Heute ausnahmsweise: mal etwas Privat-Persönliches

Heute ist es definitiv und ganz offiziell so weit: Ich bin jetzt Rentner. Zeit und Anlass genug also, um eine kurze Rückschau zu halten, auf über 35 Jahre Berufstätigkeit. Und um ein bisschen in die Zukunft zu blicken.
Sieht man einmal von der Zeit ab, in der ich haupt- und ehrenamtlich Kommunalpolitik betrieben habe (also die fünf Jahre als Fraktionsgeschäftsführer der GAL Bamberg und danach von 1990 bis 1998 ehrenamtlich als Stadtrat in Bamberg, davon fünf Jahre als Fraktionsvorsitzender), dann war es in verschiedenen Zusammenhängen die politische Bildungsarbeit, die mich ernährt hat. Erwähnenswert aus meiner Sicht dabei vor allem: Von 1987 an habe ich die Weiterbildung kommunaler Mandatsträger*innen für das GRIBS-Kommunalbüro, die kommunalpolitische Vereinigung der Grünen in Bayern, aufgebaut. Und dann war ich von der Gründung der Petra-Kelly-Stiftung im Jahr 1997 bis gestern als Bildungsreferent für die Stiftung tätig.
In diesen Jahren habe ich einige hundert Seminare, Vorträge, Diskussionsrunden, Workshops, Bildungsreisen und Tagungen geplant, vorbereitet und organisiert, war auch in vielen Veranstaltungen selbst als Referent tätig. Ich konnte dabei viele, viele interessante, kompetente und engagierte Menschen kennen lernen, unter den Referent*innen wie auch bei den Teilnehmenden. Und nach vielen dieser Veranstaltungen hatte ich auch selbst etwas dazu gelernt. Es war – über die Jahre gesehen – ein immer interessanter und fordernder „Job“, die Routinearbeit hielt sich in engen Grenzen. Und: Im besten Fall (vor allem wenn es gelang, Menschen mit unterschiedlichen politischen Orientierungen miteinander ins Gespräch zu bringen) hatte ich das Gefühl, mit dieser Arbeit mehr zu erreichen und zu bewegen als mit meinem langjährigen – und inzwischen ja beendeten –  (partei-) politischen Engagement. Ich schaue deshalb mit Freude und großer Zufriedenheit auf diese Jahre zurück.
Dass das alles so lange und so gut funktioniert hat, liegt vor allem daran, dass ich immer in tollen Teams arbeiten durfte. Bei GRIBS zunächst mit Susanna Tausendfreund und dann mit Peter Gack (mit dem mich eine mittlerweile Jahrzehnte währende politische und berufliche Zusammenarbeit und Freundschaft verbindet), bei der Petra-Kelly-Stiftung vor allem mit Gesa Tiedemann und den anderen Kolleg*innen (Beate Hull, Jonas Jarass, Kathrin Schad und Carmen Romano). Ihnen gilt mein allerherzlichster Dank für das Vertrauen und die konstruktive Zusammenarbeit in all diesen Jahren. Das gilt auch für die jeweiligen Vorstandsmitglieder, die diese Arbeit unterstützt haben, ohne sich übermäßig ins Tagesgeschäft „einzumischen“ – was, wenn ich mir vergleichbare Organisationen in anderen Bundesländern anschaue, beileibe keine Selbstverständlichkeit ist.

Und was bringt die Zukunft?
Der Petra-Kelly-Stiftung bleibe ich auch nach meinem (beruflichen) Ausscheiden verbunden: als Mitglied des Stiftungsrats und auch durch meine weitere Mitarbeit beim Themenportal „Gutes Leben für alle“, das mir sehr am Herzen liegt. Und ich freue mich sehr auf die Bildungsreise nach Barcelona Ende Mai 2018. (Schönstes Abschiedsgeschenk aller Zeiten, übrigens!)
Ansonsten werde ich die Zeit nutzen, mich auch wieder vermehrt politisch zu äußern. Hier auf meinem Blog oder bei Facebook werden das Interessierte verfolgen können. Und vielleicht küsst mich ja die Muse und ich bringe wieder einmal ein etwas umfangreicheres Werk zu Papier. Mal sehen…
Und ich werde, das ist ganz sicher, weiter meiner Musikleidenschaft frönen und Clubs und Konzerthallen unsicher machen. Die ersten Termine stehen schon fest: Haindling, Blues Caravan, JCM. Und natürlich die Abende im Bamberger Jazz-Club, nicht zu vergessen.
Mit anderen Worten: Man sieht, liest und hört sich. Bis dann!

Kurzes Update:

AKP-Artikel

Irgendwie finde ich es immer noch komisch (obwohl es schon über ein halbes Jahr so ist!), neben meinem Namen eine 65 als Altersangabe zu lesen. Aber trotzdem: danke, AKP, danke liebe Rita, für diesen netten „Ruhestands-Artikel“.

Höhepunkt im Jubiläumsjahr: Soul Jazz Alliance im Bamberger Jazzclub

Der Bamberger Jazzclub feiert im Jahr 2014 sein 40. Jubiläum und lässt es dabei mit den Gastspielen einiger international renommierter Jazz-Größen richtig krachen. Vincent Herrings neue Formation „Soul Jazz Alliance“ gehört sicherlich zu den absoluten Höhepunkten des noch kurzen Jubiläumsjahrs. Wie der Bandname schon andeutet, frönen Herring und seine Mitstreiter einem groovigen, soul- und bluesbetonten Sound, der seine Wurzeln im Jazz der frühen 60er Jahre, wie er vor allem auf dem Blue Note-Label erschien, gar nicht erst verleugnet. Herrings Referenzmusiker war und ist Cannonball Adderley – und das ist wahrlich nicht die schlechteste Referenz. Und er hat sich mit Musikern umgeben, die sich in diesem Genre hörbar wohlfühlen und zum kompakten und nie altbackenen Gruppensound beitragen. An erster Stelle zu nennen sind hier Jeremy Pelt, einer der „rising stars“ an der Trompete und klar in der Hardbop-Tradition von Freddie Hubbard und Lee Morgan stehend, sowie der Sänger Sachal Vasandani. Letzterer beindruckt nicht nur mit seinem Stimmumfang und seiner Intonationssicherheit, sondern – ganz „Sunny Boy“ – auch mit seiner Bühnenpräsenz. Sänger wie Kurt Elling oder Michael Bublé sind in seinem Vokal-Stil erkennbar, er hat aber auch als Texter etwas zu bieten. Für das Groove-Fundament sorgen Organist Jared Gold, Gitarrist Freddie Bryant (der einige ganz hervorragende Soli im Stile der Montgomery-Benson-Schule darbot) sowie Joris Dudli am Schlagzeug. Ihm und seinen langjährigen Verbindungen zum Jazzclub ist es wohl auch zu verdanken, dass die Gruppe auf ihrer vierwöchigen Europa-Tournee, die sie ansonsten fast nur in Großstadt-Clubs führt, überhaupt in Bamberg Station machte.

Bild

Die Set-List bot vor allem Titel (die meisten übrigens aus der eder des auch als Komponist überzeugenden Schlagzeugers!) aus der CD „True Paradise“ der Gruppe. Ein Stück hatte sogar an diesem Abend seine Live-Premiere nach einer offenbar nicht ganz geglückten Probe am Nachmittag, wie Herring schmunzelnd erzählte. Davon war aber, als es darauf ankam, nichts mehr zu merken: Das durchaus anspruchsvolle Arrangement klappte hervorragend. Überhaupt bemühte sich die Band um originelle Arrangements jenseits des 0/15-Jazz-Ablaufs Thema-Soli-Thema. Das galt auch für die Swing-Version des Beatles-Klassikers „Can’t Buy Me Love“, ganz prima gesungen von Sachal. Spätestens da wandte sich wahrscheinlich die „Jazz-Polizei“  angewidert ab. Ob das noch Jazz ist? Na klar, sage ich, Jazz hat sich schon immer populärer Melodien bedient und sie dem eigenen Vokabular anverwandelt. Und: schon lange kein so überzeugendes Beatles-Cover mehr gehört.

Fazit: ein herrlich groovender Abend, soulful und bluesig. Mehr davon, bitte!

Ein kurzer Ausschnitt aus dem Konzert ist auf meinem You-Tube-Kanal zu sehen.

Zum Jahresende noch eine Plattenempfehlung: die neue von Dianne Reeves

Dianne Reeves, mittlerweile auch schon fast 60, gehört längst zu den etablierten Diven des Jazz-Gesangs. Für ihre neue Scheibe hat sie sich allerdings einige Zeit genommen – und das hat sich gelohnt. „Beautiful Life„, so der Titel, ist eine echte Perle: modern produziert (das Verdienst der Schlagzeugerin Terri Lynne Carrington, die diesen Job übernommen hat), aber nicht modisch anbiedernd. Abwechslungsreich, auch dank vieler Kolaborationen, ohne beliebig zu sein. In andere Genres wie R & B, Soul und Latin überlappend, ohne den unverkennbaren Jazz-Touch zu verlieren.

Über die Vokal-Künste von Dianne Reeves muss ich nicht sprechen, denn die sind ohnehin jenseits jeglicher Diskussion. Ihre Mitspieler garantieren auch instrumental durchgehend hohes Niveau. Hervorheben möchte ich Sean Jones und seinen betörend warmen Trompetenton. Und Gaststars wie der jüngst verstorbene George Duke, Robert Glasper am Piano, Grégoire Maret an der Mundharmonika oder Esperanza Spalding am Bass und Marvin Sewell an der Gitarre brillieren natürlich in jedem Umfeld. Duette mit dem derzeit omnipräsenten Gregory Porter, Raul Midon und Lalah Hathaway vervollständigen dieses hochklassige Album.

Anspieltipps? Vielleicht die wunderbare Interpretation des Harold Arlen-Klassikers „Stormy Weather“ und gleich danach das Reeves-Original „Tango„. Und natürlich das Duett mit Gregory Porter: „Satiated (Been Waiting)„.

Absolut gelungen: Gov’t Mule – „Shout!“

Wenn ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis Gov’t Mule erwähne (häufig in einem Atemzug mit Prädikaten wie: „eine der besten Rock-Bands auf diesem Planeten derzeit“), dann ernte ich meist nur erstauntes Stirnrunzeln. Ob sich das mit der neuen Platte ändert? – Man sollte die Hoffnung ja nie aufgeben, dass sich guter Geschmack doch noch durchsetzt…

Das neue Werk von Warren Haynes & Co. ist eine Doppel-CD und zudem ein kleiner Geniestreich: Doppel- und Mehrfach-CDs sind ja sich nicht selten ist in der Band-Historie. Gleichwohl wagen Gov’t Mule hier etwas, was bislang meines Wissens noch keine Band getan hat: Sie legen 11 neue Songs vor (CD 1) und covern eben diese Songs auf CD 2 und haben für diese Cover-Versionen jeweils einen anderen Sänger engagiert. Das Ergebnis dieses Unternehmens ist spannend und durchweg geglückt.

CD 1 bietet Mule-Songs in bewährter Warren Haynes-Qualität: gut abgehangene Rock-Songs, die im weitesten Sinne dem Genre „Blues Rock“ zuzurechnen sind. Also: angesiedelt im weiten Feld zwischen Cream, Black Sabbath, Led Zeppelin, Allman Brothers Band(wo Haynes ja Mitglied ist). Gutes, für das Genre jedenfalls abwechslungsreiches Songwriting, ein perfekt harmonierender Gruppenklang, die über jeden Zweifel erhabene Gitarrenarbeit von Haynes – all das macht diese CD schon zu einer der erfreulicheren Neuerscheinungen des Jahres 2013.

CD 2 setzt dann das Sahnehäubchen oben drauf: Die Idee mit den unterschiedlichen Sängern (und einer Sängerin) funktioniert ausgesprochen gut. Obwohl Haynes ja beileibe kein schlechter Vokalist ist, gewinnen die Songs durch die neue stimmliche Interpretation oft noch an Charakter und Intensität. Toots Hibbert und Elvis Costello bringen sofort ihre eigene Note in die Songs (Reggae bzw. New Wave), „When the World Gets Small“ mit Stevie Winwood klingt gar tatsächlich wie die Traffic der Mittsiebziger. Und auch der offenbar ewig junge Dr. John passt hervorragend zu der New Orleans-Funk-Nummer „StoopSo Low“. Man merkt, dass Haynes sich bei der Auswahl der Sänger viele Gedanken gemacht hat. Auch wenn also auf CD 2 dieselben Stücke zu hören sind wie auf CD 1, wirkt dies niemals langweilig, sondern verdeutlicht eher die Substanz der Songs.

Mein Urteil: sehr gelungen!

Gregory Porter: ein Hype, der berechtigt ist

Man kennt das ja im Musikgeschäft: da wird jede Woche eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Ein Hype löst den anderen ab, ständig wird man mit supertollen Newcomern konfrontiert, die dann nach ein, zwei CDs mehr oder weniger in der Versenkung der Musikgeschichte verschwinden.

Ich kann nur hoffen (und bin ziemlich sicher!), dass Gregory Porter nicht dasselbe Schicksal blüht. Ihm geht es ja derzeit auch so: In allen möglichen und unmöglichen Gazetten wird sein Talent gerühmt, er erscheint als neuer Heilsbringer im Reich der Jazz-Vokalisten, die vergleich mit anderen großen Stimmen der schwarzen Musik sind Legion.

Das Schönste daran: All diese Lobeshymnen sind berechtigt. Sein Bariton ist einfach toll, seine eigenkompositionen gehen gleichermaßen ins Ohr wie sie in ihren Texten eine selten poetische Tiefe haben. Sein neues Werk „Liquid Spirit“ wird mit Sicherheit und völlig zu Recht auf vielen Bestenlisten des jahres 2013 ganz oben auftauchen. Allein der Titelsong ist den Kauf dieser CD wert.

Wer ihn noch nicht kennen sollte, hier ist eine Live-Version:

http://www.youtube.com/embed/NS6JV-veVAE

Für mich – ich versteige mich jetzt auch mal zu einem Superlativ – ist Gregory Porter der beste männliche Jazz-Vokalist seit Al Jarreau und Bobby McFerrin (und Kurt Elling möge mir deswegen nicht böse sein, ich weiß seine Qualitäten durchaus zu schätzen!). PUNKT.

In den nächsten Wochen tourt Porter auch durch Deutschland. ich freue mich schon auf sein Konzert im Münchner Circus Krone.