Die Blues Caravan 2020 im Nürnberger Hirsch

Mit dem Song „Let’s Work Together” (1969 von Canned Heat bekannt gemacht – das Original unter dem Titel „Let’s Stick Together“ stammt von Wilbert Harrison und wurde bereits 1962 veröffentlicht) starteten die fünf Caravan-Protagonisten in den Abend. Auf der Bühne kam er noch etwas druckvoller als im oben verlinkten Video. Und dieser Song-Titel war in doppelter Weise für das gesamte Konzert prägend: Es wurde – zum einen – wunderbar altmodischer Bluesrock geboten, und zwar in allen denkbaren Varianten. Und die Musiker*innen spielten – zum anderen – wirklich zusammen, Ego-Trips waren verpönt. Dass ihnen diese Zusammenarbeit Spaß machte, war immer wieder zu sehen und zu spüren.

Ryan Perry

Ryan Perry, aus Tupelo (Mississippi) stammend und augenscheinlich der Jüngste in der Runde, übernahm nach dem gemeinsamen Einstieg die Führungsrolle, im Trio mit Roger Innis am sechssaitigen Bass, mittlerweile ja schon eine Institution bei der Blues Caravan, und Amanda Dal, der jungen Schlagzeugerin aus London. Perry, ein Bär von einem Mann, ist ein versierter Gitarrist, der in allen Blues- und Bluesrock-Stilen heimisch ist. Da hört man Jimi Hendrix genauso wie Stevie Ray Vaughn oder Robert Cray, die alten Blues-Meister wie B.B. King oder Willie Dixon gehören ohnehin zu seiner musikalischen DNA. Zudem verfügt dieser massige Körper über ein volltönendes Organ, sehr rau und soulig. Einmal, bei einem der leiseren Songs, verzichtete er völlig auf sein Mikro. Und ich bin sicher, er war bis in die letzten Reihen des Hirsch gut verständlich.

Whitney Shay

Mit Whitney Shay am Mikro legte die Show noch um einen Zahn zu. Dieses Energiebündel aus San Diego ist – ganz klar – in der Kategorie „Rock-Röhre“ einzuordnen. Bei ihr ging vom ersten Ton an die Post ab, dass es eine wahre Freude war. Sie kann singen, schreien, kreischen, jubilieren – wunderbar. Zudem harmonierte sie hervorragend mit Ryan Perry. Und sie ist – Entschuldigung, das ist jetzt gewiss nicht sexistisch gemeint – eine echte „Rampen-Sau“. Ihr macht es Freude, mit dem Publikum zu kommunizieren. Ihre Songs waren knackig: Rock‘n Roll, R&B, Bluesrock, Blues, Soul – all das hat sie auf der Pfanne. American roots music im besten Sinne des Wortes. Nach ihren Vorbildern gefragt, nannte sie vor einigen Jahren im San Diego Troubadour (um nur die weiblichen zu nennen) Etta James, Big Maybelle und Sarah Vaughn. Und diese Referenzen passen sehr gut, um sie stimmlich und stilistisch einzuordnen. Für mich eindeutig die Entdeckung des Abends.

Jeremiah Johnson

Nach der Pause stand zunächst Jeremiah Johnson, 1972 in St. Louis geboren und dort aufgewachsen, im Rampenlicht. Er ist der älteste und wohl auch der bekannteste der drei diesjährigen Karawanen-Mitglieder: mit seiner Band und als Solo-Artist kann er immerhin auf sechs CD-Veröffentlichungen verweisen. Er ist ein eher dem Southern Rock verpflichteter Sänger. Anklänge an Gregg Allman (v.a. was  die Stimme angeht), an Lynyrd Skynyrd oder Little Feat waren zu hören, manchmal eine leichte Neigung zum Country Rock. Und Mike Zito dürfte ebenfalls ein wichtiger Referenz-Name sein: Der nämlich hat seine vorletzte LP produziert. Und Johnson hat auf Zitos jüngster Platte gastiert. So ist es kein Wunder, dass auch Johnson virtuos mit seiner Gitarre umzugehen weiß. Einer der Höhepunkte war sein Song „Showdown“ (Die Studioversion ist hier zu hören, ein Video vom Auftritt in Stuttgart ein paar Tage zuvor vermittelt einen Eindruck von der Live-Version.), dem er mit einem fast schon filigran zu nennendem Gitarren-Solo, ein bisschen an Peter Green erinnernd, noch ein Sahnehäubchen aufsetzte. Am Schluss dieses Songs wurde er, auf der Bühne kniend, nur noch von Drummerin Amanda Dal begleitet, die ihr Schlagzeug ganz sanft mit den Händen (statt mit den Sticks) bearbeitete. Dass er es aber auch krachen und jaulen lassen kann, bewies er gleich anschließend mit dem Albert King-Klassiker „Born Under a Bad Sign“.

Den Rest des Abends (inklusive zweier Zugaben) bestritten alle fünf gemeinsam. Und hier zeigte sich, wie gut sie wirklich zusammenarbeiten. Die beiden Gitarristen wechselten sich mit knappen, stimmigen und auf den Punkt gespielten Soli ab. Alle drei Frontleute übernahmen reihum die Vocals, im Harmoniegesang wussten sie ebenso zu überzeugen. Auch wenn das rothaarige „Bühnen-Biest“ Whitney Shaw unbestritten im Mittelpunkt stand. Ruf Records muss man mal ein Kompliment machen: Es ist schon toll, dass diese Plattenfirma es jetzt schon seit mehr als 15 Jahren schafft, immer wieder neue Künstler*innen in spannenden Kombinationen vorzustellen.

Fazit: Die Blues Caravan 2020 bot – wieder einmal – gute, handgemachte Rockmusik mit bluesigem Schwerpunkt. Klar: das war „altmodisch“. Aber nie altbacken. Sondern: ein schönes Konzert mit hohem Unterhaltungswert. Das Publikum war dementsprechend enthusiasmiert – und belagerte anschließend den Merchandising-Stand…

Whitney Shay und Ryan Perry nach dem Konzert am Merchandising-Stand

Londoner Glanzstück: Nérijas „Blume“

Die junge Londoner Jazz-Szene boomt: Sie ist sehr produktiv, der Output an Veröffentlichungen ist kaum zu überschauen. Und sie bekommt sehr viel Aufmerksamkeit. Um nicht zu sagen: es gibt einen regelrechten Hype um diese Szene. Verdientermaßen, wenn man sich die LP „Blume“ des Nérija-Kollektivs anhört.

Blume“ ist (nach einer EP vor zwei Jahren) das erste Album von Nérija. Diese Band ist so etwas wie eine Allstar-Truppe des weiblichen Personals der Londoner Szene. Mit Nubya Garcia, der anscheinend allgegenwärtigen Saxophonistin, Sheila Maurice-Grey, ansonsten Band-Leaderin der famosen Afro-Beat-Gruppe Kokoroko, Cassie Kinoshi am zweiten Saxophon und Rosie Turton an der Posaune bestimmen vor allem die Bläserinnen das Sound-Bild. Und dieser Sound ist gleichermaßen vielgestaltig wie sofort erkennbar. Vielgestaltig sind die Einflüsse. Wer will, kann Afro-Beat, Soul, Funk und HipHop heraushören, aber auch Anklänge an „klassischen“ Jazz (an Ellington etwa und an Blue Note-Hardbop), an den Miles Davis der Fusion-Jahre oder an Postrock-Klänge. Aber auf der anderen Seite ist das immer und eindeutig: Nérija. Und überhaupt nicht eklektisch.

Die Kompositionen der Band sind dicht, verzahnt, voll unterschiedlicher Klangfarben. Da spielen sich die Bläserinnen die Bälle zu, da wechseln Tempo und Groove, da übernimmt auch mal die Gitarre (Shirley Tetteh) die Führung. Immer aber hört es sich sehr entspannt, lässig an. Man spürt, dass die Damen (und der eine Herr: Rio Kai am Bass) Spaß haben am gemeinsamen Musizieren und mit Begeisterung bei der Sache sind. Im ersten Stück, „Nascence“, demonstrieren Sheila Maurice-Grey, Rosie Turton und Lizy Exell ihre solistische Klasse.  Die Stücke nehmen sich Zeit, bewegen sich oft im Midtempo-Bereich. In „Last Straw“ geht allerdings die Post ab und Schlagzeugerin Lizy Exell treibt ihre Kolleginnen in ziemlich furiosem Tempo und sehr funky vor sich her. Hier sind die Einflüsse der Club-Kultur, für die vor allem Exell und Bassist Kai stehen, am deutlichsten spürbar. Das zweiteilige Titelstück kommt dagegen sehr schwelgerisch und mit ein bisschen verträumtem Harmonie-Gesang daher. Garcia und Kinoshi steuern jeweils sehr schöne Sax-Soli bei – das konnte man angesichts ihrer eigenen Veröffentlichungen erwarten. Die Überraschung des Albums ist die Gitarristin Shirley Tetteh, die angesichts eines fehlenden Pianos harmonische und rhythmische „Schwerarbeit“ verrichtet und zudem (auf „Riverfest“ und dem von ihr komponierten „Partner Girlfriend Lover“) auch großartige Improvisationen abliefert.

Die Musik von Nérija ist voller Energie und ansteckender Spielfreude, voll Dynamik und Kreativität. Die Platte ist gleichermaßen zeitlos wie aktuell. Man hört, dass sie größtenteils „live im Studio“ (und weitgehend ohne nachträgliche Overdubs) entstanden ist. Manchmal hat man den Eindruck, als sei man Gast bei einer durchgehenden Session. Hoffentlich kann man diese Band demnächst nicht nur auf Festivals, sondern auch mal auf einer längeren Tournee und damit in der Nähe live erleben.

Update vom 18.12.2019:

Als bescheidener Amateur-Schreiberling freut man sich ja immer, wenn man von „höherer Warte“, gewissermaßen offiziös also, eine Bestätigung erfährt. Vor ein paar Wochen habe ich hier Nérijas Platte „Blume“ als eine meiner Platten des Jahres bezeichnet. In der SZ vom 17. Dezember reiht Andrian Kreye, seines Zeichens immerhin Feuilletonchef der Zeitung, eben diese Scheibe unter die zehn Alben ein, die vom Jazz-Jahr 2019 wirklich hängen bleiben. Er schreibt: Das Septett Nérija schaffe es, „das Londoner Vokabular aus Modal Jazz, Club Music und Afro auch im Studio so überzeugend und kraftvoll zu spielen, dass man mehr als nur eine Ahnung davon bekommt, was sich in der Stadt seit einigen Jahren abspielt.

Stimmt!

Probehören bei YouTube

Prädikat: eine meiner Platten des Jahres.

Echte Perle: das neue Werk von Hazmat Modine

Manchmal könnte ich Schreikrämpfe kriegen, weil die Musikindustrie so unfähig ist, gute Musik für die geneigte Hörerschaft zu materialisieren. Zum Beispiel: Da gibt es bereits seit rund zwanzig Jahren eine Gruppe äußerst talentierter Musiker*innen, die im vergangenen Jahrzehnt schon vier sehr, sehr hörenswerte Platten produziert hat. Für die Produktion ihres neuesten Long-Players müssen sie allerdings eine Crowdfunding-Kampagne starten, die dann aber nicht genügend Geld erbringt, um die Platte tatsächlich veröffentlichen zu können. Erst als die Band-Mitglieder ihre privaten Sparschweine plündern, erblickt sie das Licht der Musikwelt. Und, nach dreijähriger Wartezeit, siehe da: Es handelt sich um eine wahre Perle. Die Rede ist von Hazmat Modine und ihrer jüngste Veröffentlichung „Box of Breath.

Und nein: Hazmat Modine produziert weder Gefahrgut (Hazmat = Abkürzung für „hazardous material“) noch heiße Luft, wie der Gründer und Mastermind der Band, Wade Schuman, in Anspielung auf den zweiten Namensteil (eine Firma, die Klimageräte herstellt) und auf den mächtigen Bläser-Satz der Gruppe das einmal ironisierend sagte. Das musikalische Produkt dieses Musiker-Kollektivs lässt sich ohnehin schwer auf den Begriff bringen oder gar in eine Schublade einordnen. „Roots-Musik“, „Americana“, „Weltmusik“ sind Labels, die immer wieder mit Hazmat Modine in Zusammenhang gebracht werden. Aber einmal abgesehen davon, dass solche Zuschreibungen reichlich abgegriffen sind, wirklich gerecht werden sie dem einzigartigen Musik-Mix von Hazmat Modine sowieso nicht.

Man könnte auch die Stil-Elemente aufzählen, die immer wieder neu und originell kombiniert werden: Jazz, Rock, Folk, Klezmer, Cajun, Balkan- und Latin-Rhythmen, afrikanische Grooves und immer wieder: Blues. Aber kann sich darunter jemand wirklich etwas vorstellen? Nein, man muss sich Hazmat Modine schon anhören – und wird immer wieder überrascht. Von den einfallsreichen Arrangements, von knappen solistischen Intermezzi, von der perfekten Harmonie zwischen Bläsern und Mundharmonika (Das nur nebenbei: Wade Schuman zuzuhören, wie er dieses kleine Instrument zum Leben erweckt, welche Töne er ihm entlockt, ohne mit seiner zweifellos vorhandenen Virtuosität zu protzen, macht schon neidisch!), vom famosen Joseph Daley und seiner Tuba, die für die Tiefton-Grundierung sorgt, von den gitarristischen Preziosen, die Eric Della Penna einstreut. Und immer wieder diese wunderbaren Bläser: Steve Elson an den Saxofonen und Klarinetten, Trompeterin Pam Fleming und Posaunist Reut Regev. Auf zwei Titeln sorgt Balafon-Spezialist Balla Koyate für afrikanisches Flair. Dazu der knarzige Gesang von Wade Schman, irgendwo zwischen Dr. John und Captain Beefheart anzusiedeln.

Hazmat Modine-Mastermind Wade Schuman. Das Foto entstand am 6. Juni 2013 bei einem Konzert im Erlanger E-Werk.

Ich will erst gar nicht versuchen, einzelne Songs zu beschreiben, weil sie sich in ihrer immensen Vielfalt und Komplexität einer Beschreibung von vornherein entziehen. Und mit jedem Hören neue Details entdeckt werden können. Jedes Stück ist ein kleines Meisterwerk. Auch die poetischen Texte verdienen Aufmerksamkeit. Sie sind allesamt im schön gestalteten (von Maestro Schuman höchstselbst – kein Wunder, er lehrt im Hauptberuf Malerei an der New Yorker Academy of Art) nachzulesen.

Wer selbst einen Eindruck von diesem absolut empfehlenswerten Album gewinnen möchte, kann das hier auf YouTube tun. Aber bitte: Kauft euch diese Platte! Hazmat Modine haben jedwede finanzielle Unterstützung wirklich verdient.

Hazmat Modine: Box of Breath, Jaro Medien 2019

Homepage von Hazmat Modine

WIKI-Eintrag zu Hazmat Modine

Plattenkritik auf Jazzhalo

Plattenkritik auf SWR 2

Reviews anderer LPs von Hazmat Modine auf diesem Blog: Cicada und EXTRA-DELUXE-SUPREME

Sehr empfehlenswert: das Debüt der Allman Betts Band

Wenn eine Rock-Gruppe die Namen Allman und Betts enthält und ein weiteres Band-Mitglied Berry Oakley Jr. heißt, dann ist das Verpflichtung und Hypothek zugleich. Denn hier musizieren mit Devon (Allman), Duane (Betts) und dem erwähnten Berry (am Bass wie sein Vater) gleich drei Söhne von Ur-Mitgliedern der Allman Brothers Band. Verpflichtung also, das Erbe und die DNA der vielleicht größten Southern Rock Band überhaupt weiterzutragen. Und die Hypothek, immer an den großen Alten gemessen zu werden.

Ich muss sagen: die ABB (2.0) geht damit auf ihrer Debüt-LP Down to the River erstaunlich souverän um. Sie versucht erst gar nicht, wie eine Neuauflage der ABB (alt) zu klingen. Sondern macht ihr eigenes Ding, das zwar deutlich in der Tradition der Väter steht, aber ohne eine bloße Kopie zu sein. So gibt es auf der Platte – vielleicht bezeichnenderweise – keine einzige Cover-Version von ABB-Klassikern (die die Band live durchaus im Programm hat). Sondern vorwiegend Eigenkompositionen und nur relativ wenig klassischen Bluesrock. Am ehesten kommt Allman-Brothers-Feeling beim längsten Stück der Platte, dem fast neun-minütigen Autumn Breeze, auf, in dem sich die  Lead-Gitarristen mit schönen Soli abwechseln. Aber obwohl es mit Johnny Stachela, der vor allem sehr geschmackvolle Slide-Parts beisteuert, neben den beiden Leadern noch einen dritten Gitarristen in der Band gibt, vermeidet es die ABB, die Hörer*innen mit Gitarren-Overkill zu überfordern. Dafür sorgt nicht nur der häufige Einsatz von akustischen Gitarren, sondern auch die Grundierung mit Orgel und Piano (auf den meisten Songs von Peter Levin gespielt, in einem Stück sitzt sogar Allman-Altmeister Chuck Leavell an den Tasten). Und: Das Album ist sehr songorientiert, melodisch und abwechslungsreich.

Der Opener All Night kommt deftig rockend daher und lebt von Devon Allmans Stimme ebenso wie von den perfekt harmonierenden Lead-Gitarren. Ein Auftakt, der Appetit auf mehr macht. Im zweiten Titel Shinin‘ singt dann Duane – die Ähnlichkeit zu Papa Dickey Betts ist nicht nur äußerlich, sondern auch stimmlich und stilistisch verblüffend. So ist es nicht verwunderlich, dass die Platte öfters mal einen Hang zum Country-Rock und auch eine besinnlich-melancholische Seite hat. Auf Good Ol‘ Days beispielsweise oder im Tom-Petty-Cover Southern Accents.

Sehr überzeugend ist das Titelstück der CD, neben Autumn Breeze mein Lieblingssong. Devon (auch hier ist eine geradezu unheimliche Ähnlichkeit zu Papa Gregg hörbar) singt mit sehr viel Soul in der Stimme, klassischer Southern Rock, wunderbar.  

Die Platte erfindet die Rock-Musik gewiss nicht neu, sie ist „Classic Rock“ im besten Sinne des Begriffs. Dazu trägt sicher auch die analoge Aufnahmetechnik in den berühmten Muscle Shoals Studios (die Adresse in Sheffield, Alabama, ziert die Rückseite des Platten-Covers) bei. Das tut der Musik gut, sie wirkt frisch und authentisch. Richtige, handgemachte Rockmusik also. Dass es so etwas im Jahr 2019 noch gibt, ist sehr erfreulich. Und gerade deshalb sind der Platte viele, gerade jüngere Hörerinnen und Hörer zu wünschen.

Und wir freuen uns schon jetzt auf das nächste Werk der Band, an dem – wie zu lesen war – Devon und Duane bereits arbeiten.

Allman Betts Band: Down to the River, BMG 2019

Homepage der Band

Jazz am See: auch in diesem Jahr ein Ereignis

V.l.n.r: Torsten Goods, Alfonso Garrido, Victoria Tolstoy, Christian von Kaphengst

Wie immer bestritt der „Jazz am See“-Organisator Torsten Goods mit seiner Band (Jan Miserre an den Tasteninstrumenten, Christian von Kaphengst am Bass, Felix Lehrmann am Schlagzeug) und einigen Gästen (darunter der Percussionist Alfonso Garrido) den ersten Teil des Abends. Geboten wurden groovige Softjazz-Nummern und poppige Schmuse-Songs, garniert mit fingerfertigen Gitarren-Soli, wie man sie von Goods seit Jahren kennt.

Tony Lakatos

Für die solistischen Höhepunkte sorgte Tony Lakatos am Tenor-Sax. Auch Jan Miserre an den Tasteninstrumenten steuerte, gerade in den Balladen, einige schöne Soli bei. Und Victoria Tolstoy zeigte sich als gereifte Sängerin, die an Tiefe und Ausdruckskraft gegenüber früheren Konzerten deutlich gewonnen hat. Wunderbar zum Beispiel „Love Is Real„, vom viel zu früh gestorbenen Esbjörn Svensson komponiert. Das war schon mal ein sehr schöner Auftakt.

George Benson

Torsten Goods war sichtbar aufgeregt und euphorisch, als er dann nach der Pause sein großes Vorbild (das ist immer wieder deutlich hörbar, sowohl gitarristisch als auch stilistisch) George Benson ankündigte. Der legte sehr flott und funky mit einigen Fusion-Jazz-Nummern im Stil seiner Platten aus den 70er Jahren los. Der mittlerweile 76-jährige war nicht nur blendend gelaunt, sondern offenbar auch in bester körperlicher (die im vergangenen Jahr gebrochene Hand scheint ihn nicht mehr zu behindern) und stimmlicher Verfassung. Auch sein Markenzeichen, den Scat-Gesang, den er unisono auf der Gitarre begleitet, bot er so virtuos dar wie in seinen jungen Jahren.

Als er dann die Gitarre wegstellte, „mutierte“ Benson zum Soul-Sänger in der Tradition von Al Green und Lionel Richie. Klassiker wie „Nothing’s Gonna Change My Love for You“, „In Your Eyes“, „Feel Like Making Love“, „Give Me the Night“  waren natürlich eine sichere Bank – auch wenn die Band mit zwei Keyboard-Spielern die Songs oft ein bisschen zu sehr zukleisterte. Dennoch hielt es das – durchaus etwas gesetztere – Publikum jetzt nicht mehr auf den Stühlen. Vor der Bühne wurde ausgelassen getanzt, in den Sitzreihen zumindest mitgeschaukelt.

Benson ist einer der wenigen Künstler, die mühelos den Spagat schaffen zwischen Jazz-Gitarre und Soul-Gesang, ohne dabei in irgendeiner Weise aufgesetzt oder anbiedernd zu wirken. Er kann einfach beides, und das hervorragend. Der „Jazz-Polizei“ hat das noch nie gefallen, da wurde oft und schnell der Vorwurf der Kommerzialität und des Ausverkaufs laut. Aber das ist vollkommen egal, wenn die Musik – auf hohem instrumentalem und vokalem Niveau dargeboten – Spaß macht, zum Mitwippen und Tanzen einlädt.

Grandioses Finale dann: On Broadway“ als Zugabe, zu dem dann auch Goods, Tolstoy und Lakatos noch einmal auf die Bühne kamen und miteinander jammten, was das Zeug hielt. Ganz großes Kino (mit wiederum hervorragendem Sound!) und „standing ovation“ am Dechsendorfer Weiher.

George Benson & Tony Lakatos während der Zugabe: Das war übrigens die einzige „Panne“ des Abends, denn das Mikro, das Lakatos benutzen sollte, funktionierte nicht. Und Benson betätigte sich blitzschnell als „Mikro-Ständer“ und hielt ihm für die Zeit des Solos sein Gesangs-Mikro vors Sax.

Der Dechsendorfer Weiher war für Benson neben dem Konzert in Berlin am folgenden Tag die einzige Station in Deutschland auf seiner Europa-Tournee. Um sehr konnte man sich freuen, diesen kompromisslos vielseitigen Ausnahme-Könner in Franken bewundern zu können. Schon deshalb, weil man nicht weiß (das hatte Torsten Goods in seinen einleitenden Worten zu recht betont!), wann und ob überhaupt er noch einmal nach Deutschland kommen wird.

Lese-Tipps:
Konzert-Review in den Erlanger Nachrichten
Bericht vom Konzert in Berlin

Jam Bands, USA

In der ersten Ausgabe von „Diggin'“, meiner Sendung auf Radio Z, ging es um Jam Bands aus den USA (1). Auf dem Manuskript dieser Sendung beruht der folgende Beitrag. „Jam Bands“ – das sind – ganz kurz gesagt – Bands, die gerne improvisieren, jammen.

Wie Grateful Dead in dieser Version ihres Stücks Sugaree.

Die Dead sind sozusagen die Mutter aller Jam Bands. An ihrem Beispiel lassen sich einige der wesentlichen Merkmale aufzeigen, die die Jam Band-Szene bis heute prägen. Das ist zum Beispiel die Vorliebe für lange Stücke und für ausgedehnte Instrumental-Improvisationen. Konzerte von Jam Bands dauern oft mehrere Stunden. In der Zeit, in der diese Version von „Sugaree“ aufgenommen wurde (in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts), sah ein Dead-Konzert in der Regel so aus: nach einem akustischen ersten Set gab es noch zwei weitere elektrisch verstärkte Sets. So kamen dann locker drei bis vier Stunden Musik zusammen.

Ebenfalls für eigentlich alle Jam Bands kennzeichnend: Neben eigenen Kompositionen gibt es immer wieder auch Cover-Versionen von bekannten Stücken anderer Bands. Und häufig auch Gastauftritte befreundeter Künstler. So haben Jam Bands in aller Regel ein riesiges Repertoire an Songs. Und das erlaubt ihnen, jeden Abend, in jedem Konzert eine andere Set-List zu spielen. Kein Konzert ähnelt dem anderen. Das macht ihren Reiz aus. Und das ist wichtig. Für die Bands selbst, bei denen keine Routine aufkommt. Und vor allem auch für das Publikum. Denn viele Jam Bands haben eine eingeschworene Fan-Gemeinde, die ihnen von Konzert zu Konzert, von einem Festival zum nächsten folgt. Bei Grateful Dead waren das die sogenannten Deadheads.

Die Dead wurden 1965 gegründet und waren an der US-Westküste beheimatet und integraler Bestandteil der dort entstehenden Hippie-Kultur. In ihrer Musik griffen sie im Laufe ihres rund 30-jährigen Bestehens auf unterschiedlichste Stilrichtungen zurück: Folk, Country,  Bluegrass, Blues, Gospel, psychedelischer Rock.

Ebenfalls zur ersten Jam Band-Generation gehört die Allman Brothers Band. Diese kommt allerdings aus dem tiefen Süden der USA,  gegründet vor ziemlich genau 50 Jahren in Jacksonville, Florida. Und obwohl ihr Repertoire öfters mal in Richtung Jazz und Country ausgreift, ist ihre Basis doch eindeutig: der Blues.

Das wunderbare Instrumental „In Memory of Elizabeth Reed“ stammt von der ebenso wunderbaren Live-LP „At Fillmore East“. Die Band existierte, mit zum Teil mehrjährigen Unterbrechungen, von 1969 bis 2014.

Ihr Output an Live-Aufnahmen ist schier unübersehbar. Insbesondere seit die Digitalisierung den Direktvertrieb leicht gemacht hat. Neben den Fillmore Concerts, für mich eine der besten Live-Platten aller Zeiten, will ich nur eine weitere Empfehlung geben: eine Sammlung von 8 CDs mit Aufnahmen der allerletzten (und seltsamerweise: stabilsten) Inkarnation der Band. Diese Aufnahmen sind Mitschnitte von kompletten Konzertabenden an drei aufeinanderfolgenden Tagen im Fox Theatre in Atlanta (im September 2004). Das war kurz nach der Veröffentlichung ihrer letzten Studio-LP, der übrigens auch sehr guten Platte „Hitting the Note“. Die Band mit dem Gitarren-Duo Derek Trucks und Warren Haynes befand sich in Bestform. Und die Band bot einen Querschnitt durch ihr imposantes Repertoire. Nur ein einziger Song („Dreams“) taucht an allen drei Abenden auf.

Sehr empfehlenswert sind auch etliche Videos, die auf YouTube kursieren und die vor allem die legendären Auftritte der Band im Beacon Theatre in New York dokumentieren. Beispielsweise ein Konzert, bei dem Eric Clapton als Gast einsteigt. Und natürlich das emotionale allerletzte Konzert am 28. Oktober 2014. Das war übrigens das 238. ausverkaufte Konzert in ununterbrochener Folge, das die Allman Brothers im Beacon absolvierten. Das sagt wohl einiges über die ungebrochene Beliebtheit dieser Band aus, die es von ganz wenigen Ausnahmen zu Beginn der 70er Jahre nie zu Hitparaden-Ruhm gebracht hatte.

Auf den Spuren der Dead und von ABB wandelten dann auch die Bands, die seit Mitte der 80er Jahre als Jam Bands bekannt wurden und durch ihre musikalische Vielfalt, ihr instrumentelles Können und ihre beeindruckenden Konzerte von sich Rede machten. Widespread Panic, Blues Traveler, Spin Doctors, die Dave Matthews Band und diverse Nachfolge-Bands der Dead gehörten dazu. Und natürlich Phish.

„Chalkdust Torture“ ist ein Stück aus der ersten Live-LP von Phish, passend „A Live One“ betitelt. Aus dem Jahr 1995 und bis heute ihre erfolgreichste Plattenveröffentlichung.

Phish ist eine der Jam Bands der zweiten Generation. Die Band existiert seit 1983. Die Gründungsmitglieder um Mastermind, Sänger, Gitarrist und Hauptsongschreiber Trey Anastasio hatten sich alle an der University of Vermont kennen gelernt. Seit 1985 spielt die Gruppe in derselben Besetzung, mit einigen Jahren Unterbrechung allerdings. Aber auch 2019 haben sie wieder ein umfangreiches Tour-Programm. Sie sind – für Jam Bands typisch – eine Live-Band, schöpfen aus vielen musikalischen Genres: Einflüsse aus Psychedelic Rock, Prog Rock, Fusion Jazz, Funk, Reggae, Hard Rock, Post Punk bis hin zu Folk und Bluegrass. Und oft ist auch gut spürbar, dass Frank Zappa eines ihrer großen Idole ist.

Ähnlich wie Dead und die Allmans haben Phish  eine sehr, sehr treue Fangemeinde („Phishheads“). Viele ihrer Konzerte sind legendär. Um nur ein Beispiel zu nennen: Zur Feier der Jahrtausendwende spielten sie bei einem Festival in Florida am 31. Dezember ab halb Zwölf in der Nacht bis in die Morgenstunden des Neujahrstages – insgesamt rund acht Stunden lang. Und obwohl sie nie einen richtigen Hit hatten, zogen ihre Konzerte in den USA das Publikum massenhaft an. 1996 kamen 70.000 Menschen zu einem Festival-Konzert in Plattsburgh (NY) – was in diesem Jahr USA-weit die größte Zuschauermenge bei einem Auftritt einer einzelnen Band war.

Sehr attraktiv waren auch ihre Auftritte an Halloween: An diesem Tag ist es in den USA ja üblich, sich zu verkleiden, ein Kostüm anzuziehen. Und Phish kostümierten sich ebenfalls, und zwar indem sie in die Haut einer anderen Band schlüpfen und ein komplettes Album dieser Band spielen: 1994 war das weiße Album der Beatles, in Jahr darauf „Quadrophenia“ von The Who. „Exile on Main Street“ der Stones war im Jahr 2009 dran.

Gov’t Mule (gesprochen: Government Mule) sind sozusagen ein „Ableger“ der Allman Brothers Band. Die Gruppe wurde nämlich 1994 von Warren Haynes und Allen Woody gegründet, die bei der ABB Gitarre und Bass bedienten. Und auch der dritte Mann im Bunde hatte Verbindungen zu den Allmans: Matt Abs, der Drummer, saß vorher auf dem Schlagzeug-Sessel der Dickey Betts Band. Eine Bemerkung noch zum Namen der Band: Hinter der Bezeichnung “government mule” verbirgt sich kein Wortspiel mit einem Maulesel und auch kein politisches Statement, sondern eine wenig charmante Slang-Bezeichnung im US-Süden für ein ziemlich groß geratenes weibliches Hinterteil… Die Mule sind aber keinesfalls eine sexistische oder gar rassistische Band – das haben insbesondere die politischen Wortmeldungen von Warren Haynes in den vergangenen Jahren immer wieder deutlich gemacht.

Die Musik der Mule steht aber nicht nur in der Tradition der Allman Brothers, sondern hat auch starke Referenzen zu den klassischen Bluesrock-Bands: Cream, Led Zeppelin, Black Sabbath, Jimi Hendrix. Um nur die wichtigsten zu nennen. Aber auch Funk, Soul und Jazz spielen für den Musik-Mix der Mule eine wichtige Rolle. Das sieht man auch an den Gastmusikern, zu denen u.a. Bernie Worrell oder der Jazz-Gitarrist John Scofield zählten. Beide sind auf dem Stück „Sco-Mule“ zu hören. Und Haynes, das ist darauf gut zu hören, muss sich beileibe nicht vor dem berühmten Jazz-Kollegen verstecken, was seine Gitarrenkünste angeht.

Auch die Mule „kostümierten“ sich an Halloween gern: Die CD „Dark Side of the Mule“ beispielsweise enthält fast ausschließlich Cover-Versionen von Pink Floyd-Songs. Außerdem sind Halloween-Konzerte mit Stones-Coverversionen und Adaptionen von Led Zeppelin’s „Houses of the Holy“ dokumentiert.

Wie andere Jam Bands sind auch die Mule ein begehrter Live-Act. Sie gehören zum festen Inventar vieler US-Festivals (Bonnaroo, Mountain Jam, New Orleans Jazz Fest), Haynes selbst organisiert alljährlich die Christmas Jam in seiner Heimatstadt Asheville (NC). Ihre Konzerte kann man über die Website „Mule Tracks“ in sehr guter Qualität per Download käuflich erwerben. Und zwar gar nicht so teuer. Außerdem gestatten die Mule ihren Fans, Live-Mitschnitte der Auftritte für nicht-kommerzielle Zwecke zu machen und zu tauschen.

Auch die Tedeschi Trucks Band hat Querverbindungen zu den Allman Brothers: Derek Trucks, der eine der beiden Namensgeber, ist nicht nur der Neffe von ABB-Urmitglied Butch Trucks, sondern war selbst deren Gitarrist von 1999 bis zur Auflösung der Band im Oktober 2014. Daneben hatte er bereits seit 1994 seine eigene Band und spielte in der Tour-Band von Eric Clapton.  Sein musikalisches Spektrum ist ungeheuer breit, es reicht bis in den Jazz und in die orientalische Musik. Sein gitarristisches Können wird allseits geschätzt. So machte er auch schon mit der Jazz-Legende McCoy Tyner gemeinsame Aufnahmen (er spielte auf zwei Stücken von McCoy Tyners Platte Guitars). Das war wohl so etwas wie ein musikalischer Ritterschlag.

Die Sängerin (und Mit-Komponistin) dieses Stücks ist Susan Tedeschi. Auch sie hatte seit 1994 eine eigene Band, mit der sie unter anderem auch die ABB als Opening Act begleitete. Bei dieser Tournee im Jahr 1999 lernte sie Derek kennen, die beiden wurden ein Paar und sind seit 2001 verheiratet und haben zwei Kinder. 2010 beschlossen sie, auch musikalisch ihre Kräfte zu vereinen und gründeten die TTB, zum Teil mit Mitgliedern ihrer beiden ehemaligen eigenen Bands. Dabei entstand eine Gruppe, die nicht nur für Jam Bands, sondern im Rockbereich überhaupt ziemlich ungewöhnlich ist: wegen ihrer Größe und wegen ihrer Besetzung. 12 Mitglieder – das ist schon eine kleine Bigband, für Rockverhältnisse jedenfalls außergewöhnlich. Und die Besetzung erstaunt ebenfalls: zwei Gitarristen und zwei Drummer, Keyboards und Bass ist für Jambands noch ziemlich „normal“ (wir kennen das von Grateful Dead und den Allman Brothers). Aber ein 3-köpfiger Bläsersatz und drei Harmonie-Sänger*innen, das macht den Unterschied. Wobei der Begriff Harmony- oder Background-Vokalist*innen stark untertrieben ist. Jede*r von den dreien hat ein Organ, das ihn oder sie als Lead-Sänger*in qualifizieren würde. (In den Konzerten werden sie immer auch mal als Lead-Sänger gefeatured!) Ähnliches gilt für die Bläser-Sektion, aus der Saxophonist Kebbi Williams mit seinen wilden Freejazz-Exkursionen noch heraussticht.

Die (bisher: vier) Studio-LPs der Gruppe sind zweifellos hervorragend. Aber man muss sie wirklich einmal live erlebt haben, um ihren Drive, ihre musikalische Qualität, ihre grandiose Band-Chemie und den Abwechslungsreichtum ihres Repertoires wirklich ermessen zu können. Oder zumindest einmal ein Video von ihnen gesehen haben. Ihre letzte Live-Veröffentlichung „Live from Fox Oakland“ gibt es glücklicherweise auch als DVD, auf der man auch Einblicke in das Tour-Leben bekommt. Und auf YouTube kursieren etliche Konzertmitschnitte, die wirklich empfehlenswert sind.  So die Aufnahmen aus dem Red Rocks Amphitheater, in dem TTB alljährlich Station machen. Und vor allem eine Konzert-Hommage an Joe Cocker und seine Mad Dogs & Englishmen, eine mitreißende Show, an der auch viele der noch lebenden Mad Dogs teilnahmen. Man höre nur die Killer-Version von „With a Little Help from My Friends“, in der Susan Tedeschi als Sängerin über sich hinauswächst.

Bruce Hampton (der eigentlich Gustav Valentine Berglund III heißt) ist unter verschiedenen Alias-Namen und mit etlichen Band-Inkarnationen aufgetreten. Seine musikalische Nähe zu Frank Zappa und Captain Beefheart ist unüberhörbar. Insofern könnte man ihn auch als
Rock-Avantgardisten einordnen. Er geht aber auch als Jam Band-Protagonist durch. Mit den meisten der Musiker*innen und Bands, von denen oben die Rede war, gibt es Querverbindungen. Für die jüngeren unter ihnen war er oft so etwas wie ein Mentor. In Atlanta und Umgebung waren er und seine Live-Auftritte eine Legende, in Deutschland kennt ihn wohl kaum jemand. Am 30. April 2017 ist er 70 geworden. Zu diesem Anlass gab es am 1. Mai ein riesiges Konzert mit vielen seiner Freunde auf der Bühne. Bei der Zugabe erlitt er einen – zunächst nicht erkannten – Schwächeanfall, an dem er wenig später starb. Ein würdiger Abschied und schöner Tod, könnte man sagen…

PS: Gespannt sein darf man auf einen Newcomer in der Jam Band-Szene: drei Söhne von Ur-Mitgliedern der Allman Brothers Band haben die Allman Betts Band gegründet – ABB 4.0 sozusagen. Devon Allman, Sohn von Gregg, Duane Betts, Sohn von Dickey, an den Gitarren sowie Berry Oakley jr., der Sohn des allerersten ABB-Bassisten gleichen Namens. Im Juni erscheint ihre erste Platte und demnächst sind sie auch in Deutschland auf Tournee.


(1) Vgl. dazu z.B. die Website jambands.com sowie die durchaus informativen Artikel in Wikipedia und allmusic.com

Die Blues-Karawane machte Station in Nürnberg

Auch in diesem Jahr machte die „Blues Caravan“ der Plattenfirma Ruf im Nürnberger Hirsch Station. Und präsentierte mit Ina Forsman (voc), Ally Venable (g, voc) und Katarina Pejak (keys, voc) dabei gleich drei junge Frauen, die den Blues in allen denkbaren Schattierungen interpretierten.

Katarina Pejak

Nach dem ersten Song (hier ein Video vom Auftritt in der Blues Garage in Isernhagen), bei dem sich das gesamte Karawanen-Team auf der Bühne versammelt hatte (zu dem gehörten außer den drei Damen noch Drummer Elijah Owings und Roger Inniss an der sechssaitigen Bass-Gitarre, die unspektakulär und routiniert für eine solide Rhythmus-Grundlage sorgten), übernahm zunächst Katarina Pejak die Lead-Vocals. Die gebürtige Belgraderin hat am renommierten Berklee College of Music studiert lebt und mittlerweile in Nashville. Auch ihre jüngste Platte „Roads That Cross) ist in den USA entstanden, mit Produktionshilfe von Mike Zito. Das Album wie auch ihr Auftritt in Nürnberg ist gewiss kein „straighter“ Blues, sondern eher „Americana“ mit einem Spritzer Balkan. Oft war das Singer/Songwriter-mäßig, aber immer gut anzuhören und stimmlich überzeugend vorgetragen. Bei „Moonlight Rider“ (an den Song „Midnight Rider“ von den Allman Brothers angelehnt) allerdings hatte sie die Messlatte etwas zu hoch gehängt. Ganz anders „Sex Kills“, ein Joni Mitchell-Cover, das, balladesk und jazzig zugleich, ihre Stimme als auch ihr gewandtes Piano-Spiel bestens zur Geltung brachte. Für mich das Highlight in der Pejak-Abteilung.

Ally Venable

Als nach diesem eher besinnlichen Beginn Ally Venable die Führung der Karawane übernahm, wurde es sofort lauter und rockiger. Sie ist im diesjährigen Karawanen-Trio für die echten Zwölf-Takter zuständig. Venable ist schon ein Phänomen. Das Mädel (muss man so sagen dürfen: Jahrgang 1999!) hat schon drei Platten herausgebracht, spielt wirklich gut Gitarre und kann auch singen. Ihr neuestes Opus ist passender Weise „Texas Honey“ betitelt – was auf ihr Aussehen ebenso anspielt wie auf die Einflüsse auf ihr Gitarrenspiel: Das nämlich sind bekannte Texas-Blueser wie Stevie Ray Vaughn. Und das hört man. Manchmal ist ihr Spiel noch ein bisschen zu sehr den alten Blues-Klischees verhaftet, aber das kennen wir ja auch von viel älteren Männern. Sehr gut gefiel mir ihre Version des Blues-Traditionals „Backwater Blues“. Das leitete sie – semi-akustisch und nah am Original – im Duett mit Katarina Pejak am Piano ein, um dann einen Zahn an Lautstärke, Dynamik und Elektronik zuzulegen. Gleich darauf, im letzten Stück vor der Pause, ließ sie, jetzt nur im Trio mit Bass und Schlagzeug, ein ziemlich langes Slow-Blues-Instrumental folgen. Und in dem zeigte sie ihre ganze Kunstfertigkeit an der Gitarre, und zwar jenseits aller Klischees. Für mich war das der solistische Höhepunkt des Konzerts.

 

Ina Forsman

Ina Forsman übernahm nach der Pause das Ruder und stellte etliche Songs von ihrer brandneuen Scheibe „Been Meaning to Tell You“ vor. Ina kann wirklich singen. Da steht keine kühle Nordländerin (sie kommt aus Finnland) auf der Bühne, sondern eine echte Röhre – manchmal hat sie mich an Beth Hart erinnert. Sie war schon 2016 Teil der Blues Caravan, damals als echte Newcomerin. Diesmal ist sie bereits die Hauptattraktion, die im Mittelpunkt des zweiten Konzertteils stand – wie sich zeigte: verdientermaßen.

Schon in den zwei, drei ersten Nummern kam ihre wirklich beeindruckende Stimme gut zur Geltung. Die Songs hatten einen leichtfüßig swingenden Groove, oft etwas „angejazzt“, manchmal eher soulig (wie z.B. Genius“). Blues und Rock kamen aber nicht zu kurz. Kurz gesagt: Ina Forsman ist ein außergewöhnliches Talent. Pejak (jetzt auch öfters mal an der Orgel) und Venable begleiteten geschmackvoll, steuerten Background-Vocals bei und erfreuten mit prägnanten Soli. Das war musikalisch hochwertig und kurzweilig, lud zum Mitwippen und Mitsingen (natürlich nach Aufforderung von Forsman) ein. In der großen Besetzung zu fünft waren sie als mittlerweile offensichtlich gut eingespielte und miteinander harmonierende Band richtig gut, mit oft mehrstimmigem Gesang und abwechselnden Lead-Vocals, immer schön groovend. Mir hat’s gefallen.

Mit dem Klassiker „Sixteen Tons“ beendeten die drei Karawanen-Führerinnen ihren Set. Zwei Zugaben und ein zufriedenes bis begeistertes Publikum – wobei die Mädels gewiss einen etwas größeren Zuspruch verdient gehabt hätten.

Im Hirsch wurde auch fleißig gefilmt – vielleicht sieht man sich ja demnächst auf DVD….