Radikale Alternativen zum Kapitalismus: aus dem globalen Süden wie aus dem Norden

Albert Acosta/Ulrich Brand: Radikale Alternativen. Warum man den Kapitalismus nur mit vereinten Kräften überwinden kann. oekom-Verlag, München 2018. 190 Seiten. 16,– EUR

In diesem Buch geht es, und das ist erfreulich, um das große Ganze, um wirklich grundsätzliche, um radikale Alternativen zur kapitalistischen Wirtschafts- und Lebensweise. Die beiden Autoren verfolgen dabei einen Ansatz, den ich für sehr gelungen und attraktiv halte: Sie versuchen nämlich, Kritikansätze und Gegenentwürfe aus dem globalen Norden und Süden miteinander ins Gespräch zu bringen. Auf diese Weisen sollen die jeweilige Stärken zur Geltung gebracht und die Schwächen ausgeglichen werden. Es handelt sich dabei um die Degrowth- und Post-Wachstums-Debatten, wie sie seit einigen Jahren in den industrialisierten Staaten des Nordens geführt werden, und um die bei uns weniger bekannten Diskurse zum „Post-Extraktivismus“ in Lateinamerika. Bei diesen geht es darum, die hemmungslose post-koloniale Ausbeutung der Natur- und Bodenschatzressourcen zu überwinden. Beide Denkansätze wenden sich mit unterschiedlichen Schwerpunkten gegen die Logik kapitalistischer Verhältnisse, gegen die Logik des ständigen Mehr: mehr Produktion, mehr Konsum, mehr Ressourcenförderung, mehr Energieverbrauch. Acosta & Brand setzen dagegen als positive Utopie das – lateinamerikanisch-indigen inspirierte – Konzept des „guten Lebens“. Ein Leben in Harmonie: Harmonie in der Gesellschaft und Harmonie mit der Natur.

Die Autoren sind bei aller Radikalität erfreulich undogmatisch: Sie bestehen darauf, dass es so etwas wie einen „Masterplan“ oder eine einheitliche oder gar vorbestimmte Strategie nicht geben könne: „jede Strategie, Initiative und Allianz (muss) unter Berücksichtigung des spezifischen Kontexts aufgebaut und entwickelt werden und unter Beteiligung vielfältiger politischer Subjekte als Träger der Veränderung.“ (S. 148) In ihrem Buch gibt es nur ein Axiom (und dies m.E. zu Recht!): „Eine ökologische Gerechtigkeit wird nicht erreicht werden ohne eine soziale Gerechtigkeit und umgekehrt.“ (S. 102)

Die Autoren geben auch einige Hinweise darauf, wie neue Wirtschafts- und Politikformen aussehen könnten. Die Transition-Towns tauchen dort auf, natürlich, aber auch etliche Formen von Wirtschaftsbeziehungen, die typisch sind für indigene Gemeinschaften (S. 150ff.). Minka, Uyanza, Ranti-Ranti, Uniguilla, Waki, Makikuna – darüber hätte ich gerne noch mehr erfahren als nur relativ abstrakte Definitionen. Wie sehen diese Praktiken im konkreten Leben aus? Wie können solche eher ländlichen Solidaritätspraktiken für das Leben in den Städten nutzbar gemacht werden? Das sind spannende Fragen, die sich für mich aus diesem Buch ergeben. Auf die wir hoffentlich in weiteren Publikationen Antworten bekommen…

Insgesamt also ein nützliches und lesenswertes Buch – trotz seiner Kürze, trotz der offenen Fragen. Aber es macht deutlich, in welche Richtung die Debatte weitergehen könnte.

Ein paar kritische Anmerkungen dennoch, die sich vor allem an den Verlag richten: Das Buch hätte eine bessere Übersetzung (das Original ist in Spanisch geschrieben) verdient gehabt und ein aufmerksames Lektorat, was die Lesbarkeit und damit den Gebrauchswert deutlich verbessert hätte. Und die dankenswert ausführlichen Anmerkungen mit vielen nützlichen Literaturhinweisen hätte man nicht am Ende des Buchs „verstecken“ sollen.  Es ist nämlich ziemlich mühsam, ständig hin- und herzublättern, wenn man wissen will, auf welche Quelle und welche Autor*innen sich Brand und Acosta gerade beziehen…

Flashback: mein Konzertjahr 1973 (4)

24. April: mein zweites Konzert in der riesigen Olympia-Halle. Auf dem Programm stand mit Emerson, Lake & Palmer eine der ersten echten Rock-Supergroups (an die „Gäste“, die auf Plakat und Tickets angekündigt waren, kann ich mich wirklich nicht mehr erinnern). Keith Emerson, der Tasten-Zauberer, hatte bereits mit seiner Band The Nice Furore gemacht und Klassik-Elemente mit Rock verschmolzen. Greg Lake war als Sänger und Bassist von King Crimson bekannt geworden. Und der damals noch blutjunge Carl Palmer (zum Zeitpunkt des Konzerts gerade 23 Jahre alt geworden) hatte sich bei The Crazy World of Arthur Brown und Atomic Rooster erste Lorbeeren ertrommelt. Obwohl erst 1970 gegründet, hatten ELP bereits vier Platten im Gepäck: die Debüt-LP, den Zweitling Tarkus, die Live-Aufnahme Pictures at an Exhibition (eine Adaption der Komposition „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky) sowie die wenige Monate zuvor erschienenen LP Trilogy. Der Promotion dieser Platte diente auch die Konzert-Tour. Dennoch boten ELP bei ihren Auftritten einen Querschnitt durch ihr gesamtes Repertoire, wie ein Blick in die Setlist des Münchner Konzerts zeigt (Der letzte Titel ist dort falsch angegeben: Es handelte sich nicht um ein Brubeck-Cover, sondern um die Klassik-Adaption, die schon The Nice im Programm hatten.). Von der Trilogy-LP waren im Münchner Konzert lediglich zwei Songs zu hören, was aber weder mich noch den Rest des Publikums störte. Dafür war – sozusagen im Vorgriff auf die nächste, im Herbst 1973 erschienene LP Brain Salad Surgery eine frühe Version von Karn Evil Nr. 9 zu hören.

ELP starteten rasant in den Abend, mit einer über 20-minütigen Version ihrer Suite „Tarkus“. Mit einer Mischung aus aggressivem Rock, langen Improvisationen, klassischen Elementen und Jazz-Einflüssen, häufigen Takt- und Tempowechseln und in den vokalen Teilen eher konventionellen Rocksongs boten ELP  Prog-Rock in Reinkultur (auch wenn dieser Begriff damals noch nicht wirklich gebräuchlich war). Emerson bearbeitete seine Vielzahl von Keyboards (Konzertflügel, Hammond-Orgel, Synthesizer etc.) wie ein Berserker, Palmer trommelte virtuos, Lake, der neben dem Bass auch ab und zu die Gitarre bediente, war mit seinem melodischen Gesang so etwas wie der ruhende Pol. Ein derart fulminanter Einstieg ins Konzert – das war schon beeindruckend. Ebenso beeindruckend wie das riesige Equipment, das ELP aufboten: nicht nur die verschiedenen Tasteninstrumente, die Emerson um sich herum aufgebaut hatte, auch die riesigen Verstärker- und Lautsprecher-Türme suchten damals ihresgleichen in Rock-Szene und sorgten für einen wesentlich besseren Sound in der Olympia-Halle als wenige Wochen zuvor bei Jethro Tull.

Ein weiterer Höhepunkt: „Take a Pebble“ von der allerersten LP und gleich danach auch noch der Hit „Lucky Man“, die beide zeigten, wie gut Greg Lake an diesem Abend stimmlich in Form war. Das ist sogar auf dem Bootleg von diesem Konzert noch gut nachvollziehbar. Nach diesem eher ruhigen Teil, der auch einige schöne Impovisationen Emersons am Piano enthielt, ließ es  der Keyboarder bei „Hoedown“ noch einmal kräftig krachen (das verlinkte Video stammt von einem Konzert in Mailand, das vier Tage später stattfand), diesmal an der Orgel, ehe die Band Pictures at the Exhibition darbot. Das hatte mich allerdings schon auf der Platte nicht wirklich überzeugen können. Mit einem großartigen Drum-Solo von Carl Palmer, gleichermaßen technisch virtuos wie musikalisch abwechslungsreich, ging es in die Schlussrunde. Palmer lieferte den eindrucksvollen Beweis, dass er vom Melody Maker nicht von ungefähr 1971 zum weltbesten Schlagzeuger gewählt worden war. Für mich zählte das zum Besten, was ich bislang von Rock- und Jazz-Schlagzeuger gehört hatte (auch wenn manches natürlich reine Zirkus-Artistik war). Und das will durchaus etwas heißen: Ich hatte in den Jahren zuvor immerhin schon Jon Hiseman, Ginger Baker, Art Blakey, Tony Williams und Billy Cobham gehört. „Rondo“, bereits zu Nice-Zeiten in Emersons Repertoire, setzte den Schlusspunkt, nein, das Ausrufezeichen hinter ein begeisterndes Konzert.

Ich verlinke hier noch zwei Videos, die nicht unmittelbar mit dem Münchner Konzert zu tun haben. Der Film über die Tour im Jahr 1972/73 gibt einen interessanten Einblick in das Tour-Leben, zeigt die Ausmaße des Equipments und die Rasanz der Bühnenauftritte. Hier gingen die beteiligten Musiker wirklich mit Engagement und extremen Körpereinsatz ans Werk. Der Zusammenschnitt früher ELP-Auftritte (zwischen 1970 und 1973 u.a. im Beat-Club, auf der Isle of Wight, in Mailand und Tokio) ist ein recht repräsentativer Überblick über die musikalische Entwicklung dieser Band, die ich wohl auf einem Höhepunkt ihres musikalischen Schaffens erleben durfte.

Nächste Folge: John Mayall

Flashback: mein Konzertjahr 1973 (3)

13. April: zurück im Circus-Krone-Bau, wo an diesem Abend West, Bruce & Laing aufspielen. Ein Abend, auf den ich mich sehr gefreut und der große Erwartungen bei mir geweckt hatte. Denn nach der Auflösung von Cream und dem Tod von Jimi Hendrix war mein Bedarf für ein bluesbasiertes Power-Trio groß. Und mit West, Bruce & Laing schien es endlich wieder so etwas wie eine Super-Group in dieser Richtung zu geben. Mit Jack Bruce war sogar ein Cream-Mitglied mit von der Partie, ein toller Bassist und Songschreiber und auch ein hervorragender Sänger (als solcher meines Erachtens immer etwas unterschätzt). Und Leslie West imponierte mir seit seiner Zeit bei Mountain als versierter Bluesrock-Gitarrist und stimmgewaltiger Vokalist. Anfang 1972 (nach der Auflösung von Mountain) war die Gruppe gegründet worden. Ihr erstes, lang erwartetes und von ihrer Plattenfirma für damalige Verhältnisse ausgezeichnet bezahltes Album („Why Dontcha“) erschien im November 1972. Die Tour 1972-73 diente der Promotion dieses Albums.

Ein Blick auf die Setlist  des Abends zeigt zweierlei: Das Repertoire bestand neben Songs von dieser Platte vor allem aus Mountain-Klassikern (Roll Over Beethoven, Mississippi Queen) und zwei Cream-Titeln, die sie zum  Schluss des Konzerts spielten. Und: Da sich WB&L (im Gegensatz zur Cream) nicht auf ausschweifende Instrumentalimprovisationen kaprizierten, war das Konzert nicht besonders lang. Man könnte auch sagen: unverschämt kurz.

Jack Bruce und Leslie West im April 1973 (Konzert in Hamburg).
Foto: Heinrich Klaffs ( CC BY-NC-SA 2.0)

Die Musiker wirkten zudem eigenartig unbeteiligt. War das Routine? Hatten sie an diesem Tag einfach keine Lust? Oder waren es die Drogen? Es  war wohl Letzteres. Ich darf als Beleg hier ausnahmsweise Wikipedia anführen:

Der heftige Drogenmissbrauch wirkte sich auch auf ihre Auftritte aus und beeinflusste offenbar auch zeitweise ihren Tour-Kalender. Wie Corky Laing, der Drummer, früher ebenfalls bei Mountain, später sagen sollte:
‚[It was] a very, very dark time. New York meant coke, England meant heroin, because that’s where the best quality was. I had this Hayman drumkit made that was going to be shipped back to the States. This heroin connection of Jack’s said that her business connections would pay me $250,000 if they could ship heroin back in the drums. They were all metal so nobody would have noticed the extra weight.‘“ (Zitiert nach: Harry Shapiro: Jack Bruce: Composing Himself – The Authorised Biography, S. 162)

Die Cream-Songs waren jedenfalls an diesem Abend als solche kaum erkennbar. Das lag sicher auch daran, dass der Sound miserabel war, der Gesang mehr oder weniger unverständlich. Wer sich das antun mag, kann sich die Bootleg-Aufnahme dieses Konzerts anhören:  „Politician“ ab ca. 41:00, „Sunshine of Your Love“ ab 46:30. Klar, das ist eine Amateuraufnahme, wahrscheinlich mit einem Cassetten-Recorder gemacht. Aber sie gibt ganz gut wieder, wie dieses Konzert auch auf mich gewirkt hat. Da wurden zwei meiner absoluten Lieblingssongs ziemlich übel malträtiert. Nach gut einer Stunde (!!) war Schluss, es gab zwar noch eine Zugabe. Aber ich machte mich bitter enttäuscht auf den Heimweg. Es war mit Sicherheit eines der schlechtesten Konzerte, die ich bis dato je erlebt hatte – vor allem wenn man bedenkt, welche Spitzenmusiker auf der Bühne standen. (Jack Bruce erlebte ich ein paar Jahre später noch einmal live, in einer seiner jazz- und fusionorientierten Gruppen. Und da war er – glücklicherweise – tausendmal besser!)

Nächste Folge: Emerson, Lake & Palmer