Ich bin gespannt!

Ein Zwischenruf zum Ergebnis der EU-Wahlen

Ich bin gespannt, was die Grünen aus diesem – wirklich phänomenalen – Ergebnis machen werden. Denn dieses Ergebnis ist ja weniger Resultat tatsächlicher praktischer Politik, sondern eher ein Wechsel auf die Zukunft, ein Vertrauensvorschuss. Und der ist der Partei in doppelter Weise in den Schoß gefallen: Wenn diese Europawahl tatsächlich eine „Klimawahl“ war (und zumindest in Deutschland spricht einiges für diese These), dann haben die Grünen „gewonnen“, weil sie am glaubwürdigsten und konsequentesten klimapolitische Maßnahmen einfordern – und das seit langem.  Der zweite Faktor, der – wenn auch in geringerem Ausmaß – zu ihrem Wahlerfolg beigetragen hat, ist das klare Bekenntnis zu Europa, zur EU. Auch wenn nicht immer ganz klar war, zu welchem Europa. Denn es ist ja nicht so, dass die EU per se eine nachhaltige, soziale und international solidarische Politik betrieben hätte. Eher war das Gegenteil der Fall…

So wird sich rasch erweisen müssen, ob die Partei und ihre neue Fraktion in Brüssel den Vertrauensvorschuss, den sie vor allem von der jüngeren Generation erhalten hat, auch verdient. Wenn die grüne EU-Fraktion (auch außerhalb Deutschlands gestärkt aus den Wahlen hervorgegangen) möglicherweise wirklich zur „Königsmacherin“ (zum Beispiel bei der Wahl des oder der Kommissions-Präsidenten/in) wird, dann kann und muss sie das mit inhaltlich anspruchsvollen Sachforderungen verbinden. Das gilt für die Klimapolitik insgesamt, für die EU-Agrarpolitik, die eine radikale Wende in Richtung Nachhaltigkeit bräuchte, für die Migrationspolitik (für die sich der Friedensnobelpreisträger EU schämen müsste!), aber auch für die internationalen Handelspolitik. Hier ließen sich Weichenstellungen erreichen für eine Fahrt in eine klimaverträgliche Zukunft, in eine Zukunft, für die sich „Fridays for Future“ mit Recht so vehement einsetzen.

Interessant wird auch zu beobachten sein, wie die Grünen mit den unterschiedlichen Erwartungen ihrer größer gewordenen Wählerschaft (und wohl auch ihrer vielen neuen Mitglieder!) umgehen werden. Denn homogene Gruppen sind wohl beide nicht. Stark vereinfachend könnte man unterscheiden: auf der einen Seite jene, die auf der Kretschmann-Linie liegen und denen ein grundsätzliches Weiter-So mit Öko-Anstrich genügt, die „Wohlfühl-Grünen“, denen Bio-Lebensmittel plus Elektro-Auto genug der Weltrettung ist. Auf der anderen Seite stehen eher jene (vor allem Erst- und jüngere Wähler*innen), die wissen, dass echte, radikale Veränderungen notwendig sind, damit sie noch eine Zukunft haben. Ob sich beide Sichtweisen politisch unter einen Hut bringen lassen, dürfte einigermaßen zweifelhaft sein. Konflikte und Enttäuschungen sind da gewissermaßen vorprogrammiert.

Ich bin auch gespannt, ob die grüne Führungsspitze der radikalen Rhetorik, die sie ab und an pflegt, auch eine radikale Programmatik folgen lässt – denn davon ist bislang nichts zu erkennen. Und ob sie den Mut aufbringt, endlich den Kern des Problems zu benennen. Denn die Ursache sowohl für Klima-Katastrophe, Plastik-Vermüllung der Welt und Artensterben (um nur die drei gängigsten ökologischen Krisen zu nennen) wie auch für die sozialen Verwerfungen (zunehmende Einkommens- und Vermögensungleichheit, Wohnungsnot, Rentenlöcher…) ist ja – oder zweifelt daran jemand? – eine kapitalistische Wirtschaftsweise, die, von Wachstumszwang und der Logik der Profitmaximierung getrieben, dabei ist, ihre natürlichen und humanen Ressourcen zu zerstören. Aber das traut sich die Partei, die gern „Zukunft wird aus Mut gemacht“ plakatiert, bis jetzt nirgendwo auch nur andeutungsweise so zu sagen.

Wie gesagt: Ich bin gespannt…   

Passend zu meinem Kommentar empfehle ich folgenden Artikel:
Michael Jäger: Noch viel grüner werden. In: der Freitag Nr. 22/2019

Doyle Bramhall II im „Hirsch“: Return to the Seventies

Ein bisschen in die 70er Jahre konnte man sich schon zurückversetzt fühlen, wenn man auf die Bühne des Hirsch schaute: Dort zelebrierte Doyle Bramhall II eine Melange aus Blues Rock, Psychedelia und Prog Rock, die deutliche Referenzen zu den Jahren, sagen wir, 1972-1975 hatte. Dazu passend: seine beiden jüngeren Band-Kollegen (beides fabelhafte Musiker) im Hippie-Look.

Doyle Bramhall II im Nürnberger Hirsch

Adam Minkoff: Bass, Orgel, Harmoniegesang

Bramhall, eher bekannt als Begleitmusiker von Stars wie Eric Clapton und Roger Waters denn als Solo-Artist, begann eher verhalten. Die ersten Songs waren sperrig und ein wenig spröde. Vielleicht mit der Absicht zu demonstrieren, dass hier ein eigenständiger Künstler und nicht bloß ein epigonaler Adept bekannter Musikstile spielte. Doch schon in diesen ersten Songs zeigte sich, was natürlich alle aus seiner Zusammenarbeit mit den oben genannten Stars wissen: hier bearbeitet ein ebenso virtuoser wie variabler Gitarrist die Saiten. Dazu singt er mit einer zwar durchaus passablen, in Umfang wie auch Klangvariationen aber doch beschränkten Stimme (die oft zu lesenden Vergleiche mit Lenny Kravitz finde ich eher fehl am Platz). Da traf es sich sehr gut, dass seine beiden Mitmusiker an Bass bzw. Orgel (Adam Minkoff) und am Schlagzeug (Chris St. Hilaire) häufig auch als Harmoniesänger fungierten und vielen Songs schöne vokale Farbtupfer verliehen. Das kam vor allem bei den melodischen Songs zum Tragen, darunter das von Bramhalls jüngster Platte „Shades“ bekannte „Searching for Love“ (dort ein Duett mit Norah Jones).

Chris St. Hilaire: Schlagzeug, Harmoniegesang

Bramhall ist Linkshänder, spielt aber mit einer „umgedrehten“ Rechtshänder-Gitarre. Soll heißen: Die hohe E-Saite befindet sich oben. Was dazu führt, dass er die Saiten beim „Bending“ nach unten zieht – statt wie ansonsten üblich nach oben. Auch das trägt wohl dazu bei, dass er einen sehr individuellen Ton auf der Gitarre hat. Und spätestens beim Hendrix-Cover „Angel“ – Bramhall ist nicht von ungefähr fester Bestandteil der „Experience Hendrix Tour“ – wurde deutlich, wofür sein musikalisches Herz wirklich schlägt: für manchmal psychedelisch grundierten Hochgeschwindigkeits-Bluesrock. Besonders deutlich wurde das beim Song „Hands up“ (ich verlinke ein Konzert-Video aus dem Jahr 2018, das in derselben Besetzung wie der im „Hirsch“ entstand), den er allmählich aus einem Feedback-Gewitter entwickelte und in dem er ein höllisches Solo im Stile eines Alvin Lee in Bestform ablieferte. Zum Schluss des regulären Sets gab es dann noch ein Dylan-Cover: „Going Going Gone“ (ursprünglich auf dessen LP Planet Waves) in einem etwas Country-mäßigem Arrangement, dem Bramhall jedoch ein knallhartes Solo hinzufügte. (Auf „Shades“ ist der Song ebenfalls enthalten, dort in einer Kollaboration mit der Tedeschi Trucks Band allerdings etwas ambitionierter dargeboten.) Zwei kurze Zugaben, dann war nach etwa einer Stunde und fünfzig Minuten Schluss.

Fazit: Gewiss kein schlechtes (aber über weite Strecken zu laut abgemischtes!) Konzert mit einem der Spitzen-Gitarristen der Gegenwart, das meinen Begleiter und mich aber doch ein wenig ratlos zurückließ. Vielleicht weil wir ein konsistentes musikalisches Grundkonzept nicht zu erkennen vermochten?

Vergessene Perlen: „Brotherhood of Breath“

Anfang der siebziger Jahre war die vom Pianisten Chris McGregor gegründete Big Band „Brotherhood of Breath“ eine der interessantesten und innovativsten Großformationen im europäischen Jazz. Ihre 1971 erschienene, gleichnamige Debüt-LP ist dennoch weitgehend in Vergessenheit geraten.

Chris McGregor wurde 1936 in Südafrika geboren und war der Sohn eines schottischen Missionslehrers. Seine ersten musikalischen Einflüsse waren die Kirchenhymnen seines Vaters, dazu kamen eine klassische Klavierausbildung und dann, sehr wichtig, Kwela, der Township Jazz der südafrikanischen Schwarzen. Während seines Studiums am Musik-College von Kapstadt gründete er mit Dudu Pukwana (Altsaxophon), Mongezi Feza (Trompete, Flöte), Louis Moholo (Schlagzeug), Nick Moyake (Tenorsaxophon) und Johnny Dyani (Bass) die multi-ethnische Band „The Blue Notes„. Schon dies war während des strikten Apartheit-Regimes sehr gewagt und an sich ein politisches Statement. Dennoch konnte die Gruppe beim prestigeträchtigen Cold Castle Festival in Johannesburg einen Preis gewinnen und auch internationales Renommée erlangen. Doch in Südafrika selbst wurden die Auftrittsmöglichkeiten vor dem Hintergrund der nach dem Sharpeville-Massaker (bei dem 69 friedliche Demonstranten von der Polizei getötet wurden) nochmals verschärften Apartheit-Politik noch spärlicher. Die Band entschloss sich deshalb 1964 während einer Tournee durch Europa, nicht mehr nach Südafrika zurückzukehren und sich dann letztlich in London anzusiedeln.

Die Blue Notes bildeten dann ein paar Jahre später auch den Kern der Brotherhood of Breath. Ergänzt wurden sie durch einige hochkarätige britische Musiker wie Harry Beckett (Trompete), Nick Evans (Posaune), John Surman (Bariton- und Sopransaxofon) und Alan Skidmore (Tenor- und Sopransaxophon). In dieser Band waren demnach einige der feinsten Musiker versammelt, die die Londoner Jazzszene Anfang der siebziger Jahre zu bieten hatte. Chris McGregor bündelte diese Talente mit mitreißenden Arrangements und originellen Kompositionen, die Platz boten für freies Ensemblespiel. Das hatte unverkennbare Referenzen zu Charles Mingus und Sun Ra, wurde aber durch die afrikanischen Einflüsse zu einem absolut eigenständigen und innovativen Klangbild verdichtet.

Ich hatte 1971, also kurz nach dem Erscheinen dieser LP, das große Glück, die Band im Rahmen eines Mini-Festivals im Roundhouse in Camden erleben zu dürfen. Und obwohl ich die Band damals natürlich noch nicht kannte und ich noch nicht allzu viel Ahnung von Jazz hatte, waren sie mit ihrem hochenergetischen Auftritt der klare Höhepunkt dieses ansonsten mit Rock-Bands (darunter so illustre wie IF und Steamhammer) besetzten Konzerttags.

Fazit: Diese LP hätte es verdient, der musikalischen Vergessenheit entrissen zu werden. Also: Tune in!
Anspiel-Tipps: die etwas kürzeren Stücke MRA und Andromeda.

Jam Bands, USA

In der ersten Ausgabe von „Diggin'“, meiner Sendung auf Radio Z, ging es um Jam Bands aus den USA (1). Auf dem Manuskript dieser Sendung beruht der folgende Beitrag. „Jam Bands“ – das sind – ganz kurz gesagt – Bands, die gerne improvisieren, jammen.

Wie Grateful Dead in dieser Version ihres Stücks Sugaree.

Die Dead sind sozusagen die Mutter aller Jam Bands. An ihrem Beispiel lassen sich einige der wesentlichen Merkmale aufzeigen, die die Jam Band-Szene bis heute prägen. Das ist zum Beispiel die Vorliebe für lange Stücke und für ausgedehnte Instrumental-Improvisationen. Konzerte von Jam Bands dauern oft mehrere Stunden. In der Zeit, in der diese Version von „Sugaree“ aufgenommen wurde (in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts), sah ein Dead-Konzert in der Regel so aus: nach einem akustischen ersten Set gab es noch zwei weitere elektrisch verstärkte Sets. So kamen dann locker drei bis vier Stunden Musik zusammen.

Ebenfalls für eigentlich alle Jam Bands kennzeichnend: Neben eigenen Kompositionen gibt es immer wieder auch Cover-Versionen von bekannten Stücken anderer Bands. Und häufig auch Gastauftritte befreundeter Künstler. So haben Jam Bands in aller Regel ein riesiges Repertoire an Songs. Und das erlaubt ihnen, jeden Abend, in jedem Konzert eine andere Set-List zu spielen. Kein Konzert ähnelt dem anderen. Das macht ihren Reiz aus. Und das ist wichtig. Für die Bands selbst, bei denen keine Routine aufkommt. Und vor allem auch für das Publikum. Denn viele Jam Bands haben eine eingeschworene Fan-Gemeinde, die ihnen von Konzert zu Konzert, von einem Festival zum nächsten folgt. Bei Grateful Dead waren das die sogenannten Deadheads.

Die Dead wurden 1965 gegründet und waren an der US-Westküste beheimatet und integraler Bestandteil der dort entstehenden Hippie-Kultur. In ihrer Musik griffen sie im Laufe ihres rund 30-jährigen Bestehens auf unterschiedlichste Stilrichtungen zurück: Folk, Country,  Bluegrass, Blues, Gospel, psychedelischer Rock.

Ebenfalls zur ersten Jam Band-Generation gehört die Allman Brothers Band. Diese kommt allerdings aus dem tiefen Süden der USA,  gegründet vor ziemlich genau 50 Jahren in Jacksonville, Florida. Und obwohl ihr Repertoire öfters mal in Richtung Jazz und Country ausgreift, ist ihre Basis doch eindeutig: der Blues.

Das wunderbare Instrumental „In Memory of Elizabeth Reed“ stammt von der ebenso wunderbaren Live-LP „At Fillmore East“. Die Band existierte, mit zum Teil mehrjährigen Unterbrechungen, von 1969 bis 2014.

Ihr Output an Live-Aufnahmen ist schier unübersehbar. Insbesondere seit die Digitalisierung den Direktvertrieb leicht gemacht hat. Neben den Fillmore Concerts, für mich eine der besten Live-Platten aller Zeiten, will ich nur eine weitere Empfehlung geben: eine Sammlung von 8 CDs mit Aufnahmen der allerletzten (und seltsamerweise: stabilsten) Inkarnation der Band. Diese Aufnahmen sind Mitschnitte von kompletten Konzertabenden an drei aufeinanderfolgenden Tagen im Fox Theatre in Atlanta (im September 2004). Das war kurz nach der Veröffentlichung ihrer letzten Studio-LP, der übrigens auch sehr guten Platte „Hitting the Note“. Die Band mit dem Gitarren-Duo Derek Trucks und Warren Haynes befand sich in Bestform. Und die Band bot einen Querschnitt durch ihr imposantes Repertoire. Nur ein einziger Song („Dreams“) taucht an allen drei Abenden auf.

Sehr empfehlenswert sind auch etliche Videos, die auf YouTube kursieren und die vor allem die legendären Auftritte der Band im Beacon Theatre in New York dokumentieren. Beispielsweise ein Konzert, bei dem Eric Clapton als Gast einsteigt. Und natürlich das emotionale allerletzte Konzert am 28. Oktober 2014. Das war übrigens das 238. ausverkaufte Konzert in ununterbrochener Folge, das die Allman Brothers im Beacon absolvierten. Das sagt wohl einiges über die ungebrochene Beliebtheit dieser Band aus, die es von ganz wenigen Ausnahmen zu Beginn der 70er Jahre nie zu Hitparaden-Ruhm gebracht hatte.

Auf den Spuren der Dead und von ABB wandelten dann auch die Bands, die seit Mitte der 80er Jahre als Jam Bands bekannt wurden und durch ihre musikalische Vielfalt, ihr instrumentelles Können und ihre beeindruckenden Konzerte von sich Rede machten. Widespread Panic, Blues Traveler, Spin Doctors, die Dave Matthews Band und diverse Nachfolge-Bands der Dead gehörten dazu. Und natürlich Phish.

„Chalkdust Torture“ ist ein Stück aus der ersten Live-LP von Phish, passend „A Live One“ betitelt. Aus dem Jahr 1995 und bis heute ihre erfolgreichste Plattenveröffentlichung.

Phish ist eine der Jam Bands der zweiten Generation. Die Band existiert seit 1983. Die Gründungsmitglieder um Mastermind, Sänger, Gitarrist und Hauptsongschreiber Trey Anastasio hatten sich alle an der University of Vermont kennen gelernt. Seit 1985 spielt die Gruppe in derselben Besetzung, mit einigen Jahren Unterbrechung allerdings. Aber auch 2019 haben sie wieder ein umfangreiches Tour-Programm. Sie sind – für Jam Bands typisch – eine Live-Band, schöpfen aus vielen musikalischen Genres: Einflüsse aus Psychedelic Rock, Prog Rock, Fusion Jazz, Funk, Reggae, Hard Rock, Post Punk bis hin zu Folk und Bluegrass. Und oft ist auch gut spürbar, dass Frank Zappa eines ihrer großen Idole ist.

Ähnlich wie Dead und die Allmans haben Phish  eine sehr, sehr treue Fangemeinde („Phishheads“). Viele ihrer Konzerte sind legendär. Um nur ein Beispiel zu nennen: Zur Feier der Jahrtausendwende spielten sie bei einem Festival in Florida am 31. Dezember ab halb Zwölf in der Nacht bis in die Morgenstunden des Neujahrstages – insgesamt rund acht Stunden lang. Und obwohl sie nie einen richtigen Hit hatten, zogen ihre Konzerte in den USA das Publikum massenhaft an. 1996 kamen 70.000 Menschen zu einem Festival-Konzert in Plattsburgh (NY) – was in diesem Jahr USA-weit die größte Zuschauermenge bei einem Auftritt einer einzelnen Band war.

Sehr attraktiv waren auch ihre Auftritte an Halloween: An diesem Tag ist es in den USA ja üblich, sich zu verkleiden, ein Kostüm anzuziehen. Und Phish kostümierten sich ebenfalls, und zwar indem sie in die Haut einer anderen Band schlüpfen und ein komplettes Album dieser Band spielen: 1994 war das weiße Album der Beatles, in Jahr darauf „Quadrophenia“ von The Who. „Exile on Main Street“ der Stones war im Jahr 2009 dran.

Gov’t Mule (gesprochen: Government Mule) sind sozusagen ein „Ableger“ der Allman Brothers Band. Die Gruppe wurde nämlich 1994 von Warren Haynes und Allen Woody gegründet, die bei der ABB Gitarre und Bass bedienten. Und auch der dritte Mann im Bunde hatte Verbindungen zu den Allmans: Matt Abs, der Drummer, saß vorher auf dem Schlagzeug-Sessel der Dickey Betts Band. Eine Bemerkung noch zum Namen der Band: Hinter der Bezeichnung “government mule” verbirgt sich kein Wortspiel mit einem Maulesel und auch kein politisches Statement, sondern eine wenig charmante Slang-Bezeichnung im US-Süden für ein ziemlich groß geratenes weibliches Hinterteil… Die Mule sind aber keinesfalls eine sexistische oder gar rassistische Band – das haben insbesondere die politischen Wortmeldungen von Warren Haynes in den vergangenen Jahren immer wieder deutlich gemacht.

Die Musik der Mule steht aber nicht nur in der Tradition der Allman Brothers, sondern hat auch starke Referenzen zu den klassischen Bluesrock-Bands: Cream, Led Zeppelin, Black Sabbath, Jimi Hendrix. Um nur die wichtigsten zu nennen. Aber auch Funk, Soul und Jazz spielen für den Musik-Mix der Mule eine wichtige Rolle. Das sieht man auch an den Gastmusikern, zu denen u.a. Bernie Worrell oder der Jazz-Gitarrist John Scofield zählten. Beide sind auf dem Stück „Sco-Mule“ zu hören. Und Haynes, das ist darauf gut zu hören, muss sich beileibe nicht vor dem berühmten Jazz-Kollegen verstecken, was seine Gitarrenkünste angeht.

Auch die Mule „kostümierten“ sich an Halloween gern: Die CD „Dark Side of the Mule“ beispielsweise enthält fast ausschließlich Cover-Versionen von Pink Floyd-Songs. Außerdem sind Halloween-Konzerte mit Stones-Coverversionen und Adaptionen von Led Zeppelin’s „Houses of the Holy“ dokumentiert.

Wie andere Jam Bands sind auch die Mule ein begehrter Live-Act. Sie gehören zum festen Inventar vieler US-Festivals (Bonnaroo, Mountain Jam, New Orleans Jazz Fest), Haynes selbst organisiert alljährlich die Christmas Jam in seiner Heimatstadt Asheville (NC). Ihre Konzerte kann man über die Website „Mule Tracks“ in sehr guter Qualität per Download käuflich erwerben. Und zwar gar nicht so teuer. Außerdem gestatten die Mule ihren Fans, Live-Mitschnitte der Auftritte für nicht-kommerzielle Zwecke zu machen und zu tauschen.

Auch die Tedeschi Trucks Band hat Querverbindungen zu den Allman Brothers: Derek Trucks, der eine der beiden Namensgeber, ist nicht nur der Neffe von ABB-Urmitglied Butch Trucks, sondern war selbst deren Gitarrist von 1999 bis zur Auflösung der Band im Oktober 2014. Daneben hatte er bereits seit 1994 seine eigene Band und spielte in der Tour-Band von Eric Clapton.  Sein musikalisches Spektrum ist ungeheuer breit, es reicht bis in den Jazz und in die orientalische Musik. Sein gitarristisches Können wird allseits geschätzt. So machte er auch schon mit der Jazz-Legende McCoy Tyner gemeinsame Aufnahmen (er spielte auf zwei Stücken von McCoy Tyners Platte Guitars). Das war wohl so etwas wie ein musikalischer Ritterschlag.

Die Sängerin (und Mit-Komponistin) dieses Stücks ist Susan Tedeschi. Auch sie hatte seit 1994 eine eigene Band, mit der sie unter anderem auch die ABB als Opening Act begleitete. Bei dieser Tournee im Jahr 1999 lernte sie Derek kennen, die beiden wurden ein Paar und sind seit 2001 verheiratet und haben zwei Kinder. 2010 beschlossen sie, auch musikalisch ihre Kräfte zu vereinen und gründeten die TTB, zum Teil mit Mitgliedern ihrer beiden ehemaligen eigenen Bands. Dabei entstand eine Gruppe, die nicht nur für Jam Bands, sondern im Rockbereich überhaupt ziemlich ungewöhnlich ist: wegen ihrer Größe und wegen ihrer Besetzung. 12 Mitglieder – das ist schon eine kleine Bigband, für Rockverhältnisse jedenfalls außergewöhnlich. Und die Besetzung erstaunt ebenfalls: zwei Gitarristen und zwei Drummer, Keyboards und Bass ist für Jambands noch ziemlich „normal“ (wir kennen das von Grateful Dead und den Allman Brothers). Aber ein 3-köpfiger Bläsersatz und drei Harmonie-Sänger*innen, das macht den Unterschied. Wobei der Begriff Harmony- oder Background-Vokalist*innen stark untertrieben ist. Jede*r von den dreien hat ein Organ, das ihn oder sie als Lead-Sänger*in qualifizieren würde. (In den Konzerten werden sie immer auch mal als Lead-Sänger gefeatured!) Ähnliches gilt für die Bläser-Sektion, aus der Saxophonist Kebbi Williams mit seinen wilden Freejazz-Exkursionen noch heraussticht.

Die (bisher: vier) Studio-LPs der Gruppe sind zweifellos hervorragend. Aber man muss sie wirklich einmal live erlebt haben, um ihren Drive, ihre musikalische Qualität, ihre grandiose Band-Chemie und den Abwechslungsreichtum ihres Repertoires wirklich ermessen zu können. Oder zumindest einmal ein Video von ihnen gesehen haben. Ihre letzte Live-Veröffentlichung „Live from Fox Oakland“ gibt es glücklicherweise auch als DVD, auf der man auch Einblicke in das Tour-Leben bekommt. Und auf YouTube kursieren etliche Konzertmitschnitte, die wirklich empfehlenswert sind.  So die Aufnahmen aus dem Red Rocks Amphitheater, in dem TTB alljährlich Station machen. Und vor allem eine Konzert-Hommage an Joe Cocker und seine Mad Dogs & Englishmen, eine mitreißende Show, an der auch viele der noch lebenden Mad Dogs teilnahmen. Man höre nur die Killer-Version von „With a Little Help from My Friends“, in der Susan Tedeschi als Sängerin über sich hinauswächst.

Bruce Hampton (der eigentlich Gustav Valentine Berglund III heißt) ist unter verschiedenen Alias-Namen und mit etlichen Band-Inkarnationen aufgetreten. Seine musikalische Nähe zu Frank Zappa und Captain Beefheart ist unüberhörbar. Insofern könnte man ihn auch als
Rock-Avantgardisten einordnen. Er geht aber auch als Jam Band-Protagonist durch. Mit den meisten der Musiker*innen und Bands, von denen oben die Rede war, gibt es Querverbindungen. Für die jüngeren unter ihnen war er oft so etwas wie ein Mentor. In Atlanta und Umgebung waren er und seine Live-Auftritte eine Legende, in Deutschland kennt ihn wohl kaum jemand. Am 30. April 2017 ist er 70 geworden. Zu diesem Anlass gab es am 1. Mai ein riesiges Konzert mit vielen seiner Freunde auf der Bühne. Bei der Zugabe erlitt er einen – zunächst nicht erkannten – Schwächeanfall, an dem er wenig später starb. Ein würdiger Abschied und schöner Tod, könnte man sagen…

PS: Gespannt sein darf man auf einen Newcomer in der Jam Band-Szene: drei Söhne von Ur-Mitgliedern der Allman Brothers Band haben die Allman Betts Band gegründet – ABB 4.0 sozusagen. Devon Allman, Sohn von Gregg, Duane Betts, Sohn von Dickey, an den Gitarren sowie Berry Oakley jr., der Sohn des allerersten ABB-Bassisten gleichen Namens. Im Juni erscheint ihre erste Platte und demnächst sind sie auch in Deutschland auf Tournee.


(1) Vgl. dazu z.B. die Website jambands.com sowie die durchaus informativen Artikel in Wikipedia und allmusic.com