Flashback: Olympia ’72 hatte nicht nur Sport (und Terror) zu bieten

Die Olympischen Sommerspiele 1972 in München haben ja derzeit angesichts des 40-jährigen Jubiläums in den Medien wieder „Konjunktur“. Für mich persönlich verbinden sich damit allerdings eher musikalische Erinnerungen. Ich war zwar an einem Wochenende bei zwei Basketball-Spielen der Vorrunde (mit dem Bamberger Gerhard Brand als deutschem Nationalspieler, gegen den ich selbst des öfteren auf dem Feld gestanden bin…) – aber ansonsten ließ mir mein „Ersatzdienst“ (so hieß der Zivildienst damals noch) kaum Gelegenheit, selbst live bei Sportereignissen dabei zu sein. Zudem war mein schmales Budget schon durch einige Konzerte im Vorfeld der Spiele arg belastet worden, die im Rahmen des Kulturprogramms in der Reihe „Jazz Now!“ stattfanden. Diese Konzerte (drei konnte ich mir leisten) waren sehr klug zusammengestellt: mit großen Namen des Jazz wie Art Blakey und Charles Mingus und mit aktuellen Jazz-Rock-Formationen wie dem Mahavishnu Orchestra, die auch ein jüngeres Publikum ansprachen. Das Line-up der Konzerte spricht Bände:

17. August 1972:
Charles Mingus Sextet mit Jon Faddis (tp) Charles McPherson (as) Bobby Jones (ts, cl) John Foster (p) Charles Mingus (b) Roy Brooks (d)
Mahavishnu Orchestra

18. August 1972:
Art Blakey/Tony Williams-Group mit Jeremy Steig (fl), George Cables (p, el-p), Stanley Clarke (b), Art Blakey (dr), Tony Williams (dr), Ray Mantilla (timbales, congas, bongos), Buck Clarke (gong, bells, congas, african drums)
Ginger Baker’s Salt mit Ginger Baker (dr), Steve Gregory (ts, fl), Bud Beadle (ts, as, ss), Tunde Koboje (b), Berkley Jones (g), Laolu Akins (african drums), Kehinde Lijadu (voc), Taiwo Lijadu (voc)

19 August 1972:
Solo Now!-Konzert mit John McLaughlin, Chick Corea, Gary Burton, Albert Mangelsdorff

Besonders der Auftritt des Mahavishnu Orchestra wird für mich ein unvergessliches Ereignis bleiben. Ich hatte mir zwar bereits ihre erste Platte zugelegt, aber diese Stücke live zu erleben, war großartig: Die fünf Musiker, allen voran John McLaughlin mit seiner doppelhalsigen Gitarre, legten mit einer Dynamik und einer für Jazzverhältnisse unglaublichen Lautstärke los und boten dabei dennoch einen äußerst differenzierten und durchsichtigen Sound. (Wie sie das im Kongress-Saal des Deutschen Museums, der ja nicht gerade für seine gute Akustik bekannt war, geschafft haben, ist mir immer noch ein Rätsel…). Ich war jedenfalls ziemlich geplättet danach.

Im Gegensatz dazu waren die Solokonzerte zwei Tage später im Herkulessaal ein sozusagen kammermusikalischer Genuss. Erstmals blies Albert Mangelsdorff seine Posaune ohne jegliche Begleitung. Und McLaughlin, Corea und Burton sind ja ohnehin (auch heute noch!) eine Klasse für sich. Großartig waren eigentlich alle Auftritte. Stark eingeprägt haben sich mir aber das wahnwitzige Spiel von Mangelsdorff, das mit seiner Überblas-Technik wirklich innovativ war. Und die Zugabe nach Chick Coreas Auftritt, wo es zu einer echten Premiere kam: dem Zusammenspiel mit Gary Burton, das dann auch bald danach zu einer gemeinsamen Platte führte.

Edit: Vor kurzem habe ich endlich einen längeren Mitschnitt des Konzerts mit dem Mahavishnu Orchestra entdecken können. Der Titel bei YouTube („Full“) täuscht etwas. Es handelt sich dabei keinesweges um einen kompletten Konzert-Mitschnitt, sondern „nur“ um den Mitschnitt einer TV-Aufzeichnung. Das Konzert war in Wirklichkeit doch erheblich länger. (Ich erinnere mich noch, dass ich große Probleme hatte, meine letzte Straßenbahn zu erwischen…). Und auch Bild- und Ton-Qualität lassen zu wünschen übrig. Dennoch bin ich froh, wenigstens etwas von diesem Konzert präsentieren zu können:

Es bleibt zu hoffen, dass irgendwann auch von den anderen Konzerten Mitschnitte auftauchen oder sich ARD/ZDF vielleicht mal entschließen könnten, diese Perlen der Nachwelt zugänglich zu machen.