„Sons of Kemet“ bei NUEJAZZ: eine fulminante Vorstellung

Shabaka Hutchings

Theon Cross an der Tuba

Shabaka Hutchings, der Mastermind der Sons of Kemet, beginnt auf der Klarinette und ganz allein, ganz beschaulich. Doch das ist bald vorbei: wenn nämlich die Drummer (Tom Skinner und Eddie Hick) eingreifen und ihren polyrhythmischen Sound-Teppich auslegen, der dann – fast ohne Pause – wie ein eineinhalbstündiges Doppelschlagzeug-Solo klingt und tranceartige Grooves transportiert. Dann kommt auch noch Theon Cross mit seiner mächtigen Tuba dazu. Die ersetzt zum einen den Bass. Zum anderen fungiert sie als „echtes“ Blasinstrument, das in den Themen mancher Stücke unisono mit Hutchings‘ Saxophon erklingt. Und in seinem unbegleiteten Solo holt Cross später Töne aus diesem Instrument heraus, von denen andere Tubisten wahrscheinlich Albträume bekommen würden.

Mit dieser kleinen, absolut ungewöhnlichen Besetzung geht die Post ab. Hutchings bläst sein Sax mit enormer Energie und Dynamik, mit einer irrwitzigen Power. Das klingt dann wie eine ganze Brass-Band (klar: das Sax ist elektronisch verstärkt). Shabaka ist ein athletischer Typ, glücklicherweise. Denn man sieht ihm die körperliche Anstrengung wirklich an: seine Schlagader ist zum Bersten angespannt. Er verausgabt sich total, hält sein Powerplay auf höchstem Level – und legt dann noch einmal ein bisschen zu und noch einmal eine Schippe Energie und Tempo oben drauf. Schon physisch ist das eine bemerkenswerte Leistung. Einmal noch greift er während des Sets zu seiner Klarinette und spielt ein (zunächst unbegleitetes) Solo. Da hört man, dass er auch ein phantastischer Instrumentalist ist und durchaus auch eine lyrische Ader hat. Als dann die Band wieder einsteigt, steigert sich auch dieser Song. Hutchings legt wieder ein enormes Tempo vor, bläst sein Instrument dank Zirkularatmung fast ohne Verschnaufpause.

Tom Skinner und Eddie Hick, die für einen phantastischen Rhythmus-Teppich sorgten

Die Themen der Songs sind einfach und eingängig, die Motive werden wiederholt und minimal verändert. Das ist äußerst rhythmisch und tanzbar und hat mit üblichen Jazz-Soli kaum etwas gemein. Die Wurzeln sind klar: Afrika („Kemet“ ist ein alter Name für Ägypten, Shabaka ein Pharaonen-Name und Hutchings‘ Vater war bekennender Rastafari), seine karibische Heimat (Shabaka wurde zwar in London geboren, kehrte dann aber zunächst mit seinen Eltern nach Barbados zurück, ehe er zum Studium der – klassischen – Klarinette wieder nach London kam) und der Süden der USA, vor allem New Orleans  und dessen Second Line-Tradition. Aber auch Techno und Hip Hop spielen für die Sons eine sehr wichtige Rolle.

Das Repetitive in der Musik der Sons of Kemet erzeugt einen tranceartigen Flow.  Das Konzert – die Stücke gehen meist ineinander über, es gibt keine Ansagen, erst im letzten Stück stellt Shabaka die Musiker vor – ähnelt eher einem DJ-Set als einem „traditionellen“ Jazz-Konzert. Die Clubkultur, in der diese Jungs groß geworden sind (sie sind alle Anfang/Mitte 30) hat ihre Spuren hinterlassen in ihrem Musikverständnis.

Mancher traditionelle Jazzhörer wird damit vielleicht Probleme haben. Die gewohnte Abfolge – Thema, Soli, Thema, vielleicht noch ein paar „trading fours“ – ist von Hutchings (jedenfalls in diesem Kontext) nicht zu haben. Sein Set geht in die Beine. Da muss man schon ein ziemlich hartgesottener Sitzfleisch-Fetischist sein, wenn man dabei nicht in Bewegung gerät. Kein Wunder, dass Hutchings Konzerte im heimatlichen UK ausverkauft sind und auch viele junge Leute anziehen.

Fazit: Das war eine wirklich fulminante Vorstellung und eines der beeindruckendsten Konzerte, die ich in diesem Jahr gehört habe. Und es wird spannend sein, was Shabaka Hutchings noch an Projekten (er ist ja außer den Sons of Kemet auch mit den Bands The Comet Is Coming und Shabaka & the Ancestors zugange!) aus seinem Saxofon zaubern wird. Eines der vielversprechendsten Talente ist er derzeit auf jeden Fall.

Ich stand während des Konzerts ganz vorne an der Bühne und hatte einen hervorragenden Blick. Wenn ich es trotzdem nicht geschafft habe, einen Videomitschnitt zu machen, dann liegt das einfach daran, dass ich nicht in der Lage gewesen wäre, bei dieser Musik fünf Minuten oder noch länger still zu stehen. Hier also zum Hineinschnuppern ein Video, das auf YouTube zu sehen ist.

Den Abend eröffnet hatten Makaya McCraven und seine Band. Mangels eines besseren Begriffs würde ich ihre Musik als Neo-Fusion bezeichnen: Sie ist fest in der Tradition der Altmeister der frühen 70er Jahre (Herbie Hancock, die elektrische Variante von Chick Coreas Return to Forever, Billy Cobham, Weather Report, das Mahavishnu Orchestra, um nur die wichtigsten zu nennen) verwurzelt, kommt aber glücklicherweise ohne die Fahrstuhlmusik-Affinität und den Sound-Brei der zweiten Fusion-Generation aus. Dafür ist sie – sehr gut hörbar – offen für Hip Hop und Techno-Einflüsse. Makaya McCraven wandelt also auf den Pfaden von Kamasi Washington und Robert Glasper, deren Projekten seine Band im Stilmix und Crossover-Ansatz ähnelt.

Die Band von Makaya McCraven, von links nach rechts: Greg Spero an den Keyboards, Matt Gold an der Gitarre, Junius Paul am Bass, Irvin Pierce am Saxofon und der Leader selbst am Schlagzeug

Das Powerplay des Leaders am Schlagzeug prägt die Gruppe: er peitscht sie förmlich voran, da gibt es kaum mal eine Atempause. Typisch dafür der zweite Song des Abends: McCraven legt ein atemberaubendes Tempo vor, wahnwitzig schnell, äußerst präzise im Spiel, besser als jeder Drum-Computer. Vielleicht nicht so flexibel und variabel wie ein Billy Cobham, aber mit dem Druck, der Energie und der Härte der besten Heavy Metal-Schlagzeuger. Keyboarder Greg Spero sorgt für die Klangteppiche, Matt Gold an der Gitarre klingt ein bisschen wie Pat Metheny. Saxofonist Irvin Pierce bringt das Jazz-Feeling ein und wagt sich in seinen ansprechenden Soli auch mal in freiere Gefilde. Rhythmus ist aber ganz klar Trumpf. Ein schöner Auftakt für den Abend, das Publikum erklatscht sich zwei Zugaben.

Um auch hier einen kleinen Eindruck von der Musik McCravens zu geben, stelle ich ein Video ein, das im Studio „live“ aufgenommen wurde.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.