  https://www.ncdc.noaa.gov/cag/global/haywood/globe/land

10/n #CoronaFrage heute | In Hongkong gibt es 7 Mio Menschen &…

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Vor 50 Jahren: mein "erstes Mal"

Das „erste Mal“ ist ein beliebtes Sujet für Rückblicke jeglicher Art. Normalerweise steht dabei die Initiation in die Welt der Erotik im Mittelpunkt. Man möge mir verzeihen: Dafür geht mir der notwendige Exhibitionismus ab. Ich beschränke mich lieber auf meine musikalische Vergangenheit. Wie ich aus dem „Rolling Stone“ (März 2014) und dem dort veröffentlichten Ausschnitt aus einem Werk des deutschen Pop-Papstes Diedrich Diederichsen erfahren konnte, bin ich damit in bester Gesellschaft.

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Nun denn: Bei mir war es der 24. März 1970! Zwar hatte es schon vorher – insofern den ersten Schritten auf dem Feld der Erotik nicht unähnlich – etliche Annäherungen an das Objekt „Rock-Konzert“ gegeben. Aber das waren doch eher schüchterne Schritte: Live-Darbietungen lokaler Bands bei Schul-Partys oder in den wenigen einschlägigen Lokalen Bambergs, wo es ab und zu Live-Musik zu hören gab.

Aber heute vor genau 50 Jahren war es dann endlich soweit: Ich erlebte mein allererstes richtig „großes“ Rock-Konzert: Fleetwood Mac in ihrer Urbesetzung mit Peter Green, Jeremy Spencer und Danny Kirwan an den Gitarren sowie Mick Fleetwood (Drums) sowie John McVie (Bass) spielten in der Nürnberger Meistersinger-Halle. Und ich, mit meinen 17 Jahren, war dabei! Meine Aufregung war mindestens ebenso groß wie meine Erwartungen. Immerhin war Peter Green neben Eric Clapton und Jimi Hendrix damals einer meiner absoluten Lieblings-Gitarristen. Sein deutlich an B.B. King geschulter Blues-Stil, aber auch seine selbstkomponierten Songs wie „Albatross“, „Man of the World“, „Green Manalishi“ und das geniale „Oh Well“ gefielen mir ausnehmend gut.

Insofern war das Konzert selbst „irgendwie“ eine Enttäuschung (um die eingangs erwähnte Parallele noch einmal zu strapazieren: beim Sex ist das allererste Mal ja auch oft nicht gleich die große Ekstase…). Ich konnte das damals nicht so recht begründen, aber der Funke wollte nicht überspringen. Klar: „Oh Well“ und „Rattlesnake Shake“ waren toll. Aber oft verlor sich die Band in ewiglangen Jams, die aber seltsam uninspiriert wirkten.

Erst im Nachhinein sollte ich verstehen, warum das so war:
Zum einen hatte sich die Band damals wohl schon ziemlich auseinander gelebt. Es gab Streitigkeiten übers Geld. Green wollte zumindest Teile der Honorare für wohltätige Zwecke spenden, was bei den anderen Band-Mitglieder auf Unverständnis stieß. Die Folge: Am 20. Mai 1970, also nur knapp zwei Monate nach dem Gig in Nürnberg, spielte Peter Green sein letztes Konzert mit Fleetwood Mac.
Und da war noch etwas vorgefallen, unmittelbar vor dem Auftritt in Nürnberg. Da hatte die Band zwei Abende in München verbracht. Und Peter Green war nach einem der Auftritte in eine Münchner Kommune „abgeschleppt“ worden. Dort wurde ihm – wohl in einem Getränk und ohne dass er das wusste – ein LSD-Trip verabreicht, den er nicht verkraftete. Offenbar für längere Zeit oder gar für immer. In einer Dokumentation (der betreffende Ausschnitt findet sich auf YouTube) bezeichnete Mick Fleetwood diesen Abend jedenfalls als den „letzten Nagel am Sarg“, der dann zum Ausscheiden Greens aus der Band führte.

Von alledem wusste ich damals natürlich nichts. Und: Für mich war es dennoch der Beginn einer bis heute andauernden Zeit als begeisterter Konzertbesucher. Im Sommer war ich dann zum ersten Mal in London, wo Clubs wie der 100 Club und der Marquee Club warteten und wo damals in vielen Pubs Live-Auftritte noch unbekannter Bands stattfanden. Ich musste mich aber noch gut ein Jahr gedulden, bis ich meinen ersten echten (Konzert-) Höhepunkt erlebte. Im August 1971 war es dann soweit: ebenfalls in London, Colosseum live.

Einige – noch ungeordnete – Gedanken zur Corona-Pandemie

Dass es einen Zusammenhang zwischen den zunehmenden menschlichen Eingriffen in ökologische Zusammenhänge und dem Entstehen neuer Krankheiten gibt, liegt nahe. Wie diese Zusammenhänge aussehen, wird im Artikel „‚Tip of the iceberg‘: is our destruction of nature responsible for Covid-19?“ sehr gut erklärt. Das Fazit ist nicht gerade beruhigend: Wir sehen im Augenblick nur die Spitze des Eisbergs. Und: Die nächste Pandemie kommt bestimmt. Wir wissen nur noch nicht, wann und wo.

Die Globalisierung schlägt zurück – und frisst ihre Kinder

Die Entstehung neuer Krankheitsbilder scheint also mittlerweile unvermeidlich. Dass sie zu weltweiten Pandemien führen, wie derzeit zu beobachten, und zwar in Windeseile, das haben wir natürlich der Globalisierung zu verdanken. Und zwar im Wesentlichen durch zwei Faktoren:

Zum einen liegt die Ursache in der ökonomischen Vernetzung durch Auslagerung bestimmter Produktionsbereiche in Billiglohn-Länder und die damit verbundenen Lieferketten und Austauschbeziehungen von Waren und natürlich auch Menschen. Letzteres vor allem über den Flugverkehr und damit rasend schnell. Das Gleiche gilt für den zweiten entscheidenden Faktor: den inzwischen weltweiten Tourismus, der ebenfalls zu einem wesentlichen Teil per Flugzeug abgewickelt wird. Die Infektionsketten beim Corona-Virus liefern dafür unendlich viele Beispiele. So hat beispielsweise Uruguay seine Ansteckung im Wesentlichen einer Einheimischen zu verdanken, die sich im Italien-Urlaub infiziert hat und dann das Virus auf einer großen Hochzeitsfeier großzügig verbreitet hat. Und das bislang verschonte Mauritius hat seine ersten drei Fälle einem aus London zurückgekehrten Mann und zwei auf einem Kreuzfahrtschiff angestellten Matrosen zu „verdanken“.

Wen trifft die Krankheit ganz besonders?

Natürlich in erster Linie die sogenannten „Risiko-Gruppen“, also ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen. Aber das ist natürlich nur die Oberfläche: Darunter werden deutliche Unterschiede wahrnehmbar. In den wohlhabenden Nationen wird es die Armen und Ärmsten wesentlich stärker treffen: die Obdachlosen; die auf das Angebot der Tafeln angewiesenen Menschen; die Geflüchteten, die in Sammelunterkünften auf engem Raum zusammenleben müssen. In den USA, wo sich viele Menschen mit geringem Einkommen eine Krankenversicherung überhaupt nicht leisten können, wird das am deutlichsten spürbar werden. Dort sind derzeit sogar die Test-Möglichkeiten den Reichen und den Prominenten vorbehalten. Als ob dieses Land nicht schon Probleme genug hätte mit dieser egomanischen Witzfigur als Präsident…

Die Epidemie zeigt aber auch in Deutschland, dass die neoliberale, marktorientierte Ausrichtung des Gesundheitssystems grundfalsch ist. Was Kritiker dieser Entwicklung schon immer monierten, wird in der Krise besonders deutlich: Der Fokus auf Großkrankenhäuser, die Schließung kleinerer Kliniken, gerade im ländlichen Raum, das Fehlen von Intensiv-Betten, das Schielen auf teure, profitbringende Fälle – all das hat mit einer Gesundheitsversorgung, die an den Bedürfnissen kranker Menschen orientiert sein müsste, kaum mehr wirklich etwas zu tun. Vom Mangel an gut ausgebildetem Fachpersonal ganz abgesehen. Schlechte Bezahlung und unzumutbare Arbeitsbedingungen sind halt nicht attraktiv. Diesem Personal unter besonders schwierigen Umständen Dank und Respekt auszusprechen, ist zwar mehr als angemessen, schafft aber keine einzige neue Stelle und wird auch nicht zu einer angemessenen Bezahlung führen. Ob die – sozusagen völlig neue – Erkenntnis, dass auch Pflegekräfte „systemrelevant“ sind, zu entsprechenden Verbesserungen führen, ist eine der interessanten Fragen, die nach dem Ende der Krise zu beantworten ist.

Auch dass die Auslagerung der Produktion vieler Arzneimittel nach China (mit dem einzigen Ziel der Profitmaximierung) sich jetzt rächt und die medizinische Versorgung hierzulande gefährdet, ist in diesem Zusammenhang erwähnenswert.  

Es geht noch schlimmer…

Was auf den griechischen Inseln passieren wird, auf denen Zehntausende von Geflüchteten unter erbärmlichsten Umständen vegetieren müssen, wenn die Infektion dort ausbricht, darf man sich gar nicht vorstellen. Ähnlich sieht es in den Ländern aus, in denen das Gesundheitssystem nur rudimentär vorhanden ist oder schlecht funktioniert. Die rasant wachsenden Todeszahlen im Iran sind ein Vorgeschmack darauf, wie viele Opfer in Afrika zu beklagen sein werden, wenn sich die Epidemie dort erst einmal richtig ausgebreitet hat.

Egoismus contra Solidarität

Warum wundert es mich eigentlich nicht, dass so viele, gerade jüngere Menschen alle Verhaltensanweisungen zu ignorieren scheinen und fleißig weiter in Grüppchen feiern und sogar zu „Corona-Partys“ einladen? Das ist eben die Generation der Ichlinge, die Söhne und Töchter des Neoliberalismus, denen – unter dem ideologischen Deckmantel, es handle sich dabei um „Freiheit“ – der Egoismus als Lebenselixier eingetrichtert wurde.

Glücklicherweise gibt es auch Gegentendenzen: Solidarität und Mitmenschlichkeit lässt sich doch nicht völlig ausrotten. Nachbarschaftshilfe für ältere Menschen, z.B. beim Einkaufen, Mithilfe bei der Kinderbetreuung, ein  Vermieter, der dem Club in seinem Haus die Pacht erlässt, weil dort keine Konzerte mehr stattfinden können, ein Brauerei-Gasthof, der Mittagessen für die Tafel kocht: Solche Beispiele lassen hoffen.

Lerneffekte?

Man soll ja nie seinen Optimismus verlieren. Deshalb noch ein paar Hoffnungsschimmer: Die Krise könnte auch dazu führen, dass wieder mehr Menschen erkennen, wie wichtig für das Zusammenleben ein funktionierendes Gemeinwesen (vulgo: Staat) ist. Dass letztlich nur handlungsfähige Kommunen und planvoll arbeitende überregionale Gremien in der Lage sind, sozialen Zusammenhalt zu organisieren. Dass der eben noch vergötzte Markt versagt, wenn es darauf ankommt, die Versorgung aller mit dem lebensnotwendigen Bedarf zu gewährleisten. Vielleicht wächst bei manchen auch die Einsicht, dass nicht ein ubiquitäres, immer größeres Warenangebot die Grundlage für ein gutes Leben für alle ist, sondern dass zu allererst grundlegende Bedürfnisse (Nahrungsmittel, Kleidung, Wohnung, Gesundheit) sichergestellt werden müssen. Dass regionale Wirtschaftskreisläufe wesentlich krisensicherer sind als globale Lieferketten. Ja sogar: dass ein Weniger zu weit besseren Lebensbedingungen führen kann. (Pars pro toto: Schon jetzt ist spürbar, dass die Einschränkungen beim Reiseverkehr, vor allem beim Flugverkehr, positive Klimawirkungen haben. Und: Saubere Kanäle in Venedig, Delphine, die wieder in unmittelbarer Küstennähe schwimmen – die Natur bedankt sich sofort für die Entlastungen!)

Wer wird schlussendlich die Zeche zahlen?

Ob sich diese Hoffnungen auf ein Umdenken erfüllen oder ob der Krise ein nachholender Konsumrausch folgt, das werden wir sehen. Ob es tatsächliche Veränderungen im politischen und wirtschaftlichen Handeln gibt, wird sich auch an der Finanzierungsfrage erweisen. Denn dass jetzt viel Geld in die Hand genommen wird, um den Menschen, die vom gesellschaftlichen Stillstand in ihrer Existenz gefährdet werden (freiberufliche Kulturschaffende, kleine Cafés und Restaurants, inhabergeführte Läden usw.), zu helfen, ist nachvollziehbar und richtig.  Entscheidend wird dabei sein, wer dafür die Zeche zahlt. Geschieht das – wie es richtig und längst überfällig wäre – durch eine Umverteilung von oben nach unten, durch eine Belastung der Vermögenden und Reichen? Oder  durch Steuererhöhungen, die – wieder einmal – vornehmlich die Geringverdiener und die Mittelschicht treffen (also: über Einkommensteuer- und Mehrwertsteuer-Erhöhungen)?

Wir dürfen gespannt sein…

Kommunalwahl in Bamberg – eine erste Bewertung

Die GAL (jetzt: „Grünes Bamberg“) hat bei den Wahlen zum Bamberger Stadtrat genau 27 Prozent erhalten und ist stärkste Fraktion, ihr OB-Kandidat steht in der Stichwahl. Für jemanden, der wie ich die Anfänge der GAL vor mittlerweile fast 40 Jahren miterlebt hat, ist das sensationell, der reine Wahnsinn, unglaublich. Wenn mir das damals jemand prophezeit hätte, hätte ich denjenigen wohl für verrückt erklärt. Aber das Ergebnis ist beileibe kein Wunder: es ist das Resultat harter, konsequenter und kompetenter politischer Arbeit, von mittlerweile sechs GAL-Fraktionen.

Zunächst zur OB-Wahl: Dass es Jonas Glüsenkamp in die Stichwahl um das Amt des Oberbürgermeisters in Bamberg geschafft hat, ist ein grandioses Ergebnis. Sehr verdient, denn er hat einen tollen Wahlkampf hingelegt. Für nicht in der Bamberger Region lebende Menschen sollte ich ergänzen: Jonas ist bislang noch nicht im Stadtrat gewesen. Als Mitinitiator zweier erfolgreicher Bürgerbegehren konnte er zwar schon ein bisschen Bekanntheit erlangen – allerdings nur in politisch interessierten Kreisen. Für die Normal-Bamberger*innen war der junge Norddeutsche aber ein weitgehend unbekannter Kandidat. Offenbar ist es ihm in einem intensiven Wahlkampf gelungen, mit vielen Menschen ins Gespräch zu kommen, sie mit seiner gleichermaßen offenen wie kompetenten Art zu überzeugen. Ein großartiges Ergebnis ist es für den grünen Newcomer allemal.

Für den Amtsinhaber, seinen Gegner in der Stichwahl, muss das Ergebnis dagegen als eine veritable Ohrfeige gewertet werden: So schlecht wie Starke hat in den größeren bayerischen Städten keiner der amtierenden OBs abgeschnitten. Der Vertrauensverlust für Starke (fast 20 Prozent-Punkte weniger als bei der Wahl 2012) wird umso deutlicher, wenn man bedenkt, dass der „Corona-Effekt“ in den allermeisten anderen Städten sich zugunsten der jeweiligen Amtsinhaber ausgewirkt hat.

Wenn man die absoluten Stimmenzahlen betrachtet, die die beiden OB-Kandidaten bei der Stadtratswahl bekamen, dann wird deutlich, dass Jonas Glüsenkamp durchaus eine Chance hat, trotz des Rückstandes von 11 Prozentpunkten bei der ersten Abstimmung: Starke bekam als Listenführer der SPD 20531 Stimmen, Glüsenkamp dagegen als zweiter auf der Liste von Grünes Bamberg 20803!  Die Wahl ist also offen. Am 29. März haben es die Bamberger*innen in der Hand, für einen echten Wandel in der Stadt zu sorgen. Man darf gespannt sein, wie sich die aus dem OB-Rennen ausgeschiedenen Parteien und Wählergruppen dazu noch positionieren….

Neue Machtverhältnisse im Stadtrat

Während das Ergebnis der OB-Stichwahl noch abzuwarten ist, steht bereits fest: Im Bamberger Stadtrat gibt es ein gewaltiges Stühle-Rücken. Die Machtverhältnisse haben sich grundlegend verschoben: Die grüne Fraktion ist die deutlich stärkste, die CSU, seit Jahrzehnten in Bamberg dominierend, hat nur noch 10 Ratssitze inne. Noch schlechter steht die SPD da, die gerade noch sieben Stadtratsmitglieder stellt. Den Rest teilen sich nicht weniger als 11 Parteien und Gruppierungen mit einem bzw. zwei Mitgliedern.[1] Die beiden GroKo-Fraktionen, die seit 14 Jahren Starkes Politik unterstützten, erhielten also eine kräftige Abfuhr, verloren sie doch insgesamt fünf Sitze. Ein verdientes Ergebnis, denn diese Koalition hat – trotz opulenter Mehrheit – einen Riesenberg unbewältigter Probleme hinterlassen.

Ein niederschmetterndes Ergebnis fuhr auch die sog. „Bamberger Allianz“ von Dieter Weinsheimer[2] ein, die nur noch über zwei (statt vorher fünf) Sitze verfügt. Seine Strategie, sich (und seine Tochter, die als OB-Kandidatin antrat) als reine „Anti-Starke“-Truppe, aber ohne eigenes inhaltliches Profil, antreten zu lassen, erwies sich – einigermaßen erwartbar – als Rohrkrepierer.

Die Rolle der GAL-Fraktion

Für die zwölf Mitglieder der „Grünes Bamberg“-Fraktion, die im Mai ihre Arbeit beginnen wird, ist dieses Wahlergebnis der Anfang einer neuen Zeitrechnung – und zwar in zweifacher Hinsicht:

Zum einen wird mit dieser Fraktion ein tiefgreifender Generationswechsel vollzogen. Von der „Gründer-Generation“ der GAL ist nur noch Uschi Sowa in der Fraktion vertreten. Jonas Glüsenkamp hat wenigsten schon in seiner niedersächsischen Heimat kommunalpolitische Luft geschnuppert. Aber: Neun der zwölf Fraktionsmitglieder sind „Neulinge“ in diesem „Geschäft“. Dennoch: Dieser Generationswechsel war notwendig, ja sogar überfällig. Viel Zeit zum Einarbeiten wird jedoch nicht bleiben.

Denn – und das ist der andere wesentliche Punkt – mit der neuen Stärke ist auch eine neue Verantwortung verbunden und ein eindeutiger Gestaltungsauftrag. Nach 14 Jahren GroKo in Bamberg muss man ja konstatieren: Das „Erbe“ ist schwer. Verkehrswende und Energiewende sind endlich anzugehen, ebenso der Umbau der autoaffinen Wirtschaftsstruktur. Den Klimawandel auf kommunaler Ebene abzufedern und im sozialen Wohnungsbau endlich neue Akzente zu setzen – auch das steht auf der Agenda. Für all diese Themen hat „Grünes Bamberg“ zwar gute Konzepte. Aber mit etwas weniger als einem Drittel der Stadtratssitze eben noch keine Mehrheit. Es bleibt abzuwarten, ob es gelingen wird, im Stadtrat dafür – sei es als formelle Koalition oder auch von Fall zu Fall – handlungsfähige Bündnisse zu bilden. Man sollte sich jedoch keiner Illusion hingeben: CSU und SPD werden sich nicht so einfach als „Mehrheitsbeschaffer“ zur Verfügung stellen. Und gemeinsam mit den Ratsmitgliedern der diversen Kleinstparteien gibt es – das sollte nicht übersehen werden – immer noch eine strukturell konservative Mehrheit im Stadtrat (zu der in Bamberg auch der größere Teil der SPD-Fraktion zu rechnen ist).

Eine grüne „Gestaltungsmehrheit“ ist also beileibe kein Selbstläufer. Am einfachsten herzustellen wäre sie wohl unter der Führung eines grünen Oberbürgermeisters. Ob es Jonas Glüsenkamp gelingen wird, dieses Amt zu erobern, wissen wir in knapp zwei Wochen…


[1] Allerorten wird jetzt die „Zersplitterung“ im Stadtrat beklagt. Die Vielzahl der angetretenen Listen hat aber auch andere Seiten: Zum einen ist sie natürlich Ausdruck der Unzufriedenheit mit der Politik, die über Jahre hinweg von der GroKo aus CSU und SPD und ihren kleineren Anhängseln betrieben wurde. Zum anderen muss man sich doch auch darüber freuen, dass es in Bamberg insgesamt über 500 Frauen und Männer gab, die bereit waren, sich in der Kommunalpolitik zu engagieren (auch wenn ich auf 15 davon sehr gut hätte verzichten können…). Anderswo sucht man händeringend nach Kandidierenden!

[2] Weinsheimer war seit 1978 Stadtratsmitglied. Seine „Karriere“ von der (für Bamberger Verhältnisse) eher progressiven SPD-Nachwuchshoffnung hin zum Betreiber einer Web-Plattform, die mit ihren Artikeln Steilvorlagen für islamophobe und rechtsextreme Hetz-Kommentare sowie populistische Politiker-Schelte bot, wäre einer eigenen Analyse wert. Nachdem diese Karriere nun wohl definitiv beendet ist, kann ich das mir (und der werten Leserschaft) aber ersparen.

Die Blues Caravan 2020 im Nürnberger Hirsch

Mit dem Song „Let’s Work Together” (1969 von Canned Heat bekannt gemacht – das Original unter dem Titel „Let’s Stick Together“ stammt von Wilbert Harrison und wurde bereits 1962 veröffentlicht) starteten die fünf Caravan-Protagonisten in den Abend. Auf der Bühne kam er noch etwas druckvoller als im oben verlinkten Video. Und dieser Song-Titel war in doppelter Weise für das gesamte Konzert prägend: Es wurde – zum einen – wunderbar altmodischer Bluesrock geboten, und zwar in allen denkbaren Varianten. Und die Musiker*innen spielten – zum anderen – wirklich zusammen, Ego-Trips waren verpönt. Dass ihnen diese Zusammenarbeit Spaß machte, war immer wieder zu sehen und zu spüren.

Ryan Perry

Ryan Perry, aus Tupelo (Mississippi) stammend und augenscheinlich der Jüngste in der Runde, übernahm nach dem gemeinsamen Einstieg die Führungsrolle, im Trio mit Roger Innis am sechssaitigen Bass, mittlerweile ja schon eine Institution bei der Blues Caravan, und Amanda Dal, der jungen Schlagzeugerin aus London. Perry, ein Bär von einem Mann, ist ein versierter Gitarrist, der in allen Blues- und Bluesrock-Stilen heimisch ist. Da hört man Jimi Hendrix genauso wie Stevie Ray Vaughn oder Robert Cray, die alten Blues-Meister wie B.B. King oder Willie Dixon gehören ohnehin zu seiner musikalischen DNA. Zudem verfügt dieser massige Körper über ein volltönendes Organ, sehr rau und soulig. Einmal, bei einem der leiseren Songs, verzichtete er völlig auf sein Mikro. Und ich bin sicher, er war bis in die letzten Reihen des Hirsch gut verständlich.

Whitney Shay

Mit Whitney Shay am Mikro legte die Show noch um einen Zahn zu. Dieses Energiebündel aus San Diego ist – ganz klar – in der Kategorie „Rock-Röhre“ einzuordnen. Bei ihr ging vom ersten Ton an die Post ab, dass es eine wahre Freude war. Sie kann singen, schreien, kreischen, jubilieren – wunderbar. Zudem harmonierte sie hervorragend mit Ryan Perry. Und sie ist – Entschuldigung, das ist jetzt gewiss nicht sexistisch gemeint – eine echte „Rampen-Sau“. Ihr macht es Freude, mit dem Publikum zu kommunizieren. Ihre Songs waren knackig: Rock‘n Roll, R&B, Bluesrock, Blues, Soul – all das hat sie auf der Pfanne. American roots music im besten Sinne des Wortes. Nach ihren Vorbildern gefragt, nannte sie vor einigen Jahren im San Diego Troubadour (um nur die weiblichen zu nennen) Etta James, Big Maybelle und Sarah Vaughn. Und diese Referenzen passen sehr gut, um sie stimmlich und stilistisch einzuordnen. Für mich eindeutig die Entdeckung des Abends.

Jeremiah Johnson

Nach der Pause stand zunächst Jeremiah Johnson, 1972 in St. Louis geboren und dort aufgewachsen, im Rampenlicht. Er ist der älteste und wohl auch der bekannteste der drei diesjährigen Karawanen-Mitglieder: mit seiner Band und als Solo-Artist kann er immerhin auf sechs CD-Veröffentlichungen verweisen. Er ist ein eher dem Southern Rock verpflichteter Sänger. Anklänge an Gregg Allman (v.a. was  die Stimme angeht), an Lynyrd Skynyrd oder Little Feat waren zu hören, manchmal eine leichte Neigung zum Country Rock. Und Mike Zito dürfte ebenfalls ein wichtiger Referenz-Name sein: Der nämlich hat seine vorletzte LP produziert. Und Johnson hat auf Zitos jüngster Platte gastiert. So ist es kein Wunder, dass auch Johnson virtuos mit seiner Gitarre umzugehen weiß. Einer der Höhepunkte war sein Song „Showdown“ (Die Studioversion ist hier zu hören, ein Video vom Auftritt in Stuttgart ein paar Tage zuvor vermittelt einen Eindruck von der Live-Version.), dem er mit einem fast schon filigran zu nennendem Gitarren-Solo, ein bisschen an Peter Green erinnernd, noch ein Sahnehäubchen aufsetzte. Am Schluss dieses Songs wurde er, auf der Bühne kniend, nur noch von Drummerin Amanda Dal begleitet, die ihr Schlagzeug ganz sanft mit den Händen (statt mit den Sticks) bearbeitete. Dass er es aber auch krachen und jaulen lassen kann, bewies er gleich anschließend mit dem Albert King-Klassiker „Born Under a Bad Sign“.

Den Rest des Abends (inklusive zweier Zugaben) bestritten alle fünf gemeinsam. Und hier zeigte sich, wie gut sie wirklich zusammenarbeiten. Die beiden Gitarristen wechselten sich mit knappen, stimmigen und auf den Punkt gespielten Soli ab. Alle drei Frontleute übernahmen reihum die Vocals, im Harmoniegesang wussten sie ebenso zu überzeugen. Auch wenn das rothaarige „Bühnen-Biest“ Whitney Shaw unbestritten im Mittelpunkt stand. Ruf Records muss man mal ein Kompliment machen: Es ist schon toll, dass diese Plattenfirma es jetzt schon seit mehr als 15 Jahren schafft, immer wieder neue Künstler*innen in spannenden Kombinationen vorzustellen.

Fazit: Die Blues Caravan 2020 bot – wieder einmal – gute, handgemachte Rockmusik mit bluesigem Schwerpunkt. Klar: das war „altmodisch“. Aber nie altbacken. Sondern: ein schönes Konzert mit hohem Unterhaltungswert. Das Publikum war dementsprechend enthusiasmiert – und belagerte anschließend den Merchandising-Stand…

Whitney Shay und Ryan Perry nach dem Konzert am Merchandising-Stand

Kommunalwahlkampf in Bamberg

1

11. Februar:

Es klingelt. Ich sitze beim Essen und bin nicht gerade erfreut. Vor der Tür stehen zwei Herren mittleren Alters. Erster Gedanke: Zeugen Jehovas (😱). Zweiter Blick: Der eine schaut ja aus wie Christian Lange (OB-Kandidat der hiesigen CSU – 😱, was will denn der von mir?).

– „Am 15 März sind Kommunalwahlen“
– „Ich weiß!“
– „Wir sind von der CSU…“
– „Dann sind Sie bei mir ganz falsch. Ich bin ein ewiger GALier!“

Schnelles „Gespräch“ also.

PS: Wenn ich mich nicht sehr täusche, hatte sich Lange mit einem rot-weißen Brose-Baskets Schal „geschmückt“. Wenn ich etwas mehr Zeit gehabt hätte, dann hätte ich ihm erläutert, warum ich glaube, dass er noch weniger Chancen hat, in die Stichwahl zu kommen als die Broses in die Play-offs. Aber das war es mir dann doch nicht wert, mein Essen kalt und mein Bier warm werden zu lassen… 

2

19. Februar:

Seit vergangenem Wochenende hängen in Bamberg die Wahlplakate. Oder sollte ich sagen: Bamberg ist zugekleistert damit. Es gibt kaum einen Laternen-Mast, an dem kein Plakat angebracht ist. An vielen sind es zwei, an manchen sogar drei. Schön ist anders, gerade im Weltkultur-Bereich der Innen-, Alt- und Gärtnerstadt. Die GAL hatte ja in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten verschiedentlich Versuche unternommen, das Plakatieren während der Wahlkämpfe per Satzung in stadtverträglichen Grenzen zu halten. Vergeblich, wie wir wissen. Vielleicht führt der Plakat-Overkill in diesem Jahr (der natürlich auch mit der Vielzahl der kandidierenden Parteien und Wählergruppen zu tun hat) zu einem Umdenken….

Von der inhaltlichen und gestalterischen Qualität der Plakate will ich erst gar nicht reden. Beim Radeln durch die Stadt komme ich mir mittlerweile, besonders was die Kopf-Plakate angeht, vor wie in einem Gruselkabinett oder einer Geisterbahn. Und Inhalte gibt es auf den Plakaten ohnehin kaum. Glaubt eigentlich wirklich noch jemand, er oder sie könne die Wähler*innen auf diesem Weg von sich überzeugen?

Bemerkenswert: Von der AfD habe ich bislang kein Plakat entdecken können. Nicht, dass ich da etwas „vermissen“ würde. Aber nachdem die Rechtsausleger-Partei schon ihre Kandidaten-Liste in der Öffentlichkeit bislang verheimlicht hat, scheint sie jetzt auch noch auf Wahlplakate zu verzichten. Man wird sehen, ob sich das auf das Wahlergebnis auswirkt.

Aber vielleicht handelt es sich dabei ja um einen politikwissenschaftlichen „Feldversuch“ mit der Fragestellung: Kann eine rechtsextreme Partei einen braunen Müllkübel (Das ist so etwas wie der „Nachfolger“ des schwarzen Besenstiels, der in nicht allzu ferner Vergangenheit als CSU-Kandidat fungierte…) als Kandidaten aufstellen, der dann auch ohne jede Wahlwerbung sein Kreuzchen erhält? 😱😉

Am 15. März werden wir mehr wissen…

3

20. Februar:

Schade: Mittlerweile sind auch Plakate er AfD gesichtet worden. Darauf hätte ich gern verzichten können. Nicht nur, weil mich das Ergebnis des oben angedeuteten Feldversuchs interessiert hätte…

4

24. Februar:

Es ist schon erstaunlich, mit welchen Sprüchen manche Kandidat*innen glauben, für sich Werbung machen zu können. Wenn frau „waschechte Bambergerin mit Herzblut“ ist, scheint das als Grund für eine Wählerstimme ausreichend zu sein. Mir, und zwar als „waschechtem Bamberger“, ist das ein bisschen arg wenig.

Noch schlimmer ein anderer Kandidat, der fordert „Bamberg den Bambergern„. Egal ob sich das „nur“ gegen die Tourist*innen richtet oder sogar rassistisch gemeint ist, übel ist der Spruch allemal. Ob der Mann, der im Hauptberuf Metzger ist, seine Leberkäs-Bröödla auch ausschließlich an Bamberger verkauft?

Update: Inzwischen hat sich unser Metzger für diesen Spruch (dessen Nähe zu Nazi-Gedankengut offenbar nicht nur mir aufgefallen ist) entschuldigt und ihn auf seinen Plakaten überklebt. In ähnlicher Weise hat sich mittlerweile auch der CSU-Kreisverband geäußert. – So heute (26.02.) zu lesen auf infranken.de.

Heute war ich im Rathaus, um die Unterlagen für die Briefwahl abzuholen. Der Andrang im Wahlamt war beträchtlich. Ich finde das gut: So können sich die Leute die Zeit nehmen, um sich ihre Wahl sorgfältig zu überlegen. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, wird das Ergebnis der unveränderten Stimmzettel (am Sonntagabend) noch weniger aussagekräftig sein als schon bei früheren Wahlen.

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26. Februar:

Die Bandagen, mit denen gekämpft wird, werden allmählich härter: Die OB-Kandidatin der sogenannten „Bamberger Allianz“ ist jetzt vor den Kadi gezogen, um gegen ein Erklär-Video zur Kommunalwahl vorzugehen, das die Stadt Bamberg auf ihrer Website verlinkt hatte. Grund: Darin ist auch der jetzige und erneut kandidierende OB zu sehen. Und das sei eine Verletzung seiner Neutralitätspflicht. Kann man machen. Müsste frau aber nicht. Denn wer das Video gesehen hat (wahrscheinlich die wenigsten…), weiß, dass sich das Zeigen des OB-Fotos auf das Ergebnis der vergangenen OB-Wahl bezieht und nicht auf die bevorstehende Abstimmung. Das hätte man auch souverän ignorieren oder ironisch kommentieren können…

Ob der OB und sein vielköpfiges Propaganda-Team im Rathaus mit diesem Video allerdings gut beraten waren, steht auf einem anderen Blatt. Ein Schüler-Video, das noch dazu in einem Kurs seines 3. Bürgermeisters (im Hauptberuf Lehrer) entstanden ist – das hat schon ein G’schmäckle. Dass dieses Video auch noch einen Fehler (Auf dem Beispiel-Wahlzettel für die Stadtratswahl ist bei einer Liste ein Kandidat auf Platz 1 einmal aufgeführt, danach steht eine zweimal aufgeführte Kandidatin auf Platz 2. Das ist nicht zulässig, weil mehrfach aufgeführte Kandidaten vor den einfach aufgeführten stehen müssen. Siehe Gemeinde- und Landkreiswahlgesetz, Art. 25, Abs. 4, Satz 2) enthält, scheint bislang noch niemandem aufgefallen zu sein. Warum die Stadt nicht einfach auf ein gewissermaßen „offiziöses“ Erklär-Video (z.B. das des Innenministeriums) zurückgegriffen hat, bleibt ihr ewiges Geheimnis. Ganz schön blöd, der Konkurrenz eine so offene Flanke zu bieten.

Dabei bietet die gegenwärtige „Öffentlichkeitsarbeit“ des OB Anlass genug zur Kritik. In den vergangenen Monaten haben sich die Termine mit Ortsbesichtigungen, Bürgergesprächen und digitalen Sprechstunden auffällig gehäuft. Zu sehen und zu hören ist dabei „natürlich“: der amtierende OB, der sich schön ins Bild zu setzen weiß. Hier wird ganz gewiss Wahlkampf mit städtischen (auch: Finanz-) Mitteln gemacht. Allerdings so geschickt, dass es wohl kaum justiziabel wäre. Ob dies dem OB allerdings wirklich nützt, wage ich zu bezweifeln. Denn in Sachen Bürgerbeteiligung sind die Defizite, die er in den 14 Jahren seiner Amtszeit angehäuft hat, so offensichtlich, dass er sie mit den Pseudo-Aktionen der vergangenen Wochen bestimmt nicht wettmachen kann.

Noch einmal zurück zu den „harten Bandagen“: Wenn die Demolierung des Autos der klagenden OB-Kandidatin wirklich in einem ursächlichen Zusammenhang mit ihrem Vorgehen gegen das Video stehen sollte (Die Polizei scheint das bisher anders zu sehen!), dann ist das selbstverständlich in keiner Weise akzeptabel, sondern eine weitere Verrohung der politischen Sitten, der sich alle demokratischen Parteien entgegenstellen müssen.

Deshalb die Bitte: Wie wäre es denn mit einem Zurück zum politischen Streit, zu Inhalten und Argumenten? Daran fehlt es nämlich bislang sehr im Bamberger Wahlkampf.

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3. März:

Mit der Veröffentlichung einer von ihm in Auftrag gegebenen Umfrage hat der FT (Der Artikel ist leider hinter einer Paywall verborgen. Hier der Link zur Kurzfassung) die Spekulationen um den Ausgang der bevorstehenden Kommunalwahlen erheblich befeuert. Manche Reaktionen, etwa die der Weinsheimer-Truppe („Stehen die Wahlsieger schon fest?“), waren absehbar. Und Umfrage-Ergebnisse laden natürlich zur politischen Instrumentalisierung ein. An beidem, den Spekulationen und der Instrumentalisierung, möchte ich mich nicht beteiligen. Zunächst sind vielmehr einige Relativierungen notwendig:

1. Banal, aber wichtig: Eine Umfrage ist eine Umfrage und kein Wahlergebnis. Jede*r, der/die sich schon einmal auch nur ansatzweise mit empirischer Sozialforschung und Statistik befasst hat, weiß, dass solche Umfragen einen bestimmten Vertrauens- oder Erwartungsbereich (in der Fachsprache „Konfidenzintervall“ genannt) haben. Der liegt beispielsweise beim ZDF-Politbarometer für die „großen“ Parteien (Prozentanteil von ca. 40%) bei +/- 3%-Punkten, für die kleinen (Prozentanteil von ca. 10%) bei +/- 2 %-Punkten (Zur Methodik des Politbarometers vgl.diesen Link!). Ähnliches dürfte (mindestens!) für die FT-Umfrage gelten.

2. Die FT-Umfrage spiegelt allerhöchstens das wider, was im ZDF-Politbarometer „politische Stimmung“ zum Zeitpunkt der Umfrage genannt wird. Sie ist mit Sicherheit keine „Projektion“ des Wahlergebnisses, weil ihr hierfür die statistischen Grundlagen (z.B. zu den dauerhaften politischen Orientierungen und Parteipräferenzen in Bamberg, die nur durch eine gewisse Regelmäßigkeit der Umfragen zu erhalten wären) fehlen.

3. Was die Stadtratswahl angeht, ist die Unsicherheit noch größer. Das hängt mit dem bayerischen Kommunalwahlrecht zusammen, vor allem mit der Möglichkeit des Kumulierens und – noch stärker – des Panaschierens. Das hat in der Vergangenheit schon mehrfach zu spürbaren Veränderungen zwischen der Auszählung am Sonntag (wenn nur die unverändert abgegebenen Stimmzettel, also jene mit einer eindeutigen Parteipräferenz (Listenkreuz), ausgezählt werden) und der endgültigen Zählung geführt.

Vor dem Hintergrund dieser Relativierungen lässt sich festhalten:
Da ist vieles noch offen.

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3. März:

Mit Blick auf die OB-Wahl muss man kein großer Prophet sein (und brauchte schon gar keine Umfrage!), um zu prognostizieren, dass sich dabei ein Dreikampf (zwischen Starke, Glüsenkamp und Lange) abzeichnen würde und es wahrscheinlich zu einer eine Stichwahl kommen dürfte. Vor diesem Hintergrund und angesichts der Vielzahl der „sonstigen“ OB-Kandidat*innen möchte ich einige strategische Überlegungen beisteuern. (Dass mein Favorit, wenig überraschend wohl, Glüsenkamp heißt, soll dabei erst einmal außer Betracht bleiben!)

Die folgenden Bemerkungen richten sich deshalb zunächst und vor allem an jene Wähler*innen, die mit einem Kreuzchen bei einem der Kandidierenden der „kleinen“ Parteien und Wählergruppen (also ohne reelle Chance, in die Stichwahl zu kommen) liebäugeln. Denn die könnten sich ja sagen: Wenn es ohnehin eine Stichwahl geben wird, dann können wir wenigstens im ersten Wahlgang für unseren „eigentlichen“ Favoriten stimmen. Für weitergehende strategische Überlegungen bleibt uns ja die Stichwahl.

Das mag für jene Wähler*innen, die sich dem bürgerlich-konservativen Spektrum zurechnen (und dazu gehören in Bamberg natürlich auch die meisten Starke-Anhänger*innen!), noch einigermaßen richtig sein. Aber wie steht es um diejenigen, die sich einen tatsächlichen Wechsel wünschen und den beiden GroKo-Kandidaten, von denen lediglich ein „Weiter so!“ zu erwarten ist, skeptisch gegenüberstehen?

Also konkret:

  • die Anhänger*innen von Volt, der „Partei“, Linker Liste und die ÖDP-Wähler*innen, denen Ökologie ein echtes Anliegen ist.
  • zumindest einige SPD-Wähler*innen, denen die genuinen sozialdemokratischen Ziele beim orangenen Andi allzu sehr verblasst sind.
  • evtl. sogar die CSU-Wähler*innen, die sich Lange (aus unterschiedlichsten Gründen) einfach nicht als OB vorstellen wollen oder können (davon soll es ja, wenn man dem Hörensagen glauben darf, nicht gerade wenige geben).

All diese (und vielleicht noch ein paar andere, die für einen der anderen aussichtslosen Kandidierenden stimmen wollten) sollten sich über Folgendes im Klaren sein: Da davon auszugehen ist, dass der Amtsinhaber auf alle Fälle in die Stichwahl kommt, ist jede Stimme für eine*n andere*n Kandidierenden als Glüsenkamp indirekt eine Stimme für Lange. Denn im ersten Wahlgang geht es vornehmlich darum, wer in der Stichwahl Starkes Konkurrent sein wird.

Fazit: Wer in der Stichwahl über eine echte Alternative zur GroKo-Politik in Bamberg abstimmen möchte, muss schon im ersten Wahlgang sein Kreuzchen bei Jonas Glüsenkamp machen – auch wenn sein eigentlicher Favorit dabei das Nachsehen hat.

Eine persönliche Bemerkung zum Schluss: Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schmerzhaft eine solche strategische Wahlentscheidung im ersten Wahlgang sein kann, weil ich bei meiner eigenen OB-Kandidatur (1994) selbst der Leidtragende war. Damals haben sich viele Wähler*innen auf die Kandidaten konzentriert, denen sie eine reelle Chance für die Stichwahl einräumten – auch wenn sie mich für ihren eigentlichen Wunschkandidaten hielten. Ich weiß also sehr gut, was ich den Betroffenen „zumute“. Und muss sie dennoch auf die Wahl zum Stadtrat „vertrösten“, in der sie ihre eigentliche Chance sehen sollten.

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6. März:

Das nenne ich „zurückhaltende“ Öffentlichkeitsarbeit: im neuen „Rathaus-Journal“ gibt es „nur“ 11 Fotos, auf denen der OB abgebildet ist.

Für die Zahl übernehme ich keine Garantie – ich kann mich durchaus verzählt haben, weil ich mich nicht allzu lang mit dieser Publikation befassen wollte…

An ähnliche „Bestleistungen“ kann ich mich noch erinnern: in der Ära Röhner. Da erzählte man sich – natürlich hinter vorgehaltener Hand – das Bonmot: „Warum lächelt Röhner immer bei einem Gewitter? – Er denkt, es sei ein Blitzlicht…„.

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8. März:

Ich gehe in den nächsten Tagen, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, nicht mehr in die Innenstadt. Es gibt tatsächlich immer wieder immer neue und um so dümmere Wahlplakate. Das halte ich einfach nervlich nicht mehr aus.

Zum Beispiel? Die zentrale Forderung einer Liste (die „Ehre“, sie namentlich zu nennen, gewähre ich ihr bestimmt nicht…) besteht darin, „für Bamberger Feste Bamberger Bier“ zu fordern. Na prima, wenn es sonst nichts gibt, was man in Bamberg verändern müsste.

Und die orangene Liste meint, aus der – scheinbaren oder tatsächlichen – Popularität des OB-Amtsinhabers insofern Gewinn schlagen zu können, als sie den Wähler*innen weiszumachen versucht, wer ihn weiter als OB wolle, müsse diese Liste wählen. Ähem: Schon mal was davon gehört, dass OB und Stadtrat in zwei getrennten Abstimmungen gewählt werden? Ach, ist doch egal…

Für den „Höhepunkt“ aber sorgte die OB-Kandidatin U.R., deren Wahlwerbung in Form eines mehrere Meter hohen Transparents an einem Haus in der unmittelbaren Nachbarschaft des Wasserschlosses Concordia „prangt“: an der Fassade, sich über zwei (!!) Stockwerke erstreckend. (Müsste die Auto-Korrektur hier nicht eigentlich „erschreckend“ einfügen?)

Und kaum habe ich, endlich wieder daheim, unsere Haustür aufgesperrt, finde ich dort einen Hustenbonbon (magentafarben – die Bamberger wissen, von wem der kommt…) mit dem ach so witzigen Spruch „Wir brauchen ihre Stimme“…
Hilfe, ich kann nicht mehr. Mir ist schon schlecht!

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14. März:

Meine Bitte für die morgigen Kommunalwahlen:

1. Bitte macht von eurem Wahlrecht Gebrauch (sofern nicht durch Briefwahl ohnehin geschehen)!
2. Bitte wählt keine Faschisten, Rassisten oder Nationalisten!
3. Bitte gebt eure Stimmen den Kandidat*innen, die die größte Herausforderung der Gegenwart, die Klima-Krise, ernst nehmen – und zwar nicht nur in ihren Wahlprogrammen, sondern in ihrem tatsächlichen politischen Handeln (das lässt sich an den Anträgen in den Kommunalparlamenten und dem jeweiligen Stimmverhalten gut nachvollziehen)!

Flashback: Keith Jarrett in München (1975)

Vor etwas mehr als einer Woche war des Öfteren zu lesen, dass sich die Aufnahme des „Köln Konzert“ von Keith Jarrett am 24. Januar zum 45. Mal jähre. Das fand ich deshalb interessant, weil ich (ohne dass ich das damals ahnen konnte) Jarrett genau bei dieser Tournee auch live gesehen habe: am 3. Februar, und zwar in München im Amerika-Haus. (Dort war damals noch das Institut für Zeitungswissenschaft – Kommunikationswissenschaft – der Universität untergebracht, was ich im Nebenfach studierte. Wahrscheinlich bin ich dadurch auch auf das Konzert aufmerksam geworden.)

Jarrett kannte ich aber natürlich schon: von seiner Zusammenarbeit mit Miles Davis und durch eine Platte, die er gemeinsam mit Gary Burton aufgenommen hatte. Und von seinen Solo-Aufnahmen aus dem Jahr 1973 (Bremen/Lausanne), die ich als sehr faszinierend empfunden hatte und die schon in meinem Plattenschrank standen. Jarrett war also, obwohl erst 29 Jahre alt, eine einigermaßen bekannte Figur in der Jazz-Szene. Allerdings noch nicht der Superstar, zu dem ihn das erwähnte Kölner Konzert, wohl immer noch eine der am meisten verkaufte Jazz-LPs aller Zeiten, machen sollte.

So ist es wohl auch zu erklären, dass das Konzert in München in einer relativ kleinen Location stattfand und selbst für mich als Studenten bezahlbar war. Ich war gemeinsam mit einem Freund und Studienkollegen dort, der selbst sehr passabel Klavier spielte. Und wir waren ziemlich beeindruckt. Das Improvisationstalent Jarretts, seine Fähigkeit, unterschiedlichste stilistische Einflüsse aufzunehmen und zu etwas ganz Eigenem zu verarbeiten und natürlich auch seine technische Brillanz waren schon außergewöhnlich. Und deshalb war es für mich auch gar keine Frage, mir dann das Köln Konzert zuzulegen, als es einige Monate später veröffentlicht wurde.

Die Atmosphäre im Münchner Konzert war, wie soll man sagen, ja, vielleicht: andächtig. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass Jarrett irgendetwas von seinen berüchtigten Empfindlichkeiten (bloß kein Husten!) von sich gegeben hätte. Es war vielmehr: ein rundum gelungener Abend, an den ich gern zurückdenke.

PS: Zum Münchner Konzert selbst konnte ich Netz leider keine Rezension finden. Es gibt aber einen relativ langen Beitrag zu einem Konzert in der Schweiz, ein paar Tage zuvor. Und in einem AZ-Beitrag mit einem Interview mit Jarrett (aus dem Jahr 2013) ist ein Foto abgebildet, das den Pianisten gemeinsam mit Manfred Eicher von der Plattenfirma ECM, zeigt, das wohl im Amerika-Haus entstanden ist. Für Jarrett-Fans vielleicht auch interessant: die – allerdings nicht offizielle – Website https://www.keithjarrett.org/.

Meine Diss. jetzt als PDF

Es soll ja tatsächlich noch Menschen geben, die sich für so etwas interessieren: für „linke Theorie“. Nach meinem Eindruck werden es in letzter Zeit sogar wieder mehr. Und wie kommt dieser Eindruck zustande? Zum einen erhalte ich neuerdings immer wieder mal die eine oder andere Anfrage, ob ich denn noch Exemplare meiner als Buch unter dem Titel „Die Entwicklung der marxistischen Staatstheorie in der Bundesrepublik“ erschienenen Dissertation habe. Und ich muss dann immer antworten: Nein, leider nicht. Und das Buch ist beim Verlag natürlich längst vergriffen. Zum anderen wird das Buch immer wieder zitiert, weil es eines der wenigen ist, das einen relativ systematischen Überblick über die Entwicklung linker Theoriebildung im Nachkriegsdeutschland (West) gibt.
Die Studie, 1981 in der Reihe Campus Forschung, Band 231, veröffentlicht, untersucht die Entwicklung der marxistischen Staatstheorie in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 bis Ende der 70er Jahre. Sie versucht zu klären, warum die Theoriebildungsansätze (Kritische Theorie in den 50er Jahren, antiautoritäre Studentenbewegung der 60er Jahre, marxistische „Ableitungsdebatte“ der 70er Jahre – um es verkürzt zu sagen) so unterschiedlich waren, dass man sogar von Paradigmenwechseln sprechen kann. Im Blickfeld stehen damit vor allem die gesellschaftsstrukturellen Bedingtheiten materialistischer Theoriebildungsprozesse. Es geht also nicht bloß um Ideengeschichte, sondern auch und vor allem um die Frage, warum und in welchem spezifischen gesellschaftlichen Umfeld bestimmte Theorien entwickelt wurden.
Mein Erkenntnisinteresse war dabei – wie ich damals in der Vorbemerkung geschrieben habe – von folgender Maxime geleitet:
Insofern die studentische Protestbewegung und ihre Ausläufer meine politische Sozialisation erheblich beeinflusst haben und meine wissenschaftliche Position wesentlich von der marxistischen Theoriediskussion der siebziger Jahre geprägt worden ist, stellt diese Arbeit auch den Versuch dar, ein Stück der eigenen individuellen Bildungsgeschichte selbstkritisch aufzuarbeiten.“ (S. 8)
Wem das also interessant genug erscheint, möge sich den bald 40 Jahre alten Schmöker hier als PDF-Datei herunterladen (Achtung: 15 MB Umfang!). Für die teilweise miese Qualität der Scan-Ergebnisse entschuldige ich mich schon jetzt. Das Buch selbst wollte ich nicht als Vorlage nehmen, weil ich es schon damals als schwer lesbar (natürlich nur, was das Layout angeht!) empfand. Ich habe deshalb die (auf einer elektrischen Schreibmaschine entstandene) Druckvorlage – those were the days… – eingescannt. Und die war halt schon ein bisschen ausgebleicht…

Trump in Davos: Wohlfeile Empörung

Sich über Trumps Rede in Davos zu empören, liegt nahe: Der US-Präsident bot (wieder einmal) die von ihm ja nicht ungewohnte Mixtur aus arrogantem Selbstlob, frechen Lügen (über die Wirtschaftslage in den USA vor allem[1]) und seiner dummdreisten Ignoranz in Bezug auf die Klima-Krise. Hat Robert Habeck nicht also völlig Recht, wenn er sagt, Trump stehe „für all die Probleme, die wir haben“[2]?

Ich empfehle trotzdem, sich die Frontstellung zwischen dem wackeren Grünen und dem völlig unempathischen Trump aus einer anderen Perspektive anzuschauen. Zunächst einmal: Muss man Trump denn wirklich vorhalten, er habe keine Wahrnehmung für globale Probleme? Muss man ihm denn nicht vielmehr dankbar sein für die „Ehrlichkeit“, zumindest in dem Punkt, um dem es ihm wesentlich ging: Wachstum, Wachstum über alles. Denn das ist doch der Kern der Sache: Trump setzt sich (übrigens: schon immer) für ungebremste Kapitalakkumulation ein, er steht für die Interessen des global agierenden US-Kapitals.  Und das macht er mit einer fast schon atemberaubenden Offenheit. Die Anliegen, die die Fridays for Future vorbringen, sind ihm deshalb egal, müssen ihm egal sein, weil das Kapitalinteresse prinzipiell gleichgültig ist gegenüber Bedürfnissen und Interessen, die jenseits seiner Profit- und Akkumulationsziele liegen. Trump ist insofern nichts anderes als die Personifizierung dieser Kapitalinteressen. Charaktermaske nannte man das früher.

Na also: das meinte Habeck doch, oder? Ich bin mir da nicht so sicher. Wenn man Habecks Aussage, Trump stehe für alle Probleme, die wir haben, allein auf die Klima-Krise beziehen wollte, dann mag das noch angehen. Aber was ist mit den Ursachen dieser Klima-Krise, die doch in der unauflöslichen Verbindung zwischen kapitalistischer Wirtschaftsweise und der Ausbeutung fossiler Ressourcen liegen[3]? Ich wüsste nicht, dass sich Habeck (oder irgendein*e andere*r Spitzenpolitiker*in der bundesdeutschen Grünen) dazu je inhaltlich geäußert haben. Im Gegenteil: Alle bislang vorgeschlagenen Maßnahmen und Lösungsansätze der Grünen bewegen sich im Rahmen dessen, was mit kapitalistischem Wirtschaften vereinbar ist. Daran ändert sich auch nichts, wenn man das dann als „ökologische Marktwirtschaft“ zu bemänteln versucht. Am deutlichsten wird diese Strategie – wie so oft – bei Winfried Kretschmann. Felix Ekardt, Leiter der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Professor an der Uni Rostock, außerdem ehrenamtlicher Landesvorsitzender des BUND in Sachsen, hat das unlängst mit Recht die „Kretschmannisierung der Klimapolitik“[4] genannt. Darunter zu verstehen ist jene Haltung, die vorgibt, etwas gegen den Klimawandel tun zu wollen, ohne tatsächlich an dessen Wurzeln („radikal“ also im Wortsinn!) zu gehen. Und so zu tun, als ob sich unsere Lebens- und vor allem Wirtschaftsweise im Prinzip beibehalten und dennoch die Klima-Krise beenden lasse. Wenn der US-Botschafter Richard Grenell Habecks Aussagen zurückweist mit dem Argument, eine Wirtschaft könne massiv wachsen und gleichzeitig könne der CO2-Ausstoß gesenkt werden[5], dann befindet er sich nämlich in bestem Einvernehmen mit Kretschmann, Fücks und Co., denen Ähnliches vorschwebt.

Und solange das so ist, nenne ich Habecks Kritik: ziemlich wohlfeil.


[1] Der Faktencheck, den Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz – mit Bezug auf amtliche US-Statistiken – anschließend verteilen ließ, wird zumindest bei Trumps Anhängerschaft – wie eigentlich immer – folgenlos bleiben.

[2] Habeck hat es mit seiner Intervention immerhin überall in die Schlagzeilen geschafft. Pars pro toto: „Habeck nennt Trumps Auftritt ‚ein einziges Desaster‘“. In: sueddeutsche.de, 21.01.2020

[3] Ich habe diesen Zusammenhang erst unlängst hier auf diesem Blog ausführlich analysiert.

[4] Siehe Felix Ekart: Die Kretschmannisierung der Klimapolitik. In: ZEIT-ONLINE, 9.12.2019

[5] Grenell wird dementsprechend zitiert in „Robert Habeck nennt Donald Trumps Rede ein ‚Desaster‘“ (ZEIT-ONLINE, 21.01.2010).