44 years ago: Mini-Festival im Londoner „Roundhouse“

Heute gibt es wieder einmal einen Beitrag aus meiner unregelmäßigen Reihe “Flashback: Konzerterinnerungen”. Wir befinden uns im Jahr 1971 in London, genauer gesagt in Camden. Lange bevor dies zum Hipster-Stadtteil Londons wurde und dort noch die grau-düstere Realität eines Proletarier-Viertels herrschte.

Das Roundhouse existiert immer noch als Event-Location - dies ist ein aktuelles Foto aus dem Jahr 2015

Das „Roundhouse“ existiert immer noch als Event-Location – dies ist ein aktuelles Foto aus dem Jahr 2015

Doch mit dem „Roundhouse“, einem ehemaligen Lok-Schuppen, gab es seit Mitte der 60er Jahre erste, aber sehr deutliche Zeichen der Alternativ-Kultur, die heute, kommerziell verwertet, die Touristenmassen anzieht. Im August 1971 war ich zwei Wochen in London und hatte das Glück, am 22. – einem Sonntag – dort ein Mini-Festival erleben zu dürfen, dessen Line-up wirklich sehenswert war. Bevor ich zu den Details komme, sei nur kurz darauf verwiesen, dass solche Sonntagskonzerte dort das gesamte Jahr über fast jede Woche stattfanden – zusätzlich zu den Konzertabenden während der Woche. Und die im Roundhouse auftretenden Gruppen gehörten in aller Regel zur Crême der britischen Rock-Szene. Und die war Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre so lebendig und vielfältig wie nie zuvor (und meiner bescheidenen Meinung nach: wie nie wieder danach!).

Headliner des Tages war die Jazz-Rock-Combo IF, die damals auf dem Höhepunkt ihrer Karriere war und einen absolut großartigen Auftritt hinlegte: Die besten Songs aus ihren ersten LPs („Sunday Sad“, „I Couldn’t Write and Tell You“) und „The City Is Falling“ sowie „Fibonacci’s Number“ von der damals aktuellen IF3-LP. Abwechslungsreiche Arrangements, hervorragende Soli (v.a. von den beiden Bläsern Dick Morrissey und Dave Quincy sowie vom leider nie so bekannt gewordenen Gitarristen Terry Smith) und perfektes Ensemble-Spiel erreichten in der musikalischen Qualität fast das Colosseum-Konzert, das ich genau eine Woche zuvor gehört hatte. Ich verlinke hier ein Video eines TV-Auftritts aus dieser Zeit mit dem Titel „Sunday Sad“, das zum Standardrepertoire ihrer Gigs gehörte und die Klasse dieser Band gut demonstriert.

Neben IF war es v.a. Steamhammer, die mich ins Roundhouse gezogen hatten. Die Band, nach mehrfachen Umbesetzungen und ohne Bläser nur noch im Quartett angetreten, servierten solidesten Blues-Rock: hart, treibend, guter Gesang (Kieran White), schöne Gitarren-Soli (Martin Pugh). Mit Songs wie Riding on the L&N, Another Travelling Tune, Hold That Train und dem unvermeidlichen Junior’s Wailing (mit einem der eingängigsten Riffs der Rockgeschichte) konnte man aber auch nichts falsch machen. (Der Clip ist ein Ausschnitt aus einer Beat Club-Sendung, in der Steamhammer – auf dem Kontinent fast beliebter als in ihrer Heimat – des öfteren aufgetreten waren.) Was ich damals nicht wusste: Dieses Konzert war wohl eines der letzten,  in denen mit Kieran White noch die Gründungsfigur dabei war. Er schied im Herbst aus, weil er eher Folk-orientierte Musik machen wollte – und damit war auch das Ende von Steamhammer vorprogrammiert.

Der musikalische Höhepunkt des Tages waren aber auf jeden Fall Chris McGregor’s Brotherhood of Breath, eine afro-englische Bigband, die mir bis zu diesem Zeitpunkt unbekannt gewesen war. In ihr spielten neben dem Leader und Namensgeber am Piano weitere südafrikanische Exilanten (u.a. Dudu Pukwana!) sowie etliche der prominentesten englischen Jazz-Avantgardisten der frühen siebziger Jahre (ich nenne nur Alan Skidmore und John Surman). Die Mixtur, die diese Band darbot, war ebenso irrwitzig wie mitreißend (und ich war damals definitiv noch kein so großer Jazz-Kenner und –Fan!): tolle Kompositionen, irgendwo zwischen Charles Mingus und Sun Ra angesiedelt, messerscharfe Bläsersätze, afrikanische Rhythmen als Fundament und dazu halsbrecherische Soli. Dass so etwas im Rahmen eines Rock-Konzerts stattfand, zeigt, wie offen die Szene damals war (ich erinnere z.B. auch an den Auftritt von Miles Davis beim Isle of Wight-Festival!). Die Genre-Grenzen und die gegenseitige Abschottung  der Stile waren damals noch nicht eingefahren. So lernte ich eine Bigband kennen und schätzen (deren erste, damals erst kurz vorher erschienene LP natürlich sehr weit oben auf der hausinternen Kauf-Liste landete und auch heute noch sehr frisch und hörenswert ist!), von der ich vorher noch nie gehört hatte und wohl auch nicht so schnell erfahren hätte.

Ich will aber die „Anheizer“-Bands nicht unerwähnt lassen. An „Crocodile“ habe ich leider wirklich keine Erinnerung mehr. Auch die Recherche im Internet konnte nicht mehr zutage fördern, als  dass die Gruppe in London in diesem Jahr immer wieder einmal als Vorgruppe in den örtlichen Clubs aufgetreten ist. Aber Khan, die zweite Band des Tages, ist schon sehr viel interessanter. Sie spielte einen ziemlich spacigen, psychedelischen Rock, in deren Mittelpunkt eindeutig der Gitarrist stand. Und das war, wie ich später herausfand, kein geringerer als Steve Hillage (damals gerade 20 Jahre jung!), der diese Gruppe gerade eben erst gegründet hatte und es später mit Gong und als Solo-Künstler noch zu einiger Bekanntheit bringen sollte. Videos von dieser Band konnte ich nicht finden – kein Wunder, sie war sehr kurzlebig. Deshalb hier ein Ausschnitt aus ihrer ersten und einzigen LP (von 1972): Driving to Amsterdam.

Das Konzert (das – wenn ich mich richtig erinnere – sagenhaft billige 50 Pence Eintritt kostete. Ja, das waren noch Zeiten!) begann um ca. 15 Uhr. Und um 23 Uhr, als alles vorbei war, hatten wir, glücklich und erschöpft von so viel guter Musik, Probleme, die letzte U-Bahn zu erwischen. Damals waren die Sonntage im UK, selbst in der Hauptstadt, noch sehr ruhig, alles hatte eingeschränkte Öffnungszeiten (die Pubs!) und die Tube machte auch früher Schluss…