Vor 50 Jahren: mein "erstes Mal"

Das „erste Mal“ ist ein beliebtes Sujet für Rückblicke jeglicher Art. Normalerweise steht dabei die Initiation in die Welt der Erotik im Mittelpunkt. Man möge mir verzeihen: Dafür geht mir der notwendige Exhibitionismus ab. Ich beschränke mich lieber auf meine musikalische Vergangenheit. Wie ich aus dem „Rolling Stone“ (März 2014) und dem dort veröffentlichten Ausschnitt aus einem Werk des deutschen Pop-Papstes Diedrich Diederichsen erfahren konnte, bin ich damit in bester Gesellschaft.

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Nun denn: Bei mir war es der 24. März 1970! Zwar hatte es schon vorher – insofern den ersten Schritten auf dem Feld der Erotik nicht unähnlich – etliche Annäherungen an das Objekt „Rock-Konzert“ gegeben. Aber das waren doch eher schüchterne Schritte: Live-Darbietungen lokaler Bands bei Schul-Partys oder in den wenigen einschlägigen Lokalen Bambergs, wo es ab und zu Live-Musik zu hören gab.

Aber heute vor genau 50 Jahren war es dann endlich soweit: Ich erlebte mein allererstes richtig „großes“ Rock-Konzert: Fleetwood Mac in ihrer Urbesetzung mit Peter Green, Jeremy Spencer und Danny Kirwan an den Gitarren sowie Mick Fleetwood (Drums) sowie John McVie (Bass) spielten in der Nürnberger Meistersinger-Halle. Und ich, mit meinen 17 Jahren, war dabei! Meine Aufregung war mindestens ebenso groß wie meine Erwartungen. Immerhin war Peter Green neben Eric Clapton und Jimi Hendrix damals einer meiner absoluten Lieblings-Gitarristen. Sein deutlich an B.B. King geschulter Blues-Stil, aber auch seine selbstkomponierten Songs wie „Albatross“, „Man of the World“, „Green Manalishi“ und das geniale „Oh Well“ gefielen mir ausnehmend gut.

Insofern war das Konzert selbst „irgendwie“ eine Enttäuschung (um die eingangs erwähnte Parallele noch einmal zu strapazieren: beim Sex ist das allererste Mal ja auch oft nicht gleich die große Ekstase…). Ich konnte das damals nicht so recht begründen, aber der Funke wollte nicht überspringen. Klar: „Oh Well“ und „Rattlesnake Shake“ waren toll. Aber oft verlor sich die Band in ewiglangen Jams, die aber seltsam uninspiriert wirkten.

Erst im Nachhinein sollte ich verstehen, warum das so war:
Zum einen hatte sich die Band damals wohl schon ziemlich auseinander gelebt. Es gab Streitigkeiten übers Geld. Green wollte zumindest Teile der Honorare für wohltätige Zwecke spenden, was bei den anderen Band-Mitglieder auf Unverständnis stieß. Die Folge: Am 20. Mai 1970, also nur knapp zwei Monate nach dem Gig in Nürnberg, spielte Peter Green sein letztes Konzert mit Fleetwood Mac.
Und da war noch etwas vorgefallen, unmittelbar vor dem Auftritt in Nürnberg. Da hatte die Band zwei Abende in München verbracht. Und Peter Green war nach einem der Auftritte in eine Münchner Kommune „abgeschleppt“ worden. Dort wurde ihm – wohl in einem Getränk und ohne dass er das wusste – ein LSD-Trip verabreicht, den er nicht verkraftete. Offenbar für längere Zeit oder gar für immer. In einer Dokumentation (der betreffende Ausschnitt findet sich auf YouTube) bezeichnete Mick Fleetwood diesen Abend jedenfalls als den „letzten Nagel am Sarg“, der dann zum Ausscheiden Greens aus der Band führte.

Von alledem wusste ich damals natürlich nichts. Und: Für mich war es dennoch der Beginn einer bis heute andauernden Zeit als begeisterter Konzertbesucher. Im Sommer war ich dann zum ersten Mal in London, wo Clubs wie der 100 Club und der Marquee Club warteten und wo damals in vielen Pubs Live-Auftritte noch unbekannter Bands stattfanden. Ich musste mich aber noch gut ein Jahr gedulden, bis ich meinen ersten echten (Konzert-) Höhepunkt erlebte. Im August 1971 war es dann soweit: ebenfalls in London, Colosseum live.

Flashback: Keith Jarrett in München (1975)

Vor etwas mehr als einer Woche war des Öfteren zu lesen, dass sich die Aufnahme des „Köln Konzert“ von Keith Jarrett am 24. Januar zum 45. Mal jähre. Das fand ich deshalb interessant, weil ich (ohne dass ich das damals ahnen konnte) Jarrett genau bei dieser Tournee auch live gesehen habe: am 3. Februar, und zwar in München im Amerika-Haus. (Dort war damals noch das Institut für Zeitungswissenschaft – Kommunikationswissenschaft – der Universität untergebracht, was ich im Nebenfach studierte. Wahrscheinlich bin ich dadurch auch auf das Konzert aufmerksam geworden.)

Jarrett kannte ich aber natürlich schon: von seiner Zusammenarbeit mit Miles Davis und durch eine Platte, die er gemeinsam mit Gary Burton aufgenommen hatte. Und von seinen Solo-Aufnahmen aus dem Jahr 1973 (Bremen/Lausanne), die ich als sehr faszinierend empfunden hatte und die schon in meinem Plattenschrank standen. Jarrett war also, obwohl erst 29 Jahre alt, eine einigermaßen bekannte Figur in der Jazz-Szene. Allerdings noch nicht der Superstar, zu dem ihn das erwähnte Kölner Konzert, wohl immer noch eine der am meisten verkaufte Jazz-LPs aller Zeiten, machen sollte.

So ist es wohl auch zu erklären, dass das Konzert in München in einer relativ kleinen Location stattfand und selbst für mich als Studenten bezahlbar war. Ich war gemeinsam mit einem Freund und Studienkollegen dort, der selbst sehr passabel Klavier spielte. Und wir waren ziemlich beeindruckt. Das Improvisationstalent Jarretts, seine Fähigkeit, unterschiedlichste stilistische Einflüsse aufzunehmen und zu etwas ganz Eigenem zu verarbeiten und natürlich auch seine technische Brillanz waren schon außergewöhnlich. Und deshalb war es für mich auch gar keine Frage, mir dann das Köln Konzert zuzulegen, als es einige Monate später veröffentlicht wurde.

Die Atmosphäre im Münchner Konzert war, wie soll man sagen, ja, vielleicht: andächtig. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass Jarrett irgendetwas von seinen berüchtigten Empfindlichkeiten (bloß kein Husten!) von sich gegeben hätte. Es war vielmehr: ein rundum gelungener Abend, an den ich gern zurückdenke.

PS: Zum Münchner Konzert selbst konnte ich Netz leider keine Rezension finden. Es gibt aber einen relativ langen Beitrag zu einem Konzert in der Schweiz, ein paar Tage zuvor. Und in einem AZ-Beitrag mit einem Interview mit Jarrett (aus dem Jahr 2013) ist ein Foto abgebildet, das den Pianisten gemeinsam mit Manfred Eicher von der Plattenfirma ECM, zeigt, das wohl im Amerika-Haus entstanden ist. Für Jarrett-Fans vielleicht auch interessant: die – allerdings nicht offizielle – Website https://www.keithjarrett.org/.

Vergessene Perlen: „Brotherhood of Breath“

Anfang der siebziger Jahre war die vom Pianisten Chris McGregor gegründete Big Band „Brotherhood of Breath“ eine der interessantesten und innovativsten Großformationen im europäischen Jazz. Ihre 1971 erschienene, gleichnamige Debüt-LP ist dennoch weitgehend in Vergessenheit geraten.

Chris McGregor wurde 1936 in Südafrika geboren und war der Sohn eines schottischen Missionslehrers. Seine ersten musikalischen Einflüsse waren die Kirchenhymnen seines Vaters, dazu kamen eine klassische Klavierausbildung und dann, sehr wichtig, Kwela, der Township Jazz der südafrikanischen Schwarzen. Während seines Studiums am Musik-College von Kapstadt gründete er mit Dudu Pukwana (Altsaxophon), Mongezi Feza (Trompete, Flöte), Louis Moholo (Schlagzeug), Nick Moyake (Tenorsaxophon) und Johnny Dyani (Bass) die multi-ethnische Band „The Blue Notes„. Schon dies war während des strikten Apartheit-Regimes sehr gewagt und an sich ein politisches Statement. Dennoch konnte die Gruppe beim prestigeträchtigen Cold Castle Festival in Johannesburg einen Preis gewinnen und auch internationales Renommée erlangen. Doch in Südafrika selbst wurden die Auftrittsmöglichkeiten vor dem Hintergrund der nach dem Sharpeville-Massaker (bei dem 69 friedliche Demonstranten von der Polizei getötet wurden) nochmals verschärften Apartheit-Politik noch spärlicher. Die Band entschloss sich deshalb 1964 während einer Tournee durch Europa, nicht mehr nach Südafrika zurückzukehren und sich dann letztlich in London anzusiedeln.

Die Blue Notes bildeten dann ein paar Jahre später auch den Kern der Brotherhood of Breath. Ergänzt wurden sie durch einige hochkarätige britische Musiker wie Harry Beckett (Trompete), Nick Evans (Posaune), John Surman (Bariton- und Sopransaxofon) und Alan Skidmore (Tenor- und Sopransaxophon). In dieser Band waren demnach einige der feinsten Musiker versammelt, die die Londoner Jazzszene Anfang der siebziger Jahre zu bieten hatte. Chris McGregor bündelte diese Talente mit mitreißenden Arrangements und originellen Kompositionen, die Platz boten für freies Ensemblespiel. Das hatte unverkennbare Referenzen zu Charles Mingus und Sun Ra, wurde aber durch die afrikanischen Einflüsse zu einem absolut eigenständigen und innovativen Klangbild verdichtet.

Ich hatte 1971, also kurz nach dem Erscheinen dieser LP, das große Glück, die Band im Rahmen eines Mini-Festivals im Roundhouse in Camden erleben zu dürfen. Und obwohl ich die Band damals natürlich noch nicht kannte und ich noch nicht allzu viel Ahnung von Jazz hatte, waren sie mit ihrem hochenergetischen Auftritt der klare Höhepunkt dieses ansonsten mit Rock-Bands (darunter so illustre wie IF und Steamhammer) besetzten Konzerttags.

Fazit: Diese LP hätte es verdient, der musikalischen Vergessenheit entrissen zu werden. Also: Tune in!
Anspiel-Tipps: die etwas kürzeren Stücke MRA und Andromeda.

Flashback: B.B. King in Erlangen

Genau 30 Jahre ist es heute, am 20. April, her, dass ich einen der größten Blues-Gitarristen aller Zeiten live erlebt habe. Kaum zu glauben: in Erlangen!

Tournee-Plakat

B.B. King kam mit großer Besetzung inklusive eines massiven Bläsersatzes. Es war zweifellos eine routinierte Show. Der Meister verteilte Rosen an die Damen in den ersten Reihen. Aber sobald er den ersten Ton auf seiner „Lucille“ gespielt hatte, war man hingerissen.

Einfach einmalig und unvergesslich!

Der „Club 16“ auf Bayern 2 – Kultsendung meiner Jugend

Unter dem Titel „Schlager der Woche“ hat der Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, Kurt Kister, einen Essay veröffentlicht, der sich mit der Veränderung der Hörgewohnheiten von Pop-Musik befasst. Viele meiner Generation werden sich und ihre eigenen Erfahrungen in diesem schönen Aufsatz wiedergefunden haben.

Dennoch: In einem muss Kister entschieden widersprochen werden, wenn er nämlich schreibt:

„Die ‚Schlager der Woche‘ waren damals fast die einzige Gelegenheit, bei der man ein paar Lieder (…) hören konnte, die wir gut fanden.“(1)

Damals, das war 1969. Und vielleicht sind es die fünf Jahre, die ich älter bin als Kurt Kister, die dafür sorgen, dass er die wichtigste Quelle für Pop- und (wie man damals meist noch sagte) Beat-Musik nicht erwähnt. Zur „Ehrenrettung“ des ansonsten wirklich ziemlich unerträglichen BR-Programms muss also festgehalten werden: Es gab nicht nur die „Schlager der Woche“, sondern – viel, viel wichtiger für uns  – seit 1967 (wenn ich mich richtig erinnere) den „Club 16“ auf Bayern 2. Und etwas später folgte auch noch „Pop Sunday“. Diese Sendung war mit ihrer Kombination von „progressiver“ Rockmusik und linksorientierter Lyrik für den BR fast schon avantgardistisch. Sie ermöglichte zudem ab und zu Hörer*innen, Sendungen nach eigenem Geschmack zusammenzustellen.(2)

Doch zurück zum Club 16.(3) Dort gab es zwar durchaus Hits, aber eben keine Schlager. Das ist kein Widerspruch, sondern all die tolle Musik, die aus England und den USA auch nach Deutschland herüber schwappte, stand ja zum Teil durchaus in den Hitparaden, war aber eben alles andere als das Tralala, das man ansonsten in Deutschland zu hören bekam. In Bayern hatten wir zwar das Glück, den US-amerikanischen Soldatensender AFN empfangen zu können. Aber deutschsprachige Sendungen mit „unserer“ Musik waren absolute Mangelware.

Schon die erste Ausgabe des Club 16, an die ich mich noch erinnern kann, war einzigartig: Da wurde nämlich die gesamte LP „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ der Beatles, gerade eben neu erschienen, in voller Länge vorgestellt. Heutzutage kaum mehr vorstellbar, oder?

Club 16 bedeutete für mich (und viele andere): Jeden Tag um 4 Uhr nachmittags blieben die Hausaufgaben liegen, damit wir all das auf Tonband bannen konnten, was uns (u.a.) Rüdiger Stolze, Raoul Hoffmann, Ulrich Paasche, Georg Kostja und (erste Frau in diesem Metier!) Julia Edenhofer vorspielten. Und wir hofften inständig, dass sie nicht am Anfang oder am Ende der Songs hineinquatschten.

Jeder der DJs brachte seine eigene Note, seinen eigenen Musikgeschmack ein. Walther von La Roche etwa präsentierte uns vor allem Soul von Aretha Franklin, Wilson Pickett, James Brown und Otis Redding. Und viele der Bands, deren Musik mich in den folgenden Jahrzehnten begleiten sollte, hörte ich im Club 16 zum allerersten Mal. Das waren wirklich prägende Ereignisse: Those Who Are About to Die von Colosseum gehört dazu. Oder die 22-minütige Live-Version von Whipping Post der Allman Brothers Band, die mich förmlich aus den Socken haute (Und auch dieser Song wurde komplett ausgespielt!). Oder das erste Stück des Mahavishnu Orchestra (es war wohl Dance of the Maya), das mir komplett neue Hörräume eröffnete.

Natürlich gab es solche Aha-Erlebnisse nicht jeden Tag. Natürlich waren auch im Club 16 manche Sendungen zu Pop- und Hit-lastig. Aber in einer Zeit, in der Schallplatten, vor allem LPs, für uns Jugendliche eigentlich viel zu teuer waren (rund 20 DM), war der Club 16 ein wahres Paradies.

Um auf Kurt Kister zurückzukommen: Wenn er den Club 16 tatsächlich verpasst haben sollte, dann ist ihm wirklich etwas entgangen in seiner Jugend!


(1) Kurt Kister: Schlager der Woche. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 22. 26./27.01.2019, S. 45 (leider online noch nicht ohne Bezahlschranke abrufbar!)
(2) Ich kam einmal in den Genuss dieser Möglichkeit, es müsste im Frühsommer 1968 gewesen sein. Klaus Stürzenberger, der dafür verantwortliche Redakteur (später v.a. als Sport-Reporter einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden), kam dafür extra nach Bamberg, um mich zu interviewen – für einen knapp 16-jährigen natürlich eine total spannende Angelegenheit.
(3) Leider gibt es zum Club 16 nur recht wenig zu finden im Internet. Am informativsten ist noch diese Reminiszenz aus den BR-Archiven: Mehr als nur dufte Musik.

Flashback: mein Konzertjahr 1973 (7 und Schluss)

17 DM waren zwar damals nicht wenig Geld, aber verglichen mit heutigen Ticket-Preisen doch noch recht erschwinglich.

Wieder in München, wieder in der Olympiahalle, zum dritten Mal in diesem Jahr. Und ein echter Höhepunkt, nicht nur dieses Jahres, sondern in meiner „Konzert-Geschichte“ überhaupt: Pink Floyd geben sich die Ehre und gastieren, um ihre LP Dark Side of the Moon zu promoten. Was eigentlich nicht nötig war, denn diese Platte hatte schon kurz nach ihrem Erscheinen im März die Spitze der Album-Charts erreicht (im Billboard auf Nummer 1 am 28. April) – und sollte auf Jahre hinaus in den Hitparaden verbleiben. Mittlerweile ist sie unter den am meisten verkauften LPs aller Zeiten die Nummer 3. Man durfte also gespannt sein, auch weil die Band in den Vorjahren etliche höchst interessante Alben (Meddle zum Beispiel) eingespielt hatte.

Das Konzert begann sphärisch-psychedelisch mit zwei Nummern aus dem Vorgänger-Album Obscured by Clouds, das auf einem Soundtrack beruhte und eher ein „Nebenwerk“ war. Dann folgte ein Klassiker nach dem anderen: Set the Controls for the Heart of the Sun und Careful with That Axe, Eugene (von der LP Ummagumma), dann ein Floyd-Hauptwerk und eines meiner damaligen Lieblingsstücke: Echoes, das auf der LP Meddle eine ganze Plattenseite einnahm und im Konzert rund 25 Minuten dauerte. Wer diese Stücke kennt, weiß, dass damit die erste Konzertstunde weitgehend instrumental verlief. Doch schon hier konnte man sagen: Der Sound war absolut hervorragend, mit quadrophonischen Effekten, die man geradezu physisch durch die Halle kommen spürte. Das merkt man sogar heute noch wenn man die Bootlegs hört, die es von diesem Konzert gibt. Gleich zwei kann man sich hier auf YouTube zu Gemüt führen.

Die zweite Konzerthälfte brachte dann die komplette Dark Side-LP, und zwar in der exakten Reihenfolge wie auf der Platte. Auch diese Songs wurden perfekt dargeboten, inklusive der in der Studio-Version aufgebotenen Background-Sängerinnen und der beiden Saxophon-Einsätze von Dick Parry (auf Us and Them und Money). Aber ehrlich gesagt: Manchmal war mir das doch fast schon zu perfekt, zu glatt, zu routiniert und ohne jede Überraschung. Die einzigen improvisiert klingenden Momente brachte David Gilmour während seiner (wirklich schönen!) Gitarren-Soli. Als Zugabe bescherte uns Pink Floyd dann noch eine gelungene Version von One of these Days (ebenfalls von Meddle).

Der Gesamteindruck dieses weit über zwei Stunden dauernden Konzerts war zwiespältig: Zum einen bot Pink Floyd viel gute Musik für ihr Geld, darunter einige wirklich tolle Songs, zudem technisch brillant über die Bühne gebracht. Zum anderen ließ mich die Musik eigentümlich kalt, emotional berührte sie mich jedenfalls nicht. Vielleicht lag das an der unpersönlichen Location der Olympiahalle, vielleicht an der riesigen Distanz zur Bühne und den Musikern, vielleicht aber auch an dem erwähnten Perfektionismus. Das Pink Floyd-Konzert war denn auch für lange Zeit (acht Jahre!) das letzte, das mich in die Olympiahalle führte. Die Münchner Jazz-Clubs und überschaubare Locations wie der Circus Krone oder der Kongress-Saal des Deutschen Museums  erschienen mir in den nächsten Jahren erheblich attraktiver.

Damit endet diese kleine Serie. Es gab zwar im Jahr 1973 noch ein weiteres – sehr, sehr schönes – Konzert, und zwar mit Rory Gallagher in eben diesem Circus Krone – aber das habe ich schon vor längerer Zeit gewürdigt.

PS: Aus dieser Zeit gibt es offenbar nur wenige Filmaufnahmen von Pink Floyd. Um wenigstens einen kleinen visuellen Eindruck zu vermitteln, verlinke hier einen Zusammenschnitt, der ebenfalls aus dem Jahr 1973 stammt und bei einem Konzert im März in Atlanta entstand.

Flashback: mein Konzertjahr 1973 (6)

Wer die bisherigen Beiträge zum Konzertjahr 1973 gelesen hat, wird vielleicht fragen: Und wo bleibt der Jazz? Tatsächlich bin ich ja in dieser Zeit eigentlich ständig in Jazz-Konzerten gewesen. Doch leider lassen sich einzelne Konzert-Termine, vor allem wenn sie in Clubs wie dem domicile stattfanden, heute kaum mehr rekonstruieren. Meines Wissens gibt es nirgendwo eine verlässliche Übersicht über das Programm des damals besten Münchener Jazzclubs. Und ich weiß zwar noch, dass ich während meines Ersatzdienstes dort u.a. Klaus Doldingers Passport, Peter Herbolzheimers Rhythm Combination and Brass, Pony Pointexter, Mal Waldron, Tete Montoliu, Joe Haider, das Erich Kleinschuster Sextett, Bobby Jones, Dusko Goykovich gesehen und gehört habe. Aber wann das genau gewesen ist? Keine Ahnung.

Ziemlich exakt datieren kann ich dagegen ein Konzert von Paul Bley. Mitte/Ende August  hatte ich nämlich den ersten längeren Urlaub während meines Zivildienstes. Und den verbrachte ich zu einem Gutteil in Kopenhagen. Dort gab es mehrere Jazzclubs, in denen ich an etlichen Abenden hervorragenden Musikern lauschen konnte. Die bekannteste dieser Locations war aber gewiss das Montmartre in der Store Regnegade 19, in dem seit Jahren amerikanische Jazz-Stars wie Dexter Gordon oder Stan Getz aufgetreten waren.

Dort also spielte Paul Bley, der kanadische Pianist, dessen Namen ich zwar kannte, aber nicht seine Musik. (Seine Ex-Frau Carla dagegen hatte ich als Komponistin und Pianistin wegen Escalator over the Hill bereits auf dem Schirm…) Paul Bley war damals gut vierzig Jahre alt, bereits ein bisschen angegraut, und konnte schon auf eine bewegte Karriere zurückblicken, die ihn mit vielen Jazzgrößen (darunter Lester Young, Ben Webster, Sonny Rollins, Charles Mingus, Chet Baker) zusammengeführt hatte. Ab 1971 aber hatte er sich dem Solo-Spiel zugewandt und für ECM ein erstes Soloalbum („Open, to Love“) aufgenommen. Wie sich dies „live“ anhörte, lässt sich aus den hier verlinkten Videos, die aus dem Jahr 1973 stammen, sehr gut erahnen.

Bley war ein herausragender Improvisator, sehr souverän und gleichzeitig sehr gelassen. Seine Musik konnte zärtlich, lyrisch und verspielt klingen und dann wieder monumental donnernd. Während des Konzerts war es, trotz Barbetriebs, mucksmäuschenstill. Die Konzentration des Musikers übertrug sich auf das Publikum. Das war gewiss keine leichte Kost, sondern oft kantige Musik, immer kompromisslos. Und das bewegte sich auf einem sehr, sehr hohen Niveau. Im Rückblick wage ich, dieses Konzert auf einer Höhe einzustufen mit den Solo-Darbietungen, die ich von Chick Corea (ein Jahr zuvor) und von Keith Jarrett (rund zwei Jahre später) gehört und gesehen habe.

Ein Abend jedenfalls, der nachwirkte und mir lange im Gedächtnis bleiben sollte.

Letzte Folge in dieser Reihe demnächst: Pink Floyd