Iyeoka live Nürnberg: eine Stimme mit Potenzial

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Iyeoka in Nürnberg

„Ein Stimme erobert die Welt“ – so wirbt die Konzertagentur für die derzeitige Tornee von Iyeoka und ihrer Band. Was die Stimme angeht, so kann man diesem Motto durchaus zustimmen. Die in Boston geborene Iyeoka Okoawo mit Wurzeln in Nigeria (wo ihre Eltern herkommen) hat eine jener warmen schwarzen Alt-Stimmen, die einen sofort gefangen nehmen. Ob sie mit dieser Tournee und dieser Band allerdings schon die Welt erobern wird, mag man noch bezweifeln. Das liegt vor allem an dem etwas zwiespältigen Eindruck, den ihr Konzert in Nürnberg bei mir hinterlassen hat. Die 40-jährige Iyeoka (derzeit hochschwanger – sehr bewunderswert, wie sie ihr knapp zweistündiges Programm in diesen „Umständen“ ohne Schwächeln bestritt!) begann den Auftritt mit fünf nach eigenen Aussagen neuen Nummern, die sie noch nie live gespielt hat. Und, was am meisten irritierte, die Basis-Tracks für diese Stücke kamen vom Computer. Von ihrer Band waren nur die beiden Bläser mit auf der Bühne. Die anderen Mitglieder (an der Gitarre, am Bass, am Schlagzeug und den Congas) kamen dann ab dem vierten Stück nach und nach dazu. Hatte sie noch keine Arrangements für diese Stücke, die sie mit der gesamten Gruppen spielen konnte? Oder war das Absicht? Obwohl die Songs durchaus hörenswert waren: zu überzeugen vermochte sie in diesem Format noch nicht. Es wurde aber noch befremdlicher: Nach fünf oder sechs Songs verließ die Sängerin die Bühne, und mit ihr gingen auch die beiden Bläser (beide sehr gut übrigens, ihr Bläsersätze kamen präzise und scharf, deutlich am Afro-Jazz eines Fela Kuti geschult!). Zurück blieb der Rest, der uns zunächst mit einem Santana-Verschnitt im Fusiongedudel-Gewand verwirrte. Der Gitarrist, sich selbst wohl als Virtuosen wahrnehmend, beglückte uns noch mit einem weiteren Instrumental gleichen Stils, dann war Pause. Wir waren gespannt, wie es weitergehen würde.

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Iyeoka und ihre Band: am Schluss gefeiert

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Die Bläser wussten auch als Solisten zu überzeugen

Der zweite Set war aber dann glücklicherweise wesentlich homogener: eine gelungenene und durchaus eigenständige Mischung aus Soul, R&B-, Rock-, Afropop- und Jazz-Elementen. Die meisten Songs hatten einen mittelschnellen, sehr eingängigen Groove, die Bläser akzentuierten mit ihren gestochen scharfen Einwürfen den Sound. Der Gitarrist blieb die meiste Zeit an der Leine (nur ein „Ausfall“ war noch zu vermelden, als er mit einem Geigenbogen seine Gitarre bearbeitete und vergeblich Jimmy Page nacheiferte) und spielte auch einige sehr schön perlende Läufe im Jùjú -Stil. Auf dieser Grundlage kam auch die wirklich beeindruckende Stimme Iyeokas sehr gut zur Geltung. Und mit ihrer grundsympathischen Art, ihrer optimistisch-positiven Weltsicht und ihren entsprechend motivierten Songs hatte sie das Publikum (im ersten Teil deutlich reservierter) schnell auf ihre Seite gezogen. Höhepunkt und Abschluss war ein knallig-funkiger Song, den sie den von Boko Haram-Islamisten entführten nigerianischen Mädchen und Frauen widmete. Die Zugabe bot dann allen Band-Mitgliedern die Gelegenheit zu ausführlichen Solo-Ausflügen. Die beiden Bläser (Saxofon und Posaune) wussten zu überzeugen und zeigten, dass sie auch das Jazz-Handwerk beherrschten. Schade nur, dass sie erst am Schluss des Konzerts Gelegenheit hatten, dieses Können unter Beweis zu stellen. Das eine oder andere Bläser-Solo hätte auch schon den Songs im regulären Teil gut getan und für etwas mehr Abwechslung gesorgt. Mein Fazit: Iyeoka, die ja erst relativ spät begonnen hat, professionell Musik zu machen, ist eine vielversprechende Künstlerin mit einer beeindruckenden Stimme. Sie hat in der Tat das Potenzial für eine erfolgreiche Zukunft. Was sie noch braucht, ist ein durchdachtes Repertoire und eine eingespielte Band, die ihr auf allen Positionen ebenbürtig ist.

Einen kurzen Song aus diesem Konzert gibt es auf meinem YouTube-Kanal zu sehen und zu hören: