Echte Perle: das neue Werk von Hazmat Modine

Manchmal könnte ich Schreikrämpfe kriegen, weil die Musikindustrie so unfähig ist, gute Musik für die geneigte Hörerschaft zu materialisieren. Zum Beispiel: Da gibt es bereits seit rund zwanzig Jahren eine Gruppe äußerst talentierter Musiker*innen, die im vergangenen Jahrzehnt schon vier sehr, sehr hörenswerte Platten produziert hat. Für die Produktion ihres neuesten Long-Players müssen sie allerdings eine Crowdfunding-Kampagne starten, die dann aber nicht genügend Geld erbringt, um die Platte tatsächlich veröffentlichen zu können. Erst als die Band-Mitglieder ihre privaten Sparschweine plündern, erblickt sie das Licht der Musikwelt. Und, nach dreijähriger Wartezeit, siehe da: Es handelt sich um eine wahre Perle. Die Rede ist von Hazmat Modine und ihrer jüngste Veröffentlichung „Box of Breath.

Und nein: Hazmat Modine produziert weder Gefahrgut (Hazmat = Abkürzung für „hazardous material“) noch heiße Luft, wie der Gründer und Mastermind der Band, Wade Schuman, in Anspielung auf den zweiten Namensteil (eine Firma, die Klimageräte herstellt) und auf den mächtigen Bläser-Satz der Gruppe das einmal ironisierend sagte. Das musikalische Produkt dieses Musiker-Kollektivs lässt sich ohnehin schwer auf den Begriff bringen oder gar in eine Schublade einordnen. „Roots-Musik“, „Americana“, „Weltmusik“ sind Labels, die immer wieder mit Hazmat Modine in Zusammenhang gebracht werden. Aber einmal abgesehen davon, dass solche Zuschreibungen reichlich abgegriffen sind, wirklich gerecht werden sie dem einzigartigen Musik-Mix von Hazmat Modine sowieso nicht.

Man könnte auch die Stil-Elemente aufzählen, die immer wieder neu und originell kombiniert werden: Jazz, Rock, Folk, Klezmer, Cajun, Balkan- und Latin-Rhythmen, afrikanische Grooves und immer wieder: Blues. Aber kann sich darunter jemand wirklich etwas vorstellen? Nein, man muss sich Hazmat Modine schon anhören – und wird immer wieder überrascht. Von den einfallsreichen Arrangements, von knappen solistischen Intermezzi, von der perfekten Harmonie zwischen Bläsern und Mundharmonika (Das nur nebenbei: Wade Schuman zuzuhören, wie er dieses kleine Instrument zum Leben erweckt, welche Töne er ihm entlockt, ohne mit seiner zweifellos vorhandenen Virtuosität zu protzen, macht schon neidisch!), vom famosen Joseph Daley und seiner Tuba, die für die Tiefton-Grundierung sorgt, von den gitarristischen Preziosen, die Eric Della Penna einstreut. Und immer wieder diese wunderbaren Bläser: Steve Elson an den Saxofonen und Klarinetten, Trompeterin Pam Fleming und Posaunist Reut Regev. Auf zwei Titeln sorgt Balafon-Spezialist Balla Koyate für afrikanisches Flair. Dazu der knarzige Gesang von Wade Schman, irgendwo zwischen Dr. John und Captain Beefheart anzusiedeln.

Hazmat Modine-Mastermind Wade Schuman. Das Foto entstand am 6. Juni 2013 bei einem Konzert im Erlanger E-Werk.

Ich will erst gar nicht versuchen, einzelne Songs zu beschreiben, weil sie sich in ihrer immensen Vielfalt und Komplexität einer Beschreibung von vornherein entziehen. Und mit jedem Hören neue Details entdeckt werden können. Jedes Stück ist ein kleines Meisterwerk. Auch die poetischen Texte verdienen Aufmerksamkeit. Sie sind allesamt im schön gestalteten (von Maestro Schuman höchstselbst – kein Wunder, er lehrt im Hauptberuf Malerei an der New Yorker Academy of Art) nachzulesen.

Wer selbst einen Eindruck von diesem absolut empfehlenswerten Album gewinnen möchte, kann das hier auf YouTube tun. Aber bitte: Kauft euch diese Platte! Hazmat Modine haben jedwede finanzielle Unterstützung wirklich verdient.

Hazmat Modine: Box of Breath, Jaro Medien 2019

Homepage von Hazmat Modine

WIKI-Eintrag zu Hazmat Modine

Plattenkritik auf Jazzhalo

Plattenkritik auf SWR 2

Reviews anderer LPs von Hazmat Modine auf diesem Blog: Cicada und EXTRA-DELUXE-SUPREME

Sehr empfehlenswert: das Debüt der Allman Betts Band

Wenn eine Rock-Gruppe die Namen Allman und Betts enthält und ein weiteres Band-Mitglied Berry Oakley Jr. heißt, dann ist das Verpflichtung und Hypothek zugleich. Denn hier musizieren mit Devon (Allman), Duane (Betts) und dem erwähnten Berry (am Bass wie sein Vater) gleich drei Söhne von Ur-Mitgliedern der Allman Brothers Band. Verpflichtung also, das Erbe und die DNA der vielleicht größten Southern Rock Band überhaupt weiterzutragen. Und die Hypothek, immer an den großen Alten gemessen zu werden.

Ich muss sagen: die ABB (2.0) geht damit auf ihrer Debüt-LP Down to the River erstaunlich souverän um. Sie versucht erst gar nicht, wie eine Neuauflage der ABB (alt) zu klingen. Sondern macht ihr eigenes Ding, das zwar deutlich in der Tradition der Väter steht, aber ohne eine bloße Kopie zu sein. So gibt es auf der Platte – vielleicht bezeichnenderweise – keine einzige Cover-Version von ABB-Klassikern (die die Band live durchaus im Programm hat). Sondern vorwiegend Eigenkompositionen und nur relativ wenig klassischen Bluesrock. Am ehesten kommt Allman-Brothers-Feeling beim längsten Stück der Platte, dem fast neun-minütigen Autumn Breeze, auf, in dem sich die  Lead-Gitarristen mit schönen Soli abwechseln. Aber obwohl es mit Johnny Stachela, der vor allem sehr geschmackvolle Slide-Parts beisteuert, neben den beiden Leadern noch einen dritten Gitarristen in der Band gibt, vermeidet es die ABB, die Hörer*innen mit Gitarren-Overkill zu überfordern. Dafür sorgt nicht nur der häufige Einsatz von akustischen Gitarren, sondern auch die Grundierung mit Orgel und Piano (auf den meisten Songs von Peter Levin gespielt, in einem Stück sitzt sogar Allman-Altmeister Chuck Leavell an den Tasten). Und: Das Album ist sehr songorientiert, melodisch und abwechslungsreich.

Der Opener All Night kommt deftig rockend daher und lebt von Devon Allmans Stimme ebenso wie von den perfekt harmonierenden Lead-Gitarren. Ein Auftakt, der Appetit auf mehr macht. Im zweiten Titel Shinin‘ singt dann Duane – die Ähnlichkeit zu Papa Dickey Betts ist nicht nur äußerlich, sondern auch stimmlich und stilistisch verblüffend. So ist es nicht verwunderlich, dass die Platte öfters mal einen Hang zum Country-Rock und auch eine besinnlich-melancholische Seite hat. Auf Good Ol‘ Days beispielsweise oder im Tom-Petty-Cover Southern Accents.

Sehr überzeugend ist das Titelstück der CD, neben Autumn Breeze mein Lieblingssong. Devon (auch hier ist eine geradezu unheimliche Ähnlichkeit zu Papa Gregg hörbar) singt mit sehr viel Soul in der Stimme, klassischer Southern Rock, wunderbar.  

Die Platte erfindet die Rock-Musik gewiss nicht neu, sie ist „Classic Rock“ im besten Sinne des Begriffs. Dazu trägt sicher auch die analoge Aufnahmetechnik in den berühmten Muscle Shoals Studios (die Adresse in Sheffield, Alabama, ziert die Rückseite des Platten-Covers) bei. Das tut der Musik gut, sie wirkt frisch und authentisch. Richtige, handgemachte Rockmusik also. Dass es so etwas im Jahr 2019 noch gibt, ist sehr erfreulich. Und gerade deshalb sind der Platte viele, gerade jüngere Hörerinnen und Hörer zu wünschen.

Und wir freuen uns schon jetzt auf das nächste Werk der Band, an dem – wie zu lesen war – Devon und Duane bereits arbeiten.

Allman Betts Band: Down to the River, BMG 2019

Homepage der Band

Mette Juul: „Change“

Melancholische Singer-Songwriter-Musik mit leichtem Jazz-Touch

Skandinavien ist seit Jahren eine Fundgrube für talentierte Sängerinnen im Grenzbereich zwischen Jazz, Folk, Rock und Pop. Die Namen Victoria Tolstoy, Rebekka Bakken und Cæcilie Norby mögen dafür als Belege genügen. Die aus Ostjütland stammende dänische Sängerin Mette Juul gehört bislang, obwohl mittlerweile auch schon über 40, noch nicht zu den bekannten Größen*, obwohl sie bereits auf drei Plattenveröffentlichungen verweisen kann. Ob sich dies mit ihrer neuesten CD „Change“ ändern (sic!) wird, wage ich nicht zu prognostizieren.

Verdient hätte sie es allemal. Denn ihre stimmlichen Qualitäten sind über jeglichen Zweifel erhaben. Und ihre Songs haben eine musikalische und poetische Tiefe, die im schnelllebigen Musikgeschäft der Gegenwart allzu selten zu finden sind. Ich empfehle deshalb ausdrücklich die Lektüre der im Booklet beigefügten Songtexte. Auch die Fremdkompositionen (so zum Beispiel Dindi und Double Rainbow von Antonio Carlos Jobim) passen hervorragend in den Song-Zyklus, der das Thema der CD, eben die Veränderungen im Leben, von unterschiedlichsten Seiten beleuchtet.

Zur Realisierung dieser Platte hat sich Mette Juul mit Musikern umgeben, die zur Crème der skandinavischen Jazz-Szene gehören und mit denen sie teilweise schon seit Jahren zusammenarbeitet: Lars Danielsson am Bass, Ulf Wakenius an der Gitarre und Heine Hansen am Piano sind hier zu nennen. Auf zwei in New York aufgenommenen Songs ist außerdem der israelische Gitarrist Gilad Hekselmann zu hören. Auf Beautiful Love, dem Opener der CD, begleitet sich Juul ganz allein selbst auf der Gitarre. Und damit signalisiert sie für den Rest der Platte: hier geht es sehr ruhig zu, die instrumentale Begleitung ist zurückgenommen. Piano-Tupfer, Gitarren-Akkorde, sparsame Bass-Grundierung. Es gibt kein Schlagzeug, keine Bläser. Kein wirkliches up-tempo Stück, keine virtuosen Soli. Das ist jetzt nicht negativ oder als Kritik gemeint. Ich möchte nur falsche Erwartungen vermeiden.

Mette Juul im Bamberger Jazzclub (am 18. März 2017)

Fazit: Wer Singer-Songwriter-Musik mit leicht melancholischer Grundstimmung mag, wird mit dieser Scheibe bestens bedient. Ich würde sagen: ideal für einen Herbstabend allein zu Hause, mit einem guten Glas Wein und der Muße, sich intensiv einem schönen Stück Musik zu widmen.

Mette Juul: Change. Universal Music (Denmark), 6. September 2019

Homepage von Mette Juul

Platten-Review auf „All about Jazz“

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* Ich habe Mette Juul vor gut zweieinhalb Jahren live im Bamberger Jazzclub gehört, also einer ziemlich kleinen Location –  was als Indiz für ihren eher begrenzten Bekanntheitsgrad gelten kann.