Ich liebe die Bahn…

… die DB hasse ich. Zumindest manchmal.

Prolog:

Die Idee an sich war doch bestechend: Dem Trubel, der mit einem halbrunden Geburtstag an der Schwelle zur Rente oft genug verbunden ist, zu entfliehen. Und stattdessen vier erholsame und vergnügliche Tage in Amsterdam auf einem Hausboot mit dem schönen Namen „Wasserwiege“ zu verbringen. Und mit Frau und – der in Leiden studierenden – Tochter gemütlich zu feiern.

1. Akt: die Anreise.

Durch langjährige Erfahrung klug geworden, plante ich eine großzügig bemessene Anreise: kein knappes Umsteigen in  Würzburg (dem vielleicht grauenhaftesten bundesdeutschen Großstadt-Bahnhof überhaupt), sondern erst in Frankfurt, mit Pause und Kaffeetrinken. Dann in den ICE nach Amsterdam, da konnte ja kaum etwas schief gehen. Bis der Zug in Emmerich, vor der deutsch-holländischen Grenze stehen blieb. Und stand. Erste Durchsage: Die Weiterfahrt verzögert sich wegen einer  Störung im Stromnetz. Nach einer knappen halben Stunde zweite Durchsage: Wegen dieser Störung muss der Zug über Venlo umgeleitet werden. Dazu musste er aber erst einmal ein ganz schönes Stück nach Deutschland zurückfahren. Voraussichtlich Verspätung: 90 Minuten. Immerhin: wortreiche Entschuldigung und Bitte um Verständnis der niederländischen Zugchefin. Ab jetzt seien die Getränke im Speisewagen kostenfrei. Die Schaffner verteilen ganze Stapel mit Fahrgastrechte-Formularen. Wir inzwischen: versuchen, die Termine für Schlüsselübergabe (mit der Vermieterin) und das Treffen mit der Tochter zu verschieben. Das WLAN im Zug funktioniert aber nur bis zur deutschen Grenze (Warum eigentlich? Weiß das jemand von den IT-Spezialisten hier?). Mal sehen was die Handy-Anrufe kosten (letzter Tag mit Roaming-Gebühren in der EU!)…

Der planmäßige Halt in Arnhem muss wegen der Umleitung ausfallen, aber dafür stellt die Zugchefin eine Fahrt ohne weiteren Halt (außer dem planmäßigen in Utrecht) nach Amsterdam in Aussicht. Wir zuckeln gemächlich durch die holländischen Ebenen. Dann die nächste Durchsage: Wegen der großen Verspätung endet der Zug heute schon in Utrecht. ALLE AUSSTEIGEN! Wir trauen unseren Ohren nicht. Aber es stimmt: Kurz vor dem Ziel (von Utrecht nach Amsterdam sind es gerade mal noch 25 Minuten Fahrzeit!) mutet die Bahn den Reisenden eines voll besetzten ICE zu, sich mitten in der Rush-Hour in schon proppenvolle Nahverkehrszüge zu quetschen, um ihre Ziele zu erreichen. Was der Sinn dieses Unterfangens ist, bleibt unergründlich, denn der ICE muss ja auf alle Fälle nach Amsterdam (dann allerdings leer!) fahren, um am nächsten Morgen als Gegenzug in die andere Richtung zur Verfügung zu stehen. Letztlich erreichen wir Amsterdam mit fast dreistündiger Verspätung. Meinen Geburtstag hatte ich mir etwas anders vorgestellt…

2. Akt: die Rückreise.

Am Sonntag, dem Tag der Rückreise, erwartete mich beim routinemäßigen Blick auf den I-Pad als erstes die „Verspätungsmeldung“ der DB. Ich öffnete die Mail und las: „Die gebuchte Verbindung existiert nicht“ (oder so ähnlich). Das überraschte mich schon etwas, standen wir doch bereits auf dem Bahnsteig des Amsterdamer Hauptbahnhofs und warteten darauf, dass der längst bereitgestellte und von uns gebuchte ICE seine Türen öffnen würde. Die in der Verspätungsmail angegebene Möglichkeit, „weitere Optionen“ anzuklicken, ergab leider keine detaillierten Informationen zur etwas kryptischen Nachricht, sondern nur  den Hinweis: „neue Verbindung suchen“. Da die Türen des ICE inzwischen geöffnet waren, sahen wir dazu aber keine echte Notwendigkeit. Und genau: Der Zug fuhr pünktlich ab – und kam pünktlich in Frankfurt an. Und wir waren schon geneigt, auf einen glücklichen Ausgang unseres jüngsten Bahn-Abenteuers zu hoffen. Bis wir versuchten, unseren Anschlusszug nach Bamberg auf der elektronischen Anzeigetafel zu finden. Zur angegebenen Abfahrtszeit gab es allerdings keinen Zug nach Bamberg, sondern nur einen nach Aschaffenburg. Keine weiteren Hinweise. Komisch. Der Marsch zum Service-Point blieb uns also nicht erspart. Dort bekamen wir die Auskunft, dass unser Main-Spessart-Express wegen Bauarbeiten in Aschaffenburg ausfalle. Ersatzlos, wohlgemerkt, am letzten Wochenende der Pfingstferien. Nächste mögliche Verbindung nach Bamberg sei ein ICE, rund eine Stunde später, mit Umstieg in Würzburg. Da kam große Freude auf.

Da wir für diesen ICE (der als Ziel Wien hatte) natürlich keine Sitzplätze reserviert hatten, fanden wir uns rechtzeitig am Bahnsteig ein, um vielleicht doch ein Plätzchen zu ergattern (der Zug von Amsterdam nach Frankfurt war – geschätzt – mit 130% der zur Verfügung stehenden Plätze überfüllt gewesen…). Das schien auch zu klappen, denn der Zug wurde frühzeitig bereitgestellt. Doch, leider, leider, ohne Reservierungsangaben, aus denen man auf freie Plätze hätte schließen können. Überall, im ganzen Zug, war zu lesen: „GGF. RESERVIERT“. (Nur nebenbei: Ein Fahrgast, der des Deutschen nicht mächtig ist, kann mit der Abkürzung GGF. rein gar nichts anfangen – wie sich bei einem jungen Mann mit türkischen Wurzeln zeigte, der diese Beschilderung einigermaßen ratlos zur Kenntnis nahm. Wir konnten ihn glücklicherweise aufklären.) Wir setzten uns auf gut Glück irgendwo und hofften, dass die Reservierungsanzeige so rechtzeitig in Betrieb gesetzt werden würde, um noch (GGF.!) den Platz wechseln zu können. Wir hofften vergeblich. Der Zugchef bequemte sich erst 10 Minuten vor Planabfahrt (da war der Zug schon sehr gut gefüllt…) an seinen Arbeitsplatz. Und die Digitalisierung in den ICE  war für ihn wohl noch „Neuland“: nach mehreren vergeblichen Versuchen, das Reservierungssystem in Gang zu setzen, gab er das auf und vertrieb sich die Zeit bis zur – sieben Minuten verspäteten Abfahrt – auf dem Bahnsteig. Danach: Knappste Ansage aller Zeiten, kein Wort der Erklärung oder gar Entschuldigung, weder für die verspätete Abfahrt noch für die nicht vorhandene Reservierungsanzeige. Aber letzteres war ja auch nicht notwendig: Rund zehn Minuten NACH Abfahrt erschienen die Reservierungen doch noch auf den Displays. Und, oh Wunder: wir hatten Glück im neuesten Spiel der DB AG, dem Sitzplatz-Lotto. Nur einer unserer Plätze war vergeben, und das erst ab Würzburg. Andere hatten da schon eher Nieten gezogen und mussten umziehen oder sich mit Stehplätzen zufrieden geben…

Der Rest der Fahrt, sogar der Umstieg in Würzburg, verlief vergleichsweise störungslos. Der etliche Minuten dauernde „außerplanmäßige“ Halt des Regional-Express nach Bamberg wegen einer „technischen Störung“ war ja eher eine Petitesse. Verspätete Ankunft in Bamberg: „nur“ insgesamt 75 Minuten.

Epilog 1:
Die Tage in Amsterdam und Leiden waren trotzdem angenehm.

Epilog 2:
Ich weiß natürlich: „shit happens“. Doch der DB-shit ist leider strukturell und systemisch bedingt. Stichwort: die Auswirkungen der Bahn-Privatisierung. Nachzulesen zum Beispiel bei Tim Engartner (Staat im Ausverkauf. Privatisierung in Deutschland, S. 62-88).