Für Fans der Allman Brothers ein Muss!

Für andere zumindest sehr interessant, wenn sie sich für die Geschichte der Rock-Musik interessieren und mehr wissen möchten über eine der besten Bands aller Zeiten:

Alan Paul: One Way Out: The Inside History of the Allman Brothers Band
Mit einem Vorwort von Butch Trucks und einem Nachwort von Jaimoe

Alan Paul hat mit allen noch lebenden Mitgliedern der Allman Brothers Band (ABB) lange Interviews geführt. Er hat auch mit langjährigen Crew-Mitgliedern, Roadies und Managern gesprochen und nicht zuletzt Freunde und Wegbegleiter befragt. Aus diesen Interviews hat er seine Geschichte der Band zusammengefügt: wie ein riesengroßes Puzzle. Es gibt in diesem Buch also hauptsächlich „O-Töne“, der Autor beschränkt sich darauf, jedes Kapitel mit einigen wenigen erläuternden Sätzen einzuleiten. Das ist manchmal notwendigerweise etwas redundant, weil ein- und dasselbe Ereignis von unterschiedlichen Protagonisten aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wird. Das ist aber auf der anderen Seite auch sehr aufschlussreich- zum Beispiel: Der Rausschmiss des Gründungsmitglieds Dickey Betts vor knapp 15 Jahren (von vielen Fans heute noch bedauert) wird von allen Beteiligten geschildert und kommentiert, der Autor verzichtet dagegen auf eine „letztgültige“ Deutung. Und diese Zurückhaltung, dieser Verzicht auf die „definitive“ Geschichte, ist das durchgängige Stilmittel. Mit allen Stärken und Schwächen, die dadurch bedingt sind.
Wer sich darauf einstellt, erfährt jedoch jede Menge interessanter Details: über die Vorgeschichte der Band, über die schwierigen Anfangszeiten, über das Leben „on the road„, über Drogenge- und -missbrauch, über das berühmte Zusammentreffen von Duane Allman und Eric Clapton bei den Layla-Sessions, über Krankheiten, Konflikte, Trennungen und come-backs. Und über das enorme Charisma des so früh verstorbenen Duane Allman, das bis heute nachzuwirken scheint und das von wirklich allen, die im Buch zu Wort kommen, immer wieder bestätigt wird.
So entsteht das bunte Bild einer großen Musiker-Familie (das Cover-Foto ihrer LP „Brothers and Sisters“ mag hierfür als Symbol stehen), die ihren großen Hippie-Traum umsetzte, einer Band, die wie selbstverständlich auf Rassen-Integration setzte – und das im tiefsten Süden der USA. Und nicht zuletzt das Bild einer Band, zu deren Repertoire so unsterbliche Hymnen wie „Whipping Post„, „In Memory of Elizabeth Reed„, „Ramblin‘ Man“ oder „Jessica“ gehören, die aber – nicht zuletzt durch die „Blutauffrischung“ in Gestalt des jetzigen Leadgitarren-Duos Warren Haynes und Derek Trucks – seit nunmehr 45 Jahren in der Lage ist, dieses Repertoire immer wieder neu zu „erfinden“, ohne je langweilig zu werden. (Wer für diese These einen Nachweis braucht, wird bei YouTube jederzeit fündig!)
Der Schwerpunkt des Buchs liegt deutlich in den Anfangsjahren der Band, die späten Jahre werden (von Ausnahmen, wie dem oben erwähnten Rausschmiss, abgesehen) oft eher kursorisch abgehandelt. Ich habe das nicht als Nachteil empfunden, denn diese formativen Jahre haben der Ruhm der ABB begründet. Der schnelle Aufstieg zu einer besten und gefragtesten Live-Bands in den USA, die tragischen Todesfälle (Duane Allman und Gründungsbassist Barry Oakley starben bei Motorrad-Unfällen im Jahresabstand) und die Bemühungen, damit umzugehen und die Band am Leben zu halten – all das sind auch aus meiner Sicht die historischen Daten, die einer näheren Betrachtung wert sind.
Das Buch liest sich – das ist der Vorteil des „Interviewschnipsel-Puzzles“ – gut, es verzichtet auf musikwissenschaftlichen Jargon. Bislang gibt es nur die amerikanische Version. Das heißt: die werte Leserschaft muss sich zumindest einigermaßen mit US- und vor allem Südstaaten-Slang auskennen, um die Nuancen mitzukriegen.

Vergessene Perlen: „Give Me a Double“

Rund 40 Jahre ist es her, dass dieses Doppelalbum im Münchner Jazzclub „domicile“ aufgenommen wurde. Es ist die einzige Veröffentlichung des Slide Hampton-Joe Haider Orchestra – leider! Und genauso leider ist diese Platte auch weitgehend in Vergessenheit geraten, obwohl sie eine der besten Big-Band-Veröffentlichungen der 70er Jahre enthält.

Ich hatte das Glück, eines der Konzerte dieser Band erleben zu dürfen, damals im Frühjahr 1974 im Münchner ARRI. Und dieses Konzert war schlicht: großartig. Joe Haider, der Schweizer Pianist, der damals in München lebte und eine Zeitlang so etwas wie der „Hauspianist“ im „domicile“ war, hatte eine imposante Truppe um sich geschart: zum einen die crème de la crème der in Europa lebenden amerikanischen Musiker (u.a. Dexter Gordon – damals auf einem Höhepunkt seiner Schaffenskraft -, Benny Bailey, Idrees Sulieman), zum anderen eine Auswahl jüngerer europäischer Spitzen-Jazzer (z.B.: Andy Scherrer, Ack van Rooyen, Ferdinand Povel). Und zur ersten Gruppen gehörte zudem mit Slide Hampton einer der originellsten Big-Band-Arrangeure der damaligen Zeit.

Das Ergebnis dieser Konstellation waren rund 90 Minuten bester Big-Band-Jazz, mit equisiten, abwechslungsreichen Arrangements und hervorragenden Soli.

Als Anspiel-Tipp empfehle ich: „Tante Nelly“, eine Komposition von Joe Haider mit 11 Minuten großartigem Powerplay-Jazz, und „Like a Blues“ (schon wegen Dexter Gordons Solo – auch wenn es seine enorme Präsenz, die er in Konzerten ausstrahlte, natürlich nur ansatzweise wiedergibt).

Offenbar gibt es von dieser sehr kurzlebigen Band keine einzige Live-Videoaufnahme. Ich habe jedenfalls nichts gefunden. Das oben erwähnte „Tante Nelly“ gibt es zumindest als Audio-File bei YouTube:

Also: unbedingt mal reinhören!

Ich konnte mir die Doppel-LP damals nicht leisten. Und als ich finanziell in der Lage dazu war, gab es sie in den Plattenläden längst nicht mehr. Vor etlichen Jahren ist sie dann endlich als CD-Wiederveröffentlichung erschienen. Wer sie noch irgendwo finden kann, sollte unbedingt zugreifen. Für mich ist sie – neben den Platten der Thad Jones-Mel Lewis Big Band und Peter Herbolzheimers Rhythm Combination & Brass – das Beste, was es aus dieser Zeit an innovativem Big Band Jazz gibt.