Lob der Planwirtschaft

Kaum ein Begriff erregt in politischen Diskussionen so viel instinktive Abwehr wie der Terminus „Planwirtschaft“[1]: Die Assoziationen, die sich mit ihm verbinden, sind ebenso vielfältig wie negativ. Die „Tonnen-Ideologie“ der sowjetischen Kommandowirtschaft[2], „Einheitskleidung“ in sozialistischen Staaten[3] sowie eklatante Versorgungsmängel zum Beispiel in der DDR werden wohl jedem entgegengehalten, der planwirtschaftliche Modelle als Möglichkeit der Wirtschaftssteuerung ins Gespräch bringen möchte. „Die zentrale Planwirtschaft, gehandhabt von einer allmächtigen Staats- und Parteibürokratie, hatte einen wohlverdient schlechten Ruf – lange vor ihrem Zusammenbruch.“[4]

Und ist es nicht tatsächlich so: Die Marktwirtschaft hat sich als das überlegene System erwiesen, sie stellt den Menschen doch tagtäglich ein riesiges Arsenal an Waren für alle erdenklichen Bedürfnisse zur Verfügung. Der Gang in den Supermarkt, der Besuch eines Kaufhauses oder – in der Gegenwart immer öfter – ein Klick bei amazon.com ist dafür Beweis genug. In einer Gesellschaft, in der die Marktlogik als die einzig vernünftige Denkweise gilt, haben Forderungen nach einer demokratischen Planung folglich keine Chance.[5]

Der Markt funktioniert?

Wer allerdings einen Blick hinter die Fassade der bunten Warenwelt zu werfen wagt, kann am Funktionieren der hochgelobten Marktwirtschaft rasch Zweifel bekommen. Ein paar wenige Beispiele mögen dies illustrieren.

  • Angesichts des in den armen Ländern des globalen Südens immer noch weit verbreiteten Hungers fast unglaublich, aber dennoch wahr: Etwa ein Drittel der weltweit produzierten Nahrungsmittel landen im Müll. Pro Jahr gehen derzeit knapp 1,6 Milliarden Nahrungsmittel verloren. Das entspricht dem Wert von gut einer Billion Euro. Allein in Deutschland sind es elf Millionen Tonnen Lebensmittel, die zu Abfall werden.[6]
  • Der Luxusmode-Konzern Burberry hat im Geschäftsjahr 2017 unverkaufte Kleidung und Parfüms im Wert von rund 32 Mio. Euro zerstören lassen. Das Unternehmen Richemont hat innerhalb von zwei Jahren Uhren, für die sich keine Käufer fanden, im Wert von einer halben Milliarde Euro zerstören lassen. Aber nicht nur die Hersteller von Luxuswaren greifen zu diesem Mittel, um ihre Preise hochzuhalten, sondern auch die schwedische Billigkette Hennes & Mauritz (H&M) liefert unverkäufliche Kleidung an ein Heizkraftwerk in der Nähe der Hauptstadt Stockholm.[7]
  • Die andere Seite der Medaille sieht genauso unerfreulich aus: Wer kein Geld hat, um sich auf dem Markt mit den entsprechenden Waren und Dienstleistungen zu versorgen, dessen Bedürfnisse fallen rasch unter den Tisch. Die gegenwärtige Situation auf dem Wohnungsmarkt und die Hochkonjunktur in den „Tafeln“[8] sind dafür sinnfällige Beispiele. Wer also seine Bedürfnisse nicht mit kaufkräftiger Nachfrage hinterlegen kann, ist am Markt schlicht nicht existent und ein Fall für die Sozialhilfe oder die Mildtätigkeit.

Von einer optimalen Ressourcenallokation, die die Markt-Apologeten behaupten, kann also nicht einmal ansatzweise die Rede sein. Die kapitalistische Marktwirtschaft ist in vieler Hinsicht ein eher irrationales System, das Produkte auf den Markt wirft, ohne wirklich zu wissen, ob sie auch tatsächlich gebraucht werden. Und deshalb Bedürfnisse erst erzeugt und in kaufkräftige Nachfrage umwandelt. Oder dafür sorgt, dass diese Produkte nur eine bestimmte Lebensdauer haben („geplante Obsoleszenz“[9]!) und/oder nicht reparabel sind, um den Absatz zu steigern.

Planung ist selbstverständlich

Mindestens ebenso irrational ist die eingangs erwähnte Aversion gegen Planwirtschaft. Denn in Wirklichkeit ist es doch so: jede*r einzelne von uns, jeder Haushalt, jedes Unternehmen und natürlich auch alle öffentlichen Institutionen planen, jeden Tag, überall – zumindest wenn mit den vorhandenen Ressourcen einigermaßen vernünftig umgegangen werden soll. Das gilt auch und vor allem für Wirtschaftsunternehmen. Interessant:

„Am meisten planen Großunternehmen wie multinationale Konzerne. Sie müssen es auch, weil sie schon längst nicht mehr in überschaubaren lokalen und regionalen Umfeldern handeln, sondern zunehmend transnational. Globale oder doch zumindest transnationale Wertschöpfungsketten lassen sich ohne sorgfältige Planung nicht aufbauen und nicht am Laufen halten.“[10]

Doch gerade der Blick auf solche Konzerne macht die Schwächen kapitalistisch bestimmter Planung deutlich: Sie muss eine rein innerbetriebliche bleiben, weil diese Planung allein den Zweck hat, in der Konkurrenz der Anbieter erfolgreich zu sein. Und der Erfolg des einen ist die Pleite des anderen: Überproduktion und nicht verkäufliche Produkte sind notwendige und nicht vermeidbare Folge.

Auch im öffentlichen Sektor wird Planung großgeschrieben – egal ob es sich um Städte und Gemeinden, Bundesländer oder die zentralstaatliche Ebene handelt. Haushaltsplanung, Regionalplanung, Bauleitplanung – schon diese Begrifflichkeiten deuten an, dass Planung immer noch einen hohen Stellenwert hat. Ob es dann aber auch klappt mit der Planung, das steht auf einem anderen Blatt. Oft genug fehlt den Planenden nämlich das notwendige Handwerkszeug, seien es die Datengrundlagen, die finanziellen Ressourcen oder die eigentlich notwendigen Instrumente und Eingriffsrechte.

Wenn Planung trotzdem einen so schlechten Ruf hat, dann liegt dies zum einen an der ideologischen „Zeitenwende“ seit Ende der siebziger Jahre und dem damit verbundenen Siegeszug des Neoliberalismus. Dessen geistiger Vater, Friedrich Hayek, hatte schon in den vierziger Jahren das Hohelied des Marktes angestimmt und jede Form von Planung als irrational und tendenziell totalitär gebrandmarkt. Und so verschwanden spätestens nach dem Zusammenbruch der „real-sozialistischen“ Ökonomien alle Planungsansätze, die noch in den sechziger und siebziger Jahren Konjunktur gehabt hatten[11], in den Schubladen. Fortan ging es um Privatisierung, Liberalisierung, Deregulierung, allgemeiner: um die Zurückdrängung des Staates, seine Reduzierung auf hoheitliche Grundfunktionen.

Zum anderen ist gesamtgesellschaftliche und gesamtwirtschaftliche Planung aber auch ein ganzes Stück anspruchsvoller und komplexer als einzelbetriebliche Planung (selbst auf der Ebene global agierender Konzerne). Schon die staatliche Haushaltsplanung (von der kommunalen bis zur Bundesebene), das Herzstück demokratisch legitimierter Planung, gerät oft genug zum Glücksspiel.  Und das, obwohl es sich dabei „nur“ um die Planung von Finanzströmen handelt. Eine gesamtwirtschaftliche Steuerung muss dagegen noch viel mehr leisten: Sie muss die Produktion planen, zumindest in den Feldern, die für die die Befriedigung jener Bedürfnisse entscheidend sind, ohne die ein gutes Leben für alle nicht vorstellbar ist. Und natürlich die dafür notwendigen Arbeitskräfte und Investitionen.

Gesamtwirtschaftliche Planung: nur demokratisch!

Damit eine solche Planung klappen kann und die oben angedeuteten Fehler staatlicher Planungsbürokratien vermieden werden, ist es zwingend erforderlich, die Menschen und ihre konkreten Bedürfnisse intensiv einzubeziehen. Demokratische Planung geht also weit über die nachträgliche parlamentarische Legitimierung eines Planungsapparates hinaus. Demokratische Planung muss bedeuten: Planung anhand der Bedürfnisse. Und die müssen bekannt sein, um berücksichtigt werden zu können. Insofern sind nicht so sehr zentrale, sich als allwissend empfinden Planungsbürokratien gefragt, sondern eher regionale, kommunale und auch betriebliche Gremien, die Planung „von unten“ betreiben. Und deren Planung(en) dann auf regionaler und nationaler (besser noch dann auch auf supranationaler!) Ebene koordiniert und zusammengeführt, miteinander abgeglichen und gegebenenfalls geändert  werden müssen.[12]

Mit dem Internet lassen sich die für eine solche Planung erforderlichen Daten problemlos und nahezu in Echtzeit erfassen und dank der heute verfügbaren enormen Rechnerkapazitäten auch verarbeiten. Wovon in den Jahren der „Planungseuphorie“ noch geträumt wurde, das existiert mittlerweile faktisch:  die technischen Voraussetzungen für eine demokratische, bedürfnisorientierte Planung, mit der die vorhandenen Konsumwünsche mit den an Nachhaltigkeitszielen orientierten Produktionskapazitäten und den entsprechenden materiellen Ressourcen abgeglichen werden könnten. Diese Kapazitäten müssen nur genutzt werden. Denn was in der Welt der global agierenden Konzerne (Google, Amazon, Facebook und Konsorten) selbstverständlich ist (eine immense Datensammlung nämlich, um für die Maximierung der eigenen Profite zu sorgen), sollte in einem demokratisch organisierten Gemeinwesen nicht unmöglich sein. Dann aber zu Gunsten aller!

Natürlich wird auch das nicht ohne Reibungsverluste und Konflikte funktionieren. Und ebenso natürlich wird es weiterhin notwendig sein, über die Prioritäten für die Notwendigkeit bestimmter Planungen zu diskutieren und zu entscheiden. Das wird in parlamentarischen, ebenso demokratisch legitimierten Gremien zu geschehen haben. Planung wird also von zwei Seiten demokratisch bestimmt: durch den direkten Input der Bürger*innen und durch die politische Entscheidung der gewählten Gremien.

Der Zusammenbruch der sog. real-sozialistischen Staaten und die damit verbundene Diskreditierung jedweder planwirtschaftlicher Überlegungen hat dazu geführt, dass die Debatte über die Gestaltung einer demokratisch organisierten Planwirtschaft  fast völlig zum Erliegen kam. Eine der seltenen Ausnahmen bildete das ursprünglich 2003 erschienene und seit 2006 auch in deutscher Übersetzung vorliegende Buch über eine partizipatorische Ökonomie von Michael Albert[13]. So anregend solche modelltheoretischen Diskussionen auch sein mögen, so werden sie doch praktische Experimente nicht ersetzen können. Wie breit und wie tief eine demokratische Planwirtschaft tatsächlich sein muss, wird sich erst dort, in der Praxis, erweisen. Klar dürfte sein, dass jene Wirtschaftssektoren, die für die Befriedigung elementarer Lebensbedürfnisse (Nahrung, Kleidung, Wohnung) zuständig sind, auf keinen Fall den Kräften und Gesetzen des Marktes ausgesetzt werden dürfen. Und natürlich müsste eine solche Planung die Knappheit der verfügbaren Ressourcen ebenso berücksichtigen wie schädliche Umweltauswirkungen minimieren. Wegwerfartikel, Produkte mit geplanter Obsoleszenz, gesundheitsschädliche Inhaltsstoffe werden der Vergangenheit angehören. Dagegen werden Kriterien wie lange Lebensdauer, Reparabilität und Umweltverträglichkeit in den Vordergrund rücken.

Wenn also die Bedürfnisse der Menschen und ein nachhaltiger Umgang mit den natürlichen Ressourcen entscheidend dafür sein sollen, was und wie produziert wird, dann können nicht gleichzeitig Gewinnstreben und Wachstumsorientierung Maxime des Wirtschaftens sein. Das heißt aber: Eine demokratische Planwirtschaft kann nur nicht-kapitalistisch organisiert werden. Ob und inwieweit es darüber hinaus Märkte für bestimmte Produkte und Dienstleistungen geben soll, lässt sich nicht von vornherein dekretieren, sondern kann und sollte einer demokratischen Entscheidung vorbehalten sein. Wenn solche Produkte und Dienstleistungen von (zum Beispiel) Genossenschaften oder am Gemeinwohl orientierten Unternehmen auf dem Markt angeboten werden, dann kann dies durchaus sinnvoll und wünschbar sein.


[1] Einen kurzen und gut lesbaren Überblick (auch wenn ich nicht mit allen Bewertungen übereinstimme) bietet Dirk van Laak: Planung, Planbarkeit und Planungseuphorie. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 16.02.2010

[2] Als Tonnenideologie wird abwertend eine Produktionsplanung bezeichnet, die ausschließlich einfache und messbare Größen vorgibt, ohne dass Nachfrage, Nutzen oder Qualität eine Rolle spielen. Die Vorgaben zur Planerfüllung orientieren sich dementsprechend vor allem an Gewicht oder Anzahl der produzierten Produkte. Qualitätsmängel und investive Fehlsteuerungen sind die Folge.

[3] Der „Mao-Look“ als Kleidungszwang während der chinesischen Kulturrevolution und die berüchtigte DDR-Jeans-„Mode“ (Vgl. Die Jugend und die Mode in der DDR: Wisent, Boxer, Shanty – Jeansfeeling Ost. MDR, 13.06.2017) mögen hier als Beispiele genügen…

[4] Michael Krätke: Der Unterschied der Unterhosen. In: OXI. Wirtschaft anders denken, 15.11.2017

[5] Vgl. Tom Strohschneider: Ihr habt doch alle keinen Plan! In: OXI, 8.10.2017

[6] Vgl. Silvia Liebrich: Wenn Essen zu Müll wird. In: SZ, 25./26.08.2018, S. 23. Ausführlich siehe  Esben Hegnsholt / Shalini Unnikrishnan / Matias Pollmann-Larsen / Bjorg Askelsdottir / Marine Gerard: Tackling the 1.6-Billion-Ton Food Loss and Waste Crisis. The Boston Consulting Group Inc. 2018

[7] Vgl. Björn Finke: Burberry will keine Klamotten mehr verbrennen. In: SZ, 06.09.2018

[8] Bundesweit gibt es rund 940 Tafeln, die überschüssige Lebensmittel von Supermärkten sammeln und damit regelmäßig bis zu 1,5 Millionen Menschen versorgen. Siehe https://www.tafel.de/

[9] Siehe dazu z.B. das Onlineportal http://www.murks-nein-danke.de/

[10] Michael Krätke: Der Unterschied der Unterhosen. In: OXI. Wirtschaft anders denken, 15.11.2017

[11] Erinnert sich noch jemand an die damalige „Planungseuphorie“, die ganze sozialwissenschaftliche Bibliotheken füllte und eine zumindest sektorale, demokratisch legitimierte Planung propagierte? Vgl. z.B. Fritz W. Scharpf (Hrsg.): Planung als politischer Prozess. Frankfurt a. M. 1973 und Frieder Naschold/Werner Väth (Hrsg.): Politische Planungssysteme. Opladen 1973

[12] Vgl. Tom Strohschneider: Ihr habt doch alle keinen Plan! In: OXI, 8.10.2017

[13] Michael Albert: Parecon. Leben nach dem Kapitalismus. Grafenau/Frankfurt am Main 2006. Aktueller, aber etwas weniger theoretisch und nicht so anspruchsvoll August Bebel / Ursel Beck / Holger Dröge / Georg Kümmel: Demokratische Planwirtschaft statt Diktatur des Marktes: Marxismus und Wirtschaftsplanung.  Berlin 2017

2 Kommentare zu “Lob der Planwirtschaft

  1. „Insofern sind nicht so sehr zentrale, sich als allwissend empfinden Planungsbürokratien gefragt, sondern eher regionale, kommunale und auch betriebliche Gremien, die Planung „von unten“ betreiben. Und deren Planung(en) dann auf regionaler und nationaler (besser noch dann auch auf supranationaler!) Ebene koordiniert und zusammengeführt, miteinander abgeglichen und gegebenenfalls geändert werden müssen.“

    Wie wäre es mit echter Planung von unten – angefangen beim Individuum? Und deren Planung müsste dann nur koordiniert und zusammengeführt, miteinander abgeglichen und gegebenenfalls geändert werden müssen, a.k.a. Marktwirtschaft?

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