Colosseum live: immer noch grandios

Colosseum in der Berliner Kulturbrauerei

Colosseum in der Berliner Kulturbrauerei

Das muss ich natürlich vorausschicken: Wenn es um Colosseum geht, bin ich alles andere als objektiv. Ich liebe diese Band seit Jahrzehnten, ich habe sie mittlerweile drei Mal live gesehen (u.a. 1971 im Londoner Lyceum Theatre, bis heute eines der allerbesten Live-Konzerte überhaupt, das ich erleben durfte!), ich habe fast den gesamten Output dieser Band im Plattenschrank stehen. Vor diesem Hintergrund kann man nicht objektiv sein. Im Gegenteil: ich bin da mega-subjektiv.

Barbara Thompso, im Hintergrund am Schlagzeug Jon Hiseman

Barbara Thompson, im Hintergrund am Schlagzeug Jon Hiseman

Dennoch kann man von „alten Helden“ durchaus auch enttäuscht werden (siehe auch meinen Beitrag zum Pee Wee Ellis-Konzert in Bamberg). Und „alt“ trifft auf Colosseum ja wirklich zu. Vier der Band-Mitglieder stehen mittlerweile im achten Lebensjahrzehnt. Und von Barbara Thompson, der Saxophonistin der Band (seit Dick Heckstall-Smiths frühem Tod) und Ehefrau von Band-Gründer und Schlagzeuger Jon Hiseman, weiß man, dass sie seit einigen Jahren mit der Parkinson-Krankheit kämpft und nur durch ein neues Medikament überhaupt in die Lage versetzt wurde, wieder auf Tournee zu gehen. Sie wurde dementsprechend begeistert vom Publikum begrüßt. Dass und wie sie immer noch spielt, ihre wunderbar melodischen Soli, das ist schon bemerkens- und bewundernswert. Die Pausen, die sich nimmt (sie ging beim letzten Stück, der Valentyne Suite, nach ihrem Solo von der Bühne und kam erst ganz am Schluss der Zugabe wieder) und wohl nehmen muss, sind ebenso verdient wie verständlich. Ähnliches gilt für Lead-Sänger Chris Farlowe, der mit seinen 74 Jahren der Älteste der Combo ist. Er gönnt sich bei den langen Instrumental-Passagen gern ein Päuschen am Bühnenrand und die Valentyne Suite konnte er ganz in der Künstlergarderobe verbringen. Aber: diese Stimme, auch wenn sie sich vielleicht nicht mehr ganz so hoch schrauben kann wie früher, ist immer noch unvergleichlich.

Clem Clempson bei einem seiner brillanten Soli

Clem Clempson bei einem seiner brillanten Soli

Angesichts der immer sehr ausgehnten Soli war der Set bei ihrem Konzert im sehr gut besuchten Kesselhaus der Berlinerkulturbrauerei überschaubar: Vom altbekannten Repertoire standen Walkin‘ in the Park (als Aufwärm-Nummer), eine sehr schöne Version des Stormy Monday Blues und die bereits erwähnte Valentyne Suite auf dem Programm. Und als Zugabe nach Jon Hisemans obligatorischem Drum-Solo das vielleicht bekannteste Colosseum-Original Lost Angeles. Aber auch für diese bestimmt hunderte Male gespielten Stücke galt: Da waltete nicht bloße Routine, sondern die Arrangements waren frisch und die Spielfreude der Musikanten immer spürbar. Zum Beispiel Valentyne Suite: Dieses Stück besticht ja schon im Original durch die Vielfalt der musikalischen Motive und die ungeheure Dynamik des Aufbaus. Im Konzert legte die Band noch ein Scheit drauf. Sie steigerte sich im abschließenden Solo des Gitarristen Clem Clempson in einen Geschwindigkeitsrausch, der einer Speed Metal-Band alle Ehre gemacht hätte – mit dem Unterschied, dass das kein „Krach“, sondern ein ausgetüfteltes, immer beherrschtes Stück Gitarrenkunst war. Überhaupt Clempson: Mit 65 einer der „Jungspunde“ der Band, präsentierte er sich in grandioser Form und brillanter Spiellaune. Seine Soli waren mit das Beste, was ich in den letzten Jahren in diesem Genre gehört habe (und das will etwas heißen – ich habe heuer immerhin Derek Trucks und im vergangenen Jahr Eric Clapton live erlebt!). Er ist wohl (das hat vielleicht auch etwas mit seinem bescheidenen und völlig unprätentiösen Wesen zu tun) einer der meist unterschätzten Gitarristen der britischen Bluesrock-Szene und müsste eigentlich in einem Atemzug mit den großen Drei (Clapton, Beck und Page) genannt werden.

Von ihrer neuen CD („Time on Our Side“) stellte die Band drei Stücke vor, darunter das von Ana Gracey komponierte Blues to Music (Nur zur Information: Ana ist die Tochter von Jon und Barbara und selbst als Sängerin und Komponistin tätig – der Apfel ist also nicht weit vom Birnbaum gefallen…), und  – sozusagen als Gedenkstück für den unlängst verstorbenen Jack Bruce – dessen Song Morning Story, außerdem einen Titel von ihrer Bread & Circuses-CD. Auch diese neueren Werke zeichneten sich durch gewohnte Colosseum-Qualität aus: originelle Kompositionen, immer in Jazz und Blues verwurzelt, voll innerer Dynamik, mit zum Teil beeindruckender Wucht dargeboten, nicht zu vergessen die abwechslungsreichen Soli. A propos „Wucht“: die war nicht zuletzt dem Bassisten Mark Clarke (mit 64 das „jüngste“ Band-Mitglied, wusste auch als Sänger zu überzeugen) und  natürlich Jon Hiseman am Schlagzeug zu verdanken. Der 70-jährige Drummer ist offenbar ein Wunder der Natur, mit ihm im Rücken hat jede Band schon die halbe Miete eingefahren. Auch wenn sein Solo inzwischen nicht mehr 20 Minuten dauert: hochmusikalisch, melodisch (ja: melodisch!) und virtuos ist es immer noch.

Fazit: Diese Alt-Herren-Mannschaft (zu der noch der bislang nicht erwähnte, mittlerweile schlohweiße Dave Greenslade zählt, der mit seinem Kompositionstalent und seinem Orgelspiel ganz erheblich zum Gruppensound beiträgt) mit „alter Dame“ ist immer noch in der Lage, das Publikum zu begeistern. Und ich war ebenso überrascht wie erfreut, in eben diesem Publikum auch ein paar jüngere Gesichter zu entdecken. Es könnten und sollten viel mehr sein. Denn gute Musik kennt kein Alter.