Tedeschi Trucks Band: Platte des Monats (oder des Jahres?)

Die Band von Susan Tedeschi und Derek Trucks gehört seit ihrer Gründung im Jahr 2010 zu meinen Lieblingsgruppen im Rockbereich. Und seit sich die Allman Brothers Band und Colosseum endgültig von Bühne und Plattenstudio verabschiedet haben, steht die TTB ziemlich unangefochten an der Spitze. Ihre Tonträger liegen bei mir regelmäßig im CD-Player. Und auch live haben sie mich mehr als überzeugt. Insofern wartete ich mit großer Vorfreude auf ihr neues Werk, aber auch mit ein paar Bedenken, ob sie denn meine hohen Erwartungen würden erfüllen können.

Dass diese Platte mit dem Titel „Let Me Get By“ ein wichtiger Schritt in der Bandgeschichte ist, haben Susan und Derek in Vorab-Interviews (z.B. mit radio.com und dem Rolling Stone) immer wieder betont: Zum einen ist es die erste TTB-Veröffentlichung, die fernab weiterer Verpflichtungen die volle Aufmerksamkeit des musikalischen Paars über den gesamten Aufnahmezeitraum beanspruchen konnte. Sie ist, zweitens, die erste Platte, die in absoluter Eigenregie im heimischen „Swamp Raga“-Studio aufgenommen und produziert wurde. Und sie ist zudem das erste Werk, das ausschließlich aus Originalkompositionen der Bandmitglieder besteht. Insbesondere der zuletzt genannte Punkt ist ein echtes Wagnis, waren TTB doch auch und gerade für ihre tollen Cover-Versionen bekannt.

Die Deluxe-Version der neuen TTB-CD

Die Deluxe-Version der neuen TTB-CD

Das Wagnis hat sich in jeder Hinsicht gelohnt: Vor uns liegt das ambitionierteste und kompakteste Werk der Gruppe. Es ist dank der Vielzahl der Beiträge der unterschiedlichen Band-Mitgliedern sehr abwechslungsreich und doch vom ersten Ton an als TTB-Sound erkennbar. Der lange Schreib-, Probe- und Aufnahmeprozess, der sich über fast das gesamte Jahr 2015 erstreckte, war auch ein allmählicher Reifeprozess, in dem das musikalische Material, die vielfältigen Ideen Form und Gestalt annehmen konnten und dann auf das Wesentliche reduziert wurden. Die Stücke wirken sehr konzentriert und auf den Punkt gespielt, die Soli sind nie ausufernd, einzig der Titel „Crying Over You/Swamp Raga“ dauert etwas länger als acht Minuten. Einige Songs haben regelrechte Ohrwurm-Qualität. Neben dem Titelstück sind das vor allem das entspannt losrockende „Don’t Know What It Means“ und der fast schon schunkelige Rausschmeißer „In Every Heart“. Früher, in besseren Zeiten, als Musik noch in aller Regel handgemacht war und nicht aus dem Computer kam, wären daraus vielleicht sogar Hits geworden.

Man merkt der Platte an, dass die Chemie der Band stimmt. TTB sind kein Ego-Trip der Namensgeber. Die durch die Bank hervorragenden Mitmusiker agieren auf gleicher Augenhöhe, ihre Beiträge werden ganz offenbar wertgeschätzt. Man werfe nur einmal einen Blick auf die Song-Credits. Im Titelstück beispielsweise tauchen gleich sechs Bandmitglieder als Komponisten auf. Das, wovon die beiden Band-Leader in Interviews regelmäßig schwärmen, die familiäre Atmosphäre, das Zusammengehörigkeitsgefühl, das ist in der Musik wirklich hör- und spürbar. Und in dieser Musik ist aufgehoben, was der musikalische Fundus Amerikas an guten Zutaten zu bieten hat: Blues, Jazz, Funk, Soul und Country. Die Referenzen sind klar: The Band, Delaney & Bonnie, die Allman Brothers Band, der Eric Clapton der „Derek & The Dominos“-Phase. Unverkennbar: der große Einfluss der „Mad Dogs & Englishmen“. Die für den TTB-Gruppensound so wichtigen Background-Sänger und die satten Bläsersätze haben hier ihre Wurzel.  (Das Live-Konzert, das die TTB Joe Cocker und seinen Mad Dogs gewidmet hat, ist auf YouTube in voller Länge zu sehen und ein Glanzstück der Bandgeschichte. Wer es noch nicht getan haben sollte: unbedingt anschauen!)

Zum Schluss noch ein Wort zur Deluxe-Version: Darauf sind nicht nur alternative Versionen einzelner Titel zu hören, sondern auch einige bemerkenswerte Cover-Versionen zu finden: so „Oh! You Pretty Things“ von David Bowie und eine beseelte Version des Clapton-Klassikers „Keep On Growing“. Allein dafür lohnt sich die kleine Mehrausgabe.

Fazit: Ich wünsche dieser Band, dass sie das erreichte Niveau halten und weiterentwickeln kann, dass sie ihre Harmonie und ihren guten „Vibes“ konserviert. Diese Platte ist schon jetzt, im Februar, als einer der Höhepunkte des Jahres zu betrachten. Ich schließe, indem ich den Titel des neunten Songs zitiere und als Aufforderung an die Band meine: „I Want More“!

„Sisters in Jazz“: multi-national und abwechslungsreich!

Frauen im Jazz – das waren lange, lange Zeit seltene Ausnahmen, zumeist auf die Sangeskunst beschränkt. Die eine oder andere Pianistin (ein frühes Beispiel: Mary Lou Williams) bestätigten als Ausnahme diese Regel. Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend geändert: Frauen haben sich auch der typisch „männlichen“ Instrumente bemächtigt, sitzen am Schlagzeug (Terri Lyne Carrington, Cindy Blackman Santana) oder blasen die Trompete (Ingrid Jensen), Saxofonistinnen gibt es mittlerweile in sehr beachtlicher Zahl. Und auch am Bass stehen Frauen in herrausragender Weise ihren Mann (Esperanza Spalding, Tal Wilkenfield, Rhonda Smith, Linda Oh). So ist es nicht verwunderlich, dass es mittlerweile auch reine Frauen-Projekte gibt. Das „Mosaic Project“ der erwähnten Terri Lyne Carrington mag dafür beispielhaft stehen. Dennoch: Eine reine Frauen-Jazzband auf Tournee ist immer noch eine absolut seltene Ausnahme.  Die „Sisters in Jazz“, die am 19. Februar im Bamberger Jazzclub gastierten, legen sogar noch eine Schippe drauf: sie sind nicht nur eine Frauen-Truppe, sondern auch noch multinational aufgestellt: sieben Musikerinnen aus sechs Ländern.

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Nicole Johänntgen

Die Band entstand auf Initiative der in der Schweiz lebenden Saarländerin Nicole Johänntgen (Sax), die beim Jazzfestival in Ystad eine bunte Schar hochklassiger Instrumentalistinnen zusammen auf die Bühne brachte. Dort entstand auch die soeben erschienene Live-CD, die die Sisters in Jazz jetzt auf einer kurzen Tournee dem geneigten Publikum präsentierten. In Bamberg jedenfalls war das Publikum sehr geneigt, fast schon euphorisch und in großer Zahl (ausverkaufter Jazzkeller!) erschienen. Sie bereuten – soviel vorab – ihr Kommen bestimmt nicht.

Die sechs jungen Damen (die schwedische Trompeterin Ellen Pettersen fehlte wegen Krankheit) überzeugten mit einem ebenso abwechslungsreichen wie kompetent vorgetragenen Programm. Ohne falsche Scheuklappen wurden Elemente aus Funk und Rock und viele melodische Einflüsse aus den Heimatländern der Bandmitglieder integriert – letzteres am stärksten spürbar in dem Stück, das die italienische Bassistin Federica Michisanti beisteuerte. Und hier wird der zweite reizvolle Aspekt des Gruppen-Konzepts deutlich: Bei den SiJ gibt es keine Frontfrau, die das Sagen hat, sondern ein gleichberechtigtes Miteinander: alle kommen auch als Komponistinnen zum Zuge und prägen den Gruppensound fallweise mit ihrer individuellen Handschrift. Dass alle dabei auf ihre Kosten kommen und ihren Spaß haben, war in jeder Sekunde sicht- und spürbar. Die Kommunikation untereinander klappt hervorragend, die Arrangements (und das sind gewiss keine 08/15-Arrangements, sondern oft sehr ausgeklügelte Interplays) für die in ihrer Besetzung ja nicht gerade gewöhnliche Gruppe laufen reibungslos, mit viel Dynamik und häufig beeindruckender spieltechnischer Brillanz. Herausragend: außer Johänntgen am Sax vor allem Izabella Effenberg, der polnische Wirbelwind

Izabella Effenberg

Izabella Effenberg

am Vibrafon (immer mit vier Schlegeln gespielt!), und die japanische Pianistin Naoko Sakata, die den Jazzkeller mit einigen fulminanten Soli zu – sehr verdienten – Beifallsstürmen hinriss. Auch Ingrid Hagel aus Estland wusste zu überzeugen, nicht nur an der Geige, sondern vor allem mit ihren stimmlichen Qualitäten, die sie allerdings nur in einem Stück unter Beweis stellen durfte. Davon hätte ich gerne mehr gehört.

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Naoko Sakata

Die Bandbreite der dargebotenen Stücke war enorm: im „Flugmodus“, so der Titel des allerersten, dominierte das Saxofon und der Wohlklang, im „Thunderstorm“ vor der Pause die pianistische Breitseite von Sakata und die freie Improvisation. Nach der Pause gab es zunächst ein Duett von Piano und Vibrafon („Awakening“), das den berühmten Vorbildern (Chick Corea & Gary Burton beispielsweise) durchaus ebenbürtig war. „Hello“ beeindruckte mit saftigen Rock-Rhythmen. Und im letzten Stück des zweiten Sets brach sich noch einmal die pianistische Urgwalt von Naoka Sakato Bahn. Verständlich, dass das Bamberger Publikum nach mehr verlangte und die mitgebrachten CDs reißenden Absatz fanden.

Fazit: tolles Konzert einer äußerst sympathischen Truppe!