Die Blues Caravan 2020 im Nürnberger Hirsch

Mit dem Song „Let’s Work Together” (1969 von Canned Heat bekannt gemacht – das Original unter dem Titel „Let’s Stick Together“ stammt von Wilbert Harrison und wurde bereits 1962 veröffentlicht) starteten die fünf Caravan-Protagonisten in den Abend. Auf der Bühne kam er noch etwas druckvoller als im oben verlinkten Video. Und dieser Song-Titel war in doppelter Weise für das gesamte Konzert prägend: Es wurde – zum einen – wunderbar altmodischer Bluesrock geboten, und zwar in allen denkbaren Varianten. Und die Musiker*innen spielten – zum anderen – wirklich zusammen, Ego-Trips waren verpönt. Dass ihnen diese Zusammenarbeit Spaß machte, war immer wieder zu sehen und zu spüren.

Ryan Perry

Ryan Perry, aus Tupelo (Mississippi) stammend und augenscheinlich der Jüngste in der Runde, übernahm nach dem gemeinsamen Einstieg die Führungsrolle, im Trio mit Roger Innis am sechssaitigen Bass, mittlerweile ja schon eine Institution bei der Blues Caravan, und Amanda Dal, der jungen Schlagzeugerin aus London. Perry, ein Bär von einem Mann, ist ein versierter Gitarrist, der in allen Blues- und Bluesrock-Stilen heimisch ist. Da hört man Jimi Hendrix genauso wie Stevie Ray Vaughn oder Robert Cray, die alten Blues-Meister wie B.B. King oder Willie Dixon gehören ohnehin zu seiner musikalischen DNA. Zudem verfügt dieser massige Körper über ein volltönendes Organ, sehr rau und soulig. Einmal, bei einem der leiseren Songs, verzichtete er völlig auf sein Mikro. Und ich bin sicher, er war bis in die letzten Reihen des Hirsch gut verständlich.

Whitney Shay

Mit Whitney Shay am Mikro legte die Show noch um einen Zahn zu. Dieses Energiebündel aus San Diego ist – ganz klar – in der Kategorie „Rock-Röhre“ einzuordnen. Bei ihr ging vom ersten Ton an die Post ab, dass es eine wahre Freude war. Sie kann singen, schreien, kreischen, jubilieren – wunderbar. Zudem harmonierte sie hervorragend mit Ryan Perry. Und sie ist – Entschuldigung, das ist jetzt gewiss nicht sexistisch gemeint – eine echte „Rampen-Sau“. Ihr macht es Freude, mit dem Publikum zu kommunizieren. Ihre Songs waren knackig: Rock‘n Roll, R&B, Bluesrock, Blues, Soul – all das hat sie auf der Pfanne. American roots music im besten Sinne des Wortes. Nach ihren Vorbildern gefragt, nannte sie vor einigen Jahren im San Diego Troubadour (um nur die weiblichen zu nennen) Etta James, Big Maybelle und Sarah Vaughn. Und diese Referenzen passen sehr gut, um sie stimmlich und stilistisch einzuordnen. Für mich eindeutig die Entdeckung des Abends.

Jeremiah Johnson

Nach der Pause stand zunächst Jeremiah Johnson, 1972 in St. Louis geboren und dort aufgewachsen, im Rampenlicht. Er ist der älteste und wohl auch der bekannteste der drei diesjährigen Karawanen-Mitglieder: mit seiner Band und als Solo-Artist kann er immerhin auf sechs CD-Veröffentlichungen verweisen. Er ist ein eher dem Southern Rock verpflichteter Sänger. Anklänge an Gregg Allman (v.a. was  die Stimme angeht), an Lynyrd Skynyrd oder Little Feat waren zu hören, manchmal eine leichte Neigung zum Country Rock. Und Mike Zito dürfte ebenfalls ein wichtiger Referenz-Name sein: Der nämlich hat seine vorletzte LP produziert. Und Johnson hat auf Zitos jüngster Platte gastiert. So ist es kein Wunder, dass auch Johnson virtuos mit seiner Gitarre umzugehen weiß. Einer der Höhepunkte war sein Song „Showdown“ (Die Studioversion ist hier zu hören, ein Video vom Auftritt in Stuttgart ein paar Tage zuvor vermittelt einen Eindruck von der Live-Version.), dem er mit einem fast schon filigran zu nennendem Gitarren-Solo, ein bisschen an Peter Green erinnernd, noch ein Sahnehäubchen aufsetzte. Am Schluss dieses Songs wurde er, auf der Bühne kniend, nur noch von Drummerin Amanda Dal begleitet, die ihr Schlagzeug ganz sanft mit den Händen (statt mit den Sticks) bearbeitete. Dass er es aber auch krachen und jaulen lassen kann, bewies er gleich anschließend mit dem Albert King-Klassiker „Born Under a Bad Sign“.

Den Rest des Abends (inklusive zweier Zugaben) bestritten alle fünf gemeinsam. Und hier zeigte sich, wie gut sie wirklich zusammenarbeiten. Die beiden Gitarristen wechselten sich mit knappen, stimmigen und auf den Punkt gespielten Soli ab. Alle drei Frontleute übernahmen reihum die Vocals, im Harmoniegesang wussten sie ebenso zu überzeugen. Auch wenn das rothaarige „Bühnen-Biest“ Whitney Shaw unbestritten im Mittelpunkt stand. Ruf Records muss man mal ein Kompliment machen: Es ist schon toll, dass diese Plattenfirma es jetzt schon seit mehr als 15 Jahren schafft, immer wieder neue Künstler*innen in spannenden Kombinationen vorzustellen.

Fazit: Die Blues Caravan 2020 bot – wieder einmal – gute, handgemachte Rockmusik mit bluesigem Schwerpunkt. Klar: das war „altmodisch“. Aber nie altbacken. Sondern: ein schönes Konzert mit hohem Unterhaltungswert. Das Publikum war dementsprechend enthusiasmiert – und belagerte anschließend den Merchandising-Stand…

Whitney Shay und Ryan Perry nach dem Konzert am Merchandising-Stand

DIFU-Sammelband zur Förderung des Zu-Fuß-Gehens

In vielen Städten (immer noch den meisten?) fühlen sich die Fußgänger*innen buchstäblich an die Wand gedrängt: zu enge Fußwege, mit Kinderwagen oder Rollstuhl kaum passierbar, zur Hälfte (oder mehr) zugeparkt von Autos. Die Wege zu Ampeln oder Zebrastreifen sind (zu) lang, die Grünphasen (zu) kurz.  Das Gehen, immerhin die natürlichste Mobilitätsform des Menschen, galt in der Verkehrsplanung bis vor kurzem als ein Randthema (sic!). Glücklicherweise scheint sich dies allmählich zu ändern. Attraktive öffentliche Räume werden als Qualitätsmerkmal lebenswerter Städte wiederentdeckt. Und in solchen Räumen bewegt man und frau sich eben primär zu Fuß.

Der vorliegende difu-Sammelband beleuchtet das Zu-Fuß-Gehen aus unterschiedlichsten Perspektiven. Er gibt Anregungen, wie die Kommunen den Fußverkehr konsequent fördern können. Aktuelle wissenschaftliche Ergebnisse aus der Verkehrsforschung liefern gute Grundlagen für verkehrspolitische Diskussionen. Deutlich wird aber auch, wo es noch Defizite und Regelungsbedarf gibt. Auch mögliche Konflikte (so zwischen Rad- und Fußverkehr) werden nicht ausgespart. Klar wird, wenn man die Beiträge Revue passieren lässt, dass der Fußverkehr ein Querschnittsthema ist, das nicht nur bei der Verkehrsplanung berücksichtigt werden muss, sondern auch für Architektur, Städtebau und Grünplanung eine wichtige Rolle spielt.

Die Vielzahl der Beiträge (ganze 20 an der Zahl, kaum einer allerdings länger als zehn Seiten) und Autor*innen (insgesamt 32!) macht die Lektüre abwechslungsreich. Die Diversität der Themen geht allerdings auf Kosten der Systematik. Mir ist das vor allem bei den aufgeführten „gute Beispielen“ aus dem In- und Ausland aufgefallen. Natürlich werden Wien und Barcelona (mit einem Fußverkehrsanteil von fast 50 Prozent!) behandelt. Einen Artikel zu Kopenhagen, für die systematische Wiederbelebung des öffentlichen Raums immer noch ein Muster-Beispiel, sucht man allerdings vergeblich. Auch die holländischen Städte, die ja nicht nur in Sachen Radverkehrsplanung vorbildlich sind, kommen (mit der allerdings eher nicht repräsentativen Ausnahme Rotterdams) ebenso wenig vor wie das spanische Pontevedra. Und es sind doch gerade solche gelungenen Modelle, die Motivation für eigene (kommunal)politische Aktivitäten bieten.

Der – leider ziemlich teure – difu-Band, dank der vielen Fotos und Schaubilder sehr anschaulich und gut lesbar, bildet dennoch – vor allem gemeinsam mit dem von Heiner Monheim unlängst vorgelegten Buch „Wege zur Fußgängerstadt“ und dem ohnehin unverzichtbaren Werk „Städte für Menschen“ von Jan Gehl, die ich beide schon auf diesem Blog besprochen habe – eine gute Grundlage für eine kommunale Verkehrspolitik, die dem Gehen wieder den Stellenwert einräumt, den es verdient.

Uta Bauer (Hrsg.): So geht’s. Fußverkehr in Städten neu denken und umsetzen. Edition Difu Bd. 18, Berlin 2019, 239 Seiten

Bemerkenswertes „Alterswerk“: Heiner Monheims neue Beiträge zur Verkehrswende

Wer sich in Deutschland mit Stadtplanung und Verkehrspolitik befasst, der kennt den Namen Monheim spätestens seit dem Erscheinen des epochalen Werks „Straßen für alle“ im Jahr 1991. In diesem Buch fasste Heiner Monheim in überzeugender Weise Stand und Perspektiven einer fortschrittlichen, ökologischen Verkehrswende zusammen. Über 25 Jahre später, Monheim ist inzwischen 73 Jahre alt, präsentiert der unermüdliche Streiter für eine menschen- und umweltfreundliche Mobilität seine Erkenntnisse und die seither gesammelten Erfahrungen noch einmal. In einem vierbändigen Werk, das sich in jeweils einem Buch mit den wesentlichen Verkehrsmitteln (Rad, zu Fuß gehen, ÖPNV und Auto) befasst. Und Monheim ist wohl wie kaum ein anderer prädestiniert für diese Aufgabe. Das Spektrum seiner Erfahrungen in Theorie und Praxis, in Forschung und Planung sowie durch sein Engagement in und für Umwelt- und Verkehrsverbände ist immens. Man darf wohl sagen: Mit diesen vier Bänden zieht Monheim ein umfassendes Resümee seines Berufslebens.

Schon die Titel der jeweiligen Bücher machen deutlich, dass Monheim seinem Credo treu geblieben ist: Während die drei ersten Bände mit einem „Wege zur…“ (… Fahrradstadt, Fußgängerstadt, Stadt der Busse und Bahnen) beginnen, ist der abschließende mit „Auswege aus…“ (… der Autostadt) überschrieben. Eine gelingende Verkehrswende, das ist für Monheim immer noch ganz klar, muss das Auto auf die intelligente und effiziente Abwicklung des „Restverkehrs“ beschränken.

In den hier zu besprechenden Bänden geht es um den Fuß- und den Radverkehr. Das Gehen, die eigentlich wichtigste und grundlegendste aller Verkehrsarten, ist laut Monheim aber immer noch ein Stiefkind von Planung und Verkehrspolitik. Schon das Vorwort ist ein Genuss. Hier entwirft Monheim das Bild einer fußgängerfreundlichen Stadt unter dem Motto „Wie schön könnte Gehen sein…“. Zum Beispiel, wenn der „parkende“ Fußgänger (also der, der sitzt oder stehenbleibt) „genau so viel politische und planerische Aufmerksamkeit fände, wie das geparkte Auto“.

Monheim geht das Thema sehr grundsätzlich an: er beleuchtet die Geschichte des Gehens und gibt einen Überblick über wichtige Veröffentlichungen zur Thematik sowie über die empirischen Ergebnisse der Fußverkehrsforschung. Aus der Analyse der Bedürfnisse und Eigenschaften des Fußgängers leitet er entsprechende Planungsansätze ab und stellt sie der „traurigen Wirklichkeit“ des Gehens gegenüber. Als Hauptproblem erweist sich – natürlich – der Autoverkehr, der verträgliche Schmerzgrenzen längst überschritten hat und deshalb vermieden, verringert, verlangsamt und verlagert werden müsste. Monheim diskutiert die Strategien der Planung autofreier Straßen und Gebiete (die Konflikt-Lösung) und der Verkehrsberuhigung und Mischung der Verkehrsarten (die Koexistenz-Lösung). Im letzten Teil macht er viele ganz konkrete und sehr detaillierte Vorschläge, wie die Bedingungen des Fußgänger-Lebens nachhaltig verbessert werden könnten. Wunderbar zum Beispiel die Radikalität (S. 177: „Die bedingungslose Autozulassung muss beendet werden.“), mit der er gegen das ubiquitäre Parken und die dadurch verursachte Verdrängung der umweltverträglichen Verkehrsarten vorgehen will!

In dem Band, der dem Radverkehr gewidmet ist, behandelt Monheim die Frage, wie das von der Massen-Motorisierung in jeder Hinsicht (planerisch, räumlich und finanziell!) ebenfalls in eine Rand-Rolle gedrängte Fahrrad wieder einen höheren Stellenwert und vor allem viel mehr Platz und Investitionsmittel bekommen kann. Klar ist für ihn: Wenn aus Deutschland wieder ein Fahrrad-Land werden soll, dann müssen dafür viele Milliarden Euro ausgegeben werden. Und zwar durch eine massive Umschichtung der Verkehrsetats. Statt Autobahnen, Ortsumgehungen und Parkhäuser müssen Rad(schnell)wege und andere Infrastruktur-Maßnahmen für einen schnellen, bequemen und sicheren Radverkehr geschaffen werden.

Auch mit diesem Buch hat Monheim ein detailreiches und umfassendes Werk vorgelegt, das die Potenziale einer fahrradfreundlichen Stadt- und Verkehrsentwicklung aufzeigt und einen sehr differenzierten Maßnahmenkatalog bereitstellt, um eine durchgreifende Renaissance des Radverkehrs in Deutschland zu ermöglichen.

Ganz wichtig ist ihm dabei, die unproduktive Frontstellung in der gegenwärtigen Verkehrsdebatte („Radl-Rowdy“ contra „Auto-Rüpel“) aufzulösen. Monheim geht es darum, die Voraussetzungen „für eine vernünftige Koexistenz im Verkehr“ (S. 108) aufzuzeigen. Sein Buch ist deshalb nicht nur eine Fundgrube für engagierte Rad-Aktivist*innen, sondern auch und gerade notorischen Auto-Fans zu empfehlen.

Fazit: Beide Bände sind wirklich lesenswert und äußerst inhaltsreich, sie sind auch sehr gut strukturiert und lesbar. Monheim macht – zum wiederholten Male – deutlich: Andere Mobilitätsstrukturen, für die die Minimierung der Auto-Menge unabdingbare Voraussetzung ist, sind möglich, eine Verkehrswende ist machbar – wenn sie denn politisch gewollt wird. Mithin wünsche ich diesen Büchern viele Leser*innen. Vor allem solche, die in den Amtsstuben der Rathäuser und in den Stadt- und Gemeinderäten sitzen.

Heiner Monheim: Wege zur Fußgängerstadt. Analysen und Konzepte. VAS, Hohenwarsleben 2018, 224 Seiten. 17,80 EUR

Heiner Monheim: Wege zur Fahrradstadt. Analysen und Konzepte. VAS, Bad Homburg 2017, 234 Seiten. 17,80 EUR

Londoner Glanzstück: Nérijas „Blume“

Die junge Londoner Jazz-Szene boomt: Sie ist sehr produktiv, der Output an Veröffentlichungen ist kaum zu überschauen. Und sie bekommt sehr viel Aufmerksamkeit. Um nicht zu sagen: es gibt einen regelrechten Hype um diese Szene. Verdientermaßen, wenn man sich die LP „Blume“ des Nérija-Kollektivs anhört.

Blume“ ist (nach einer EP vor zwei Jahren) das erste Album von Nérija. Diese Band ist so etwas wie eine Allstar-Truppe des weiblichen Personals der Londoner Szene. Mit Nubya Garcia, der anscheinend allgegenwärtigen Saxophonistin, Sheila Maurice-Grey, ansonsten Band-Leaderin der famosen Afro-Beat-Gruppe Kokoroko, Cassie Kinoshi am zweiten Saxophon und Rosie Turton an der Posaune bestimmen vor allem die Bläserinnen das Sound-Bild. Und dieser Sound ist gleichermaßen vielgestaltig wie sofort erkennbar. Vielgestaltig sind die Einflüsse. Wer will, kann Afro-Beat, Soul, Funk und HipHop heraushören, aber auch Anklänge an „klassischen“ Jazz (an Ellington etwa und an Blue Note-Hardbop), an den Miles Davis der Fusion-Jahre oder an Postrock-Klänge. Aber auf der anderen Seite ist das immer und eindeutig: Nérija. Und überhaupt nicht eklektisch.

Die Kompositionen der Band sind dicht, verzahnt, voll unterschiedlicher Klangfarben. Da spielen sich die Bläserinnen die Bälle zu, da wechseln Tempo und Groove, da übernimmt auch mal die Gitarre (Shirley Tetteh) die Führung. Immer aber hört es sich sehr entspannt, lässig an. Man spürt, dass die Damen (und der eine Herr: Rio Kai am Bass) Spaß haben am gemeinsamen Musizieren und mit Begeisterung bei der Sache sind. Im ersten Stück, „Nascence“, demonstrieren Sheila Maurice-Grey, Rosie Turton und Lizy Exell ihre solistische Klasse.  Die Stücke nehmen sich Zeit, bewegen sich oft im Midtempo-Bereich. In „Last Straw“ geht allerdings die Post ab und Schlagzeugerin Lizy Exell treibt ihre Kolleginnen in ziemlich furiosem Tempo und sehr funky vor sich her. Hier sind die Einflüsse der Club-Kultur, für die vor allem Exell und Bassist Kai stehen, am deutlichsten spürbar. Das zweiteilige Titelstück kommt dagegen sehr schwelgerisch und mit ein bisschen verträumtem Harmonie-Gesang daher. Garcia und Kinoshi steuern jeweils sehr schöne Sax-Soli bei – das konnte man angesichts ihrer eigenen Veröffentlichungen erwarten. Die Überraschung des Albums ist die Gitarristin Shirley Tetteh, die angesichts eines fehlenden Pianos harmonische und rhythmische „Schwerarbeit“ verrichtet und zudem (auf „Riverfest“ und dem von ihr komponierten „Partner Girlfriend Lover“) auch großartige Improvisationen abliefert.

Die Musik von Nérija ist voller Energie und ansteckender Spielfreude, voll Dynamik und Kreativität. Die Platte ist gleichermaßen zeitlos wie aktuell. Man hört, dass sie größtenteils „live im Studio“ (und weitgehend ohne nachträgliche Overdubs) entstanden ist. Manchmal hat man den Eindruck, als sei man Gast bei einer durchgehenden Session. Hoffentlich kann man diese Band demnächst nicht nur auf Festivals, sondern auch mal auf einer längeren Tournee und damit in der Nähe live erleben.

Update vom 18.12.2019:

Als bescheidener Amateur-Schreiberling freut man sich ja immer, wenn man von „höherer Warte“, gewissermaßen offiziös also, eine Bestätigung erfährt. Vor ein paar Wochen habe ich hier Nérijas Platte „Blume“ als eine meiner Platten des Jahres bezeichnet. In der SZ vom 17. Dezember reiht Andrian Kreye, seines Zeichens immerhin Feuilletonchef der Zeitung, eben diese Scheibe unter die zehn Alben ein, die vom Jazz-Jahr 2019 wirklich hängen bleiben. Er schreibt: Das Septett Nérija schaffe es, „das Londoner Vokabular aus Modal Jazz, Club Music und Afro auch im Studio so überzeugend und kraftvoll zu spielen, dass man mehr als nur eine Ahnung davon bekommt, was sich in der Stadt seit einigen Jahren abspielt.

Stimmt!

Probehören bei YouTube

Prädikat: eine meiner Platten des Jahres.

Neu in meinem CD-Schrank: Rory Gallagher – Blues

Ich bin grundsätzlich sehr skeptisch, wenn es um posthum veröffentlichte Alben bekannter Musiker*innen geht. Meist erweisen sich diese Sammlungen von „Outtakes“, Live-Aufnahmen oder „Raritäten“ als Leichenfledderei der Musikindustrie, die ihr Geld nicht wert sind. Was ließ mich bei der jüngst erschienenen, ganze drei CDs umfassenden Zusammenstellung von Blues-Songs des unvergessenen Rory Gallagher (vor mittlerweile bereits fast 25 Jahren, viel zu früh, gestorben) eine Ausnahme machen?

Zum einen das Wissen um Rorys ungeheures Qualitätsbewusstsein. Er war ein fanatischer Arbeiter, im Studio und auf der Bühne. Bei ihm konnte man sich immer darauf verlassen, dass er gute Produkte lieferte. Zum anderen die Tatsache, dass die bislang veröffentlichten Aufnahmen aus seinem Nachlass, von Bruder Dónal gewissenhaft verwaltet, eben diesen Qualitätsanspruch immer erfüllten. Und schließlich empfand ich es als Empfehlung, dass die vorliegende Compilation bei Chess herauskommt, denn die haben einen guten Ruf zu verlieren.

Präsentiert werden rund drei Stunden mit Blues-Material aus unterschiedlichsten Zusammenhängen: im Studio bei regulären Ausnahme-Sessions seiner Platten entstanden, Live-Aufnahmen (CD 3) und Radio-Produktionen sowie einige Kollaborationen mit Kollegen (Albert King, Lonnie Donegan, Chris Barber). Vor allem diese sind bereits anderweitig veröffentlich worden, so „I’m Ready“ von Muddy Waters (entstanden bei dessen „London Sessions“) oder „Born Under a Bad Sign“, gemeinsam mit Jack Bruce bei einer Rockpalast-Nacht aufgenommen. Viele Songs kennt man auch in anderen, meist weniger „bluesigen“ Versionen von seinen Studio-LPs. Oder sie kommen (versammelt auf CD 2) als akustische, zumeist solo gespielte Aufnahmen daher.

Für Abwechslung ist jedenfalls gesorgt, Rory- wie auch Blues-Fans werden keinesfalls enttäuscht. Gallagher präsentiert sich von seiner besten Seite, ist gitarristisch wie stimmlich (vielleicht abgesehen von einem Song, der kurz vor seinem Tod entstand) in bester Form. Gerade auch die Live-Aufnahmen von Songs, die man von ihm kennt und die er oft gespielt hat, zeigen, dass es bei ihm keine Routine gibt, dass immer wieder neue Arrangements ausprobiert werden, dass Raum für Improvisation bleibt. Man höre nur mal die über 11-minütige Version des alten Bo Carter-Titels „All Around Man“ – ein wilder Ritt von Slide-Gitarre, Mundharmonika und Keyboards!

Langjährige Taste– und Gallagher-Fans wie ich (die schon – fast – alles von ihm Schrank stehen haben) kommen deshalb ebenso auf ihre Kosten wie Neueinsteiger, die einen ersten Blick auf das – trotz seiner kurzen Lebenszeit – umfangreiche Werk dieses leider etwas in Vergessenheit geratenen Blues-Musikers werfen wollen. Wieder einmal wird deutlich, dass Rory immer noch ein weitgehend unterbewerteter Gitarrist ist. Er kann den „großen Drei“ der britischen Bluesrock-Szene (Clapton, Page und Beck) locker das Wasser reichen.

Die opulente Box (die es in unterschiedlichen Versionen gibt, also bitte aufpassen!) deckt den gesamten Zeitraum der Karriere Rory Gallaghers als Solo-Künstler ab (also ohne die Taste-Periode!) und umfasst Aufnahmen aus den Jahren 1971 bis 1994. Abgerundet wird sie durch ein ausführliches Booklet mit lesenswerten Informationen zu den einzelnen Songs und zu den Hintergründen ihrer Entstehung und Gallaghers Karriere.

Prädikat: sehr empfehlenswert.

PS: Detaillierte Infos zu der hier besprochenen 3-CD-Box bei Discogs

Echte Perle: das neue Werk von Hazmat Modine

Manchmal könnte ich Schreikrämpfe kriegen, weil die Musikindustrie so unfähig ist, gute Musik für die geneigte Hörerschaft zu materialisieren. Zum Beispiel: Da gibt es bereits seit rund zwanzig Jahren eine Gruppe äußerst talentierter Musiker*innen, die im vergangenen Jahrzehnt schon vier sehr, sehr hörenswerte Platten produziert hat. Für die Produktion ihres neuesten Long-Players müssen sie allerdings eine Crowdfunding-Kampagne starten, die dann aber nicht genügend Geld erbringt, um die Platte tatsächlich veröffentlichen zu können. Erst als die Band-Mitglieder ihre privaten Sparschweine plündern, erblickt sie das Licht der Musikwelt. Und, nach dreijähriger Wartezeit, siehe da: Es handelt sich um eine wahre Perle. Die Rede ist von Hazmat Modine und ihrer jüngste Veröffentlichung „Box of Breath.

Und nein: Hazmat Modine produziert weder Gefahrgut (Hazmat = Abkürzung für „hazardous material“) noch heiße Luft, wie der Gründer und Mastermind der Band, Wade Schuman, in Anspielung auf den zweiten Namensteil (eine Firma, die Klimageräte herstellt) und auf den mächtigen Bläser-Satz der Gruppe das einmal ironisierend sagte. Das musikalische Produkt dieses Musiker-Kollektivs lässt sich ohnehin schwer auf den Begriff bringen oder gar in eine Schublade einordnen. „Roots-Musik“, „Americana“, „Weltmusik“ sind Labels, die immer wieder mit Hazmat Modine in Zusammenhang gebracht werden. Aber einmal abgesehen davon, dass solche Zuschreibungen reichlich abgegriffen sind, wirklich gerecht werden sie dem einzigartigen Musik-Mix von Hazmat Modine sowieso nicht.

Man könnte auch die Stil-Elemente aufzählen, die immer wieder neu und originell kombiniert werden: Jazz, Rock, Folk, Klezmer, Cajun, Balkan- und Latin-Rhythmen, afrikanische Grooves und immer wieder: Blues. Aber kann sich darunter jemand wirklich etwas vorstellen? Nein, man muss sich Hazmat Modine schon anhören – und wird immer wieder überrascht. Von den einfallsreichen Arrangements, von knappen solistischen Intermezzi, von der perfekten Harmonie zwischen Bläsern und Mundharmonika (Das nur nebenbei: Wade Schuman zuzuhören, wie er dieses kleine Instrument zum Leben erweckt, welche Töne er ihm entlockt, ohne mit seiner zweifellos vorhandenen Virtuosität zu protzen, macht schon neidisch!), vom famosen Joseph Daley und seiner Tuba, die für die Tiefton-Grundierung sorgt, von den gitarristischen Preziosen, die Eric Della Penna einstreut. Und immer wieder diese wunderbaren Bläser: Steve Elson an den Saxofonen und Klarinetten, Trompeterin Pam Fleming und Posaunist Reut Regev. Auf zwei Titeln sorgt Balafon-Spezialist Balla Koyate für afrikanisches Flair. Dazu der knarzige Gesang von Wade Schman, irgendwo zwischen Dr. John und Captain Beefheart anzusiedeln.

Hazmat Modine-Mastermind Wade Schuman. Das Foto entstand am 6. Juni 2013 bei einem Konzert im Erlanger E-Werk.

Ich will erst gar nicht versuchen, einzelne Songs zu beschreiben, weil sie sich in ihrer immensen Vielfalt und Komplexität einer Beschreibung von vornherein entziehen. Und mit jedem Hören neue Details entdeckt werden können. Jedes Stück ist ein kleines Meisterwerk. Auch die poetischen Texte verdienen Aufmerksamkeit. Sie sind allesamt im schön gestalteten (von Maestro Schuman höchstselbst – kein Wunder, er lehrt im Hauptberuf Malerei an der New Yorker Academy of Art) nachzulesen.

Wer selbst einen Eindruck von diesem absolut empfehlenswerten Album gewinnen möchte, kann das hier auf YouTube tun. Aber bitte: Kauft euch diese Platte! Hazmat Modine haben jedwede finanzielle Unterstützung wirklich verdient.

Hazmat Modine: Box of Breath, Jaro Medien 2019

Homepage von Hazmat Modine

WIKI-Eintrag zu Hazmat Modine

Plattenkritik auf Jazzhalo

Plattenkritik auf SWR 2

Reviews anderer LPs von Hazmat Modine auf diesem Blog: Cicada und EXTRA-DELUXE-SUPREME

Sehr empfehlenswert: das Debüt der Allman Betts Band

Wenn eine Rock-Gruppe die Namen Allman und Betts enthält und ein weiteres Band-Mitglied Berry Oakley Jr. heißt, dann ist das Verpflichtung und Hypothek zugleich. Denn hier musizieren mit Devon (Allman), Duane (Betts) und dem erwähnten Berry (am Bass wie sein Vater) gleich drei Söhne von Ur-Mitgliedern der Allman Brothers Band. Verpflichtung also, das Erbe und die DNA der vielleicht größten Southern Rock Band überhaupt weiterzutragen. Und die Hypothek, immer an den großen Alten gemessen zu werden.

Ich muss sagen: die ABB (2.0) geht damit auf ihrer Debüt-LP Down to the River erstaunlich souverän um. Sie versucht erst gar nicht, wie eine Neuauflage der ABB (alt) zu klingen. Sondern macht ihr eigenes Ding, das zwar deutlich in der Tradition der Väter steht, aber ohne eine bloße Kopie zu sein. So gibt es auf der Platte – vielleicht bezeichnenderweise – keine einzige Cover-Version von ABB-Klassikern (die die Band live durchaus im Programm hat). Sondern vorwiegend Eigenkompositionen und nur relativ wenig klassischen Bluesrock. Am ehesten kommt Allman-Brothers-Feeling beim längsten Stück der Platte, dem fast neun-minütigen Autumn Breeze, auf, in dem sich die  Lead-Gitarristen mit schönen Soli abwechseln. Aber obwohl es mit Johnny Stachela, der vor allem sehr geschmackvolle Slide-Parts beisteuert, neben den beiden Leadern noch einen dritten Gitarristen in der Band gibt, vermeidet es die ABB, die Hörer*innen mit Gitarren-Overkill zu überfordern. Dafür sorgt nicht nur der häufige Einsatz von akustischen Gitarren, sondern auch die Grundierung mit Orgel und Piano (auf den meisten Songs von Peter Levin gespielt, in einem Stück sitzt sogar Allman-Altmeister Chuck Leavell an den Tasten). Und: Das Album ist sehr songorientiert, melodisch und abwechslungsreich.

Der Opener All Night kommt deftig rockend daher und lebt von Devon Allmans Stimme ebenso wie von den perfekt harmonierenden Lead-Gitarren. Ein Auftakt, der Appetit auf mehr macht. Im zweiten Titel Shinin‘ singt dann Duane – die Ähnlichkeit zu Papa Dickey Betts ist nicht nur äußerlich, sondern auch stimmlich und stilistisch verblüffend. So ist es nicht verwunderlich, dass die Platte öfters mal einen Hang zum Country-Rock und auch eine besinnlich-melancholische Seite hat. Auf Good Ol‘ Days beispielsweise oder im Tom-Petty-Cover Southern Accents.

Sehr überzeugend ist das Titelstück der CD, neben Autumn Breeze mein Lieblingssong. Devon (auch hier ist eine geradezu unheimliche Ähnlichkeit zu Papa Gregg hörbar) singt mit sehr viel Soul in der Stimme, klassischer Southern Rock, wunderbar.  

Die Platte erfindet die Rock-Musik gewiss nicht neu, sie ist „Classic Rock“ im besten Sinne des Begriffs. Dazu trägt sicher auch die analoge Aufnahmetechnik in den berühmten Muscle Shoals Studios (die Adresse in Sheffield, Alabama, ziert die Rückseite des Platten-Covers) bei. Das tut der Musik gut, sie wirkt frisch und authentisch. Richtige, handgemachte Rockmusik also. Dass es so etwas im Jahr 2019 noch gibt, ist sehr erfreulich. Und gerade deshalb sind der Platte viele, gerade jüngere Hörerinnen und Hörer zu wünschen.

Und wir freuen uns schon jetzt auf das nächste Werk der Band, an dem – wie zu lesen war – Devon und Duane bereits arbeiten.

Allman Betts Band: Down to the River, BMG 2019

Homepage der Band