Echte Perle: das neue Werk von Hazmat Modine

Manchmal könnte ich Schreikrämpfe kriegen, weil die Musikindustrie so unfähig ist, gute Musik für die geneigte Hörerschaft zu materialisieren. Zum Beispiel: Da gibt es bereits seit rund zwanzig Jahren eine Gruppe äußerst talentierter Musiker*innen, die im vergangenen Jahrzehnt schon vier sehr, sehr hörenswerte Platten produziert hat. Für die Produktion ihres neuesten Long-Players müssen sie allerdings eine Crowdfunding-Kampagne starten, die dann aber nicht genügend Geld erbringt, um die Platte tatsächlich veröffentlichen zu können. Erst als die Band-Mitglieder ihre privaten Sparschweine plündern, erblickt sie das Licht der Musikwelt. Und, nach dreijähriger Wartezeit, siehe da: Es handelt sich um eine wahre Perle. Die Rede ist von Hazmat Modine und ihrer jüngste Veröffentlichung „Box of Breath.

Und nein: Hazmat Modine produziert weder Gefahrgut (Hazmat = Abkürzung für „hazardous material“) noch heiße Luft, wie der Gründer und Mastermind der Band, Wade Schuman, in Anspielung auf den zweiten Namensteil (eine Firma, die Klimageräte herstellt) und auf den mächtigen Bläser-Satz der Gruppe das einmal ironisierend sagte. Das musikalische Produkt dieses Musiker-Kollektivs lässt sich ohnehin schwer auf den Begriff bringen oder gar in eine Schublade einordnen. „Roots-Musik“, „Americana“, „Weltmusik“ sind Labels, die immer wieder mit Hazmat Modine in Zusammenhang gebracht werden. Aber einmal abgesehen davon, dass solche Zuschreibungen reichlich abgegriffen sind, wirklich gerecht werden sie dem einzigartigen Musik-Mix von Hazmat Modine sowieso nicht.

Man könnte auch die Stil-Elemente aufzählen, die immer wieder neu und originell kombiniert werden: Jazz, Rock, Folk, Klezmer, Cajun, Balkan- und Latin-Rhythmen, afrikanische Grooves und immer wieder: Blues. Aber kann sich darunter jemand wirklich etwas vorstellen? Nein, man muss sich Hazmat Modine schon anhören – und wird immer wieder überrascht. Von den einfallsreichen Arrangements, von knappen solistischen Intermezzi, von der perfekten Harmonie zwischen Bläsern und Mundharmonika (Das nur nebenbei: Wade Schuman zuzuhören, wie er dieses kleine Instrument zum Leben erweckt, welche Töne er ihm entlockt, ohne mit seiner zweifellos vorhandenen Virtuosität zu protzen, macht schon neidisch!), vom famosen Joseph Daley und seiner Tuba, die für die Tiefton-Grundierung sorgt, von den gitarristischen Preziosen, die Eric Della Penna einstreut. Und immer wieder diese wunderbaren Bläser: Steve Elson an den Saxofonen und Klarinetten, Trompeterin Pam Fleming und Posaunist Reut Regev. Auf zwei Titeln sorgt Balafon-Spezialist Balla Koyate für afrikanisches Flair. Dazu der knarzige Gesang von Wade Schman, irgendwo zwischen Dr. John und Captain Beefheart anzusiedeln.

Hazmat Modine-Mastermind Wade Schuman. Das Foto entstand am 6. Juni 2013 bei einem Konzert im Erlanger E-Werk.

Ich will erst gar nicht versuchen, einzelne Songs zu beschreiben, weil sie sich in ihrer immensen Vielfalt und Komplexität einer Beschreibung von vornherein entziehen. Und mit jedem Hören neue Details entdeckt werden können. Jedes Stück ist ein kleines Meisterwerk. Auch die poetischen Texte verdienen Aufmerksamkeit. Sie sind allesamt im schön gestalteten (von Maestro Schuman höchstselbst – kein Wunder, er lehrt im Hauptberuf Malerei an der New Yorker Academy of Art) nachzulesen.

Wer selbst einen Eindruck von diesem absolut empfehlenswerten Album gewinnen möchte, kann das hier auf YouTube tun. Aber bitte: Kauft euch diese Platte! Hazmat Modine haben jedwede finanzielle Unterstützung wirklich verdient.

Hazmat Modine: Box of Breath, Jaro Medien 2019

Homepage von Hazmat Modine

WIKI-Eintrag zu Hazmat Modine

Plattenkritik auf Jazzhalo

Plattenkritik auf SWR 2

Reviews anderer LPs von Hazmat Modine auf diesem Blog: Cicada und EXTRA-DELUXE-SUPREME

Vergessene Perlen: „Brotherhood of Breath“

Anfang der siebziger Jahre war die vom Pianisten Chris McGregor gegründete Big Band „Brotherhood of Breath“ eine der interessantesten und innovativsten Großformationen im europäischen Jazz. Ihre 1971 erschienene, gleichnamige Debüt-LP ist dennoch weitgehend in Vergessenheit geraten.

Chris McGregor wurde 1936 in Südafrika geboren und war der Sohn eines schottischen Missionslehrers. Seine ersten musikalischen Einflüsse waren die Kirchenhymnen seines Vaters, dazu kamen eine klassische Klavierausbildung und dann, sehr wichtig, Kwela, der Township Jazz der südafrikanischen Schwarzen. Während seines Studiums am Musik-College von Kapstadt gründete er mit Dudu Pukwana (Altsaxophon), Mongezi Feza (Trompete, Flöte), Louis Moholo (Schlagzeug), Nick Moyake (Tenorsaxophon) und Johnny Dyani (Bass) die multi-ethnische Band „The Blue Notes„. Schon dies war während des strikten Apartheit-Regimes sehr gewagt und an sich ein politisches Statement. Dennoch konnte die Gruppe beim prestigeträchtigen Cold Castle Festival in Johannesburg einen Preis gewinnen und auch internationales Renommée erlangen. Doch in Südafrika selbst wurden die Auftrittsmöglichkeiten vor dem Hintergrund der nach dem Sharpeville-Massaker (bei dem 69 friedliche Demonstranten von der Polizei getötet wurden) nochmals verschärften Apartheit-Politik noch spärlicher. Die Band entschloss sich deshalb 1964 während einer Tournee durch Europa, nicht mehr nach Südafrika zurückzukehren und sich dann letztlich in London anzusiedeln.

Die Blue Notes bildeten dann ein paar Jahre später auch den Kern der Brotherhood of Breath. Ergänzt wurden sie durch einige hochkarätige britische Musiker wie Harry Beckett (Trompete), Nick Evans (Posaune), John Surman (Bariton- und Sopransaxofon) und Alan Skidmore (Tenor- und Sopransaxophon). In dieser Band waren demnach einige der feinsten Musiker versammelt, die die Londoner Jazzszene Anfang der siebziger Jahre zu bieten hatte. Chris McGregor bündelte diese Talente mit mitreißenden Arrangements und originellen Kompositionen, die Platz boten für freies Ensemblespiel. Das hatte unverkennbare Referenzen zu Charles Mingus und Sun Ra, wurde aber durch die afrikanischen Einflüsse zu einem absolut eigenständigen und innovativen Klangbild verdichtet.

Ich hatte 1971, also kurz nach dem Erscheinen dieser LP, das große Glück, die Band im Rahmen eines Mini-Festivals im Roundhouse in Camden erleben zu dürfen. Und obwohl ich die Band damals natürlich noch nicht kannte und ich noch nicht allzu viel Ahnung von Jazz hatte, waren sie mit ihrem hochenergetischen Auftritt der klare Höhepunkt dieses ansonsten mit Rock-Bands (darunter so illustre wie IF und Steamhammer) besetzten Konzerttags.

Fazit: Diese LP hätte es verdient, der musikalischen Vergessenheit entrissen zu werden. Also: Tune in!
Anspiel-Tipps: die etwas kürzeren Stücke MRA und Andromeda.

Neu in meinem CD-Regal

Jon Hiseman: A Night in the Sun – Recorded in Rio de Janeiro

Neben einer CD mit einer Sammlung von Schlagzeug-Soli ist das die einzige Solo-Platte des jüngst verstorbenen Colosseum-Chefs Jon Hiseman. Außer eingefleischten Colosseum-Fans war sie wohl kaum jemanden bekannt. Mittlerweile (nach der CD-Veröffentlichung im Jahr 2012) gibt es ein paar Titel davon auch auf YouTube zu hören. Aufgenommen wurde die Platte ursprünglich im Jahr 1981, in Rio – wie schon der Titel andeutet. Bis auf eine Komposition von Hisemans Ehefrau Barbara Thompson stammen alle Stücke aus der Feder der Mitspieler, einer illustren Schar von brasilianischen Jazz-Musikern. Wie Hiseman im Booklet zur CD-Veröffentlichung schrieb, handelte es sich dabei um einen der ersten „Ausflüge“ der brasilianischen Musik in das Feld des Jazzrocks. Wenn ich die Musik auf dieser CD mit einem Begriff beschreiben sollte, dann würde sie als „latinisierten Jazzrock à la United Jazz & Rock Ensemble“ bezeichnen. Scharfe Bläsersätze, einige schöne Gitarren-Soli sowie die dominierende Trompete von Marcio Montarroyas, der die Platte auch produzierte. Sicher auch heute noch hörenswert. Aber klar: Für mich ist das ein Liebhaber-Stück, das meine Sammlung mit Platten, auf denen Jon Hiseman mitspielt, vervollständigt.

 

Fatoumata Diawara: Fenfo – Something to Say

Sieben Jahre ist es bereits her, seit Fatoumata Diawara sich mit ihrem phänomenalen Debütalbum „Fatou“ ins Rampenlicht nicht nur der afrikanischen Musikwelt katapultierte. Neben Simphiwe Dana (aus Südafrika) ist sie wohl die wichtigste Sängerin und Komponistin der jüngeren Generation, die zudem mit ihrem politischen Engagement und ihrem nachdrücklichen Eintreten für die Rechte der afrikanischen Frauen beeindruckt. Sieht man einmal von einigen Kollaborationen ab (darunter das wunderbare Album „At Home – Live in Marciac“ mit dem kubanischen Pianisten Roberto Fonseca), dann ist dies erst ihr zweites Solo-Album. Fatou singt immer noch sehr soulful, manchmal ziemlich expressiv. Die Songs, alle von ihr selbst komponiert und getextet, decken eine große Bandbreite ab: es gibt melodischen Afro-Pop, das eher getragene „Mama“ oder das zum Funk tendierende „Negue Negue“ sowie ein Duett mit Cello und Gitarre („Don Do“).

Die Texte (Fatou singt auf Bambara, ich beziehe mich auf die Übertragungen ins Englische, die im Booklet abgedruckt sind) sind gewohnt engagiert. Der Opener „Nterini“ thematisiert die Migration, in „Kokoro“ geht es um die afrikanische Identität, „Kanou Dan Ye“ handelt vom Verbot der Heirat zwischen Angehörigen verschiedener Ethnien, „Takamba“ wendet sich gegen verbale und physische Gewalt gegen Frauen.

Fazit: ein schönes Album, das Hoffnung auf eine Tournee macht. Denn live ist Fatoumata Diawara eine echte Wucht, ein Wirbelwind auf der Bühne, wo sie singt, tanzt und Gitarre spielt. Wer Gelegenheit hat, ein Konzert mit ihr zu sehen, sollte sich dies nicht entgehen lassen.

 

Esbjörn Svensson Trio: Live in London

Eine “neue” E.S.T.-Platte kann ja – leider – immer nur eine alte sein, denn der Band-Leader und Pianist Esbjörn Svensson ist bekanntlich 2008 bei einem Tauchunfall ums Leben gekommen. Diese Doppel-CD wurde im Jahr 2005 aufgenommen. Am 20. Mai, um genau zu sein. Und das ist mir deshalb wichtig, weil ich E.S.T. ziemlich genau einen Monat vorher, am 22. April nämlich, im Nürnberger Opernhaus gesehen hatte – und absolut begeistert war von diesem Auftritt.

Ebenso begeistert bin ich von dieser Veröffentlichung (auch wenn hier das visuelle Element natürlich fehlt, die Konzentration und die Wucht, die alle drei Musiker auf der Bühne ausstrahlten), die die zu Recht viel gelobte Gruppe auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft zeigt. Es ist schon – darf man das sagen? – der reine Wahnsinn, was Svensson, Bassist Dan Berglund und Schlagzeuger Magnus Östrum aus ihren Instrumenten herauszuholen vermögen, welch eingespielte, ja verschworene Gemeinschaft sie dabei bilden.  Vom zartesten Pianissimo bis zur Urgewalt eines Rock-Trios reicht ihre Spannbreite. Die virtuose Beherrschung ihre Spielgeräte steht ihnen wie selbstverständlich zur Verfügung, sie muss nicht extra oder gar exhibitionistisch zur Schau gestellt werden. Man höre nur mal den Opener der zweiten CD, das Stück mit dem schönen Titel „When God Created the Coffeebreak“.

Einfach toll – das zeigt auch die enthusiastische Reaktion des Publikums im Londoner Barbican Centre. Und wie traurig, dass diese Band, von der man sich noch so viel erwarten konnte, schon drei Jahre später ein jähes Ende fand.

„Friday Night in Nuremberg“

Das hätte eine naheliegende Überschrift für das Konzert von Al Di Meola  und Peo Alfonsi  sein können – auch wenn sich „nur“ zwei Gitarristen die Bühne im Nürnberger Maritim Hotel teilten (und nicht drei wie beim berühmten Konzert in San Francisco). Dennoch wurde Saiten-Kunst auf höchstem Niveau geboten. Das garantiert der Name Al Di Meola, immer noch.

Der Maestro…

Über Meola etwas Neues zu erzählen ist schwierig, zu bekannt und erfolgreich ist er seit Jahrzehnten. Mit 19 in der bahnbrechenden Fusion-Band „Return to Forever“ von Chick Corea, danach ebenso erfolgreich auf Solo-Pfaden. Und natürlich das oben erwähnte Album „Friday Night in San Francisco“ mit John McLaughlin und Paco de Lucia, das ihn endgültig in den Olymp der Saiten-Heroen katapultierte. Seither pendelt er immer hin und her zwischen Fusion-orientiertem, elektrifiziertem Jazz-Rock und (semi-) akustischer Weltmusik.

Die Setlist

Am Freitagabend im Nürnberger Maritim-Hotel (ich mag diese Location ja nicht besonders, aber ihre Kultur-Lounge bietet doch immer wieder ansprechende Gäste) standen wieder einmal die akustischen Gitarren im Vordergrund (allerdings mit allerlei zusätzlichem elektronischem Equipment versehen), die von Al Di Meola und seinem Kompagnon Peo Alfonsi. Der aus Sardinien stammende und klassisch ausgebildete Alfonsi gab keinesfalls nur den „Rhythmus-Knecht“. Jemand, der bereits mit  Kollegen wie  Pat Metheny, Kenny Wheeler, Trilok Gurtu oder Marc Ribot musiziert hat, darf sich schon als gleichberechtigte zweite Stimme auf Augenhöhe fühlen. Und Alfonsi überzeugte auch als Solist und „Duell-Partner“ von Meola.

Das Programm der beiden Saiten-Künstler bestand vorwiegend aus Stücken, die auf Al Di Meolas jüngsten Alben enthalten sind. Schwerpunkt war seine neueste CD mit dem Titel „Opus“, von der er vier Kompositionen präsentierte. Dazu kamen von seiner CD mit Beatles-Interpretationen „Because“ (zu Beginn des zweiten Sets) und „She’s Leaving Home“ in der Zugabe sowie zwei Stücke aus der Elysium-CD.

Meola, der im Juli 64 wird, schaut immer noch blendend aus und war ganz offenbar gut gelaunt. Von der Arroganz, die ihm bisweilen nachgesagt wird, war jedenfalls nichts zu spüren. Vielleicht liegt das ja an seinem privaten Glück: „Stephanies’s Theme“ ist eine veritable Liebeserklärung an seine Frau Stephanie, einer deutschen Kultur-Journalistin, mit der er seit drei Jahren verheiratet ist und die im Saal war. Von ihr sagte er bei der Anmoderation des Songs: „She changed my life.“ (Wer sich für Klatsch interessiert…)

Zurück zur Musik, die das oft beliebig verwandte Label „Weltmusik“ tatsächlich verdient: Meola fusioniert Jazz, Flamenco, Tango und andere mediterrane Stile in sehr eigenständiger Weise. Und präsentiert diese Mischung mit bekannt großer Virtuosität. Seine Technik ist frappant, seine Fingerfertigkeit manchmal atemberaubend. Doch er ist nicht nur ein Meister der gitarristischen Höchstgeschwindigkeit, sondern kann auch in schönen Melodien ganz schwelgerisch versinken. Zum Beispiel in der Hommage an seine italienischen Wurzeln, an Cerreto Sannita in Kampanien, ein Bergdorf unweit von Neapel (aus dem sein Großvater stammte).

Meola und Alfonsi spielten zwei Sets: der erste gut, der zweite absolute Spitzenklasse. Hier schaukelten sich die beiden gegenseitig zu Höchstleistungen hoch. Waren das Zweiunddreißigstel, die sie da manchmal spielten, oder sogar Vierundsechzigstel? Schluss- und Höhepunkt natürlich „Mediterranean Sundance“. Restlos begeistertes Publikum im sehr gut gefüllten Maritim . Hier ein kurzer Ausschnitt aus der Zugabe:

Haindling in der Nürnberger Meistersinger-Halle

Buchner am Flügelhorn

… und am Saxophon

Hans-Jürgen Buchner, der Mastermind von Haindling, wies gleich in seiner Begrüßung darauf hin: vor 35 Jahren, bei ihrer allerersten Tour, war seine Band auch in Nürnberg aufgetreten, im – damals noch alternativen – KOMM. Ja, das waren noch Zeiten – ich war nämlich bei diesem Konzert dabei. Und wir waren, wer hätte das gedacht, alle eine Portion jünger. Das Publikum in der Meistersinger-Halle (wäre interessant gewesen, wer außer mir das damalige Konzert ebenfalls erlebt hatte!) war dementsprechend weit überwiegend sehr gesetzten Alters. Und man durfte – glücklicherweise! – sitzen, ganz im Gegenteil zu damals im KOMM, wo eher noch Pogo-Atmosphäre geherrscht hatte.

Die Band, in der neben Buchner immerhin noch zwei Ur-Mitglieder spielen, ließ es zu Beginn mit Liedern vorwiegend neueren Datums ziemlich gemütlich angehen. Auch sie haben zugelegt: an Alter, Gewicht, aber auch an Routine und Professionalität. Und sie haben sich Equipment auf dem neuesten Stand der Technik zugelegt. Was kein Fehler ist: Der Sound war nahezu perfekt, sehr klar und transparent. Allenfalls die etwas zu laut abgemischte Bass-Drum des Schlagzeugers könnte man bekritteln.

Außer Hans-Jürgen Buchner von Anfang an dabei: Schlagzeuger Peter Enderlein und Micha Braun an allen möglichen Blasinstrumenten

Der Haindling-Sound ist seit 35 Jahren bewährt: auf der Basis bayerischer Volks- und Blasmusik, angereichert mit viel Jazz, manchmal Pop und inzwischen vielen weltmusikalischen Einflüssen (und den dazu gehörigen exotischen Instrumenten). Typisch immer noch: die zumeist unisono von zwei bis drei Bläsern gespielten Themen. Das ist 100 Prozent eklektizistisch und gleichermaßen 100 Prozent Haindling. Bewundernswert die Vielseitigkeit und Virtuosität aller Band-Mitglieder, allesamt Multi-Instrumentalisten.

Schwung bekam das Konzert beim ersten Klassiker: „Du Depp“ wurde zunächst von der „Haindling Plastic Band“ vorgetragen, als satirischer Hinweis auf die Vermüllung des Planeten mit Plastikabfällen. Die Musiker hatten sich Plastiksäcke übergezogen, die als Percussion-Instrumente dienten, ebenso ging es den mitgebrachten Plastikflaschen. Nach dieser witzigen Einlage ging es mit dem Song dann im bewährt-bekannten Sound weiter: nach wie vor ein echter Hit und eins meiner Lieblingslieder von Haindling.
Zwischendurch durfte das Publikum auch mal aufstehen, Fingerschnipsen, Schunkeln und sich ansonsten gymnastisch bewegen. Aber nicht zu viel: man muss ja aufs Alter achten. 

Buchner, inzwischen ja auch schon 73 Jahre alt, hat sich seinen spitzbübischen Charme bewahrt, erzählte gern mal eine Anekdote und kommunizierte mit dem Publikum (in der großen Halle nicht ganz einfach!). Die Roadies waren stets in Bewegung, brachten immer neue  Instrumente auf die Bühne: Mit Hilfe von zwei Klanghölzern (siehe Foto links oben) und viel Keyboard-Einsatz kam ein Song zustande, der Pink Floyd zur Ehre gereicht hätte. Mit zwei Didgeridoos (oder waren das doch Alphörner? – Foto links unten) und sphärischen Sounds wurde Filmmusik gemacht, dazwischen durfte „Paula“ nicht fehlen. So waren zwei Stunden schnell vorbei: abwechslungsreich, unterhaltsam, musikalisch perfekt dargeboten.

Aber dann war noch nicht Ende: ein knapp halbstündiger Zugaben-Block präsentierte zunächst Buchner als Pianist und Singer-Songwriter. Und danach gab es endlich auch noch zwei der Hits, auf die das – begeisterte – Publikum sicher schon gewartet hatte: „Rote Haar“ und als Rausschmeißer und zum Schwelgen und Mitsingen: „Lang scho nimmer g’sehn“.

Wie passend: Ich hatte Haindling 35 Jahre nicht mehr gesehen. Und es war ein sehr erfreuliches Wiedersehen.

Neu in meinem CD-Regal

Hazmat Modine: EXTRA-DELUXE-SUPREME

10 Jahre nach dem Erscheinen ihrer ersten CD („Bahamut„) ist dies erst die dritte Studio-Veröffentlichung von Hazmat Modine. Wenn der ebenso modische wie ausgelutschte Begriff „Weltmusik“ überhaupt einen Sinn machen sollte, dann passt er auf die Musik von Wade Schuman und seinen Mitstreiter*innen. Sie bedienen sich in in schon fast genialer Weise aller möglicher musikalischer Wurzeln – und heraus kommt: Hazmat Modine. Blues, Jazz, Klezmer, Soul, Funk, Country, Bluegrass, Gospel, R&B – Hazmat Modine schöpft aus all diesen Quellen und schafft einen ebenso einzigartigen wie sofort erkennbaren Hazmat-Modine-Sound. Die – völlig korrekt betitelte – CD zeigt Hazmat Modine in Bestform, einfach unnachahmlich. Nur live sind sie vielleicht noch ein Stück besser.

Robert Cray & Hi Rhythm

Robert Crays neue CD wurde in den Royal Studios in Memphis aufgenommen, in der unter der Ägide von Willie Mitchell der typische Soul-Sound entstanden ist, der Platten von O.V. Wright, Al Green oder Ann Peebles geprägt hat. Dementsprechend ist Crays Scheibe sehr soulig und nah am originalen Willie-Mitchell-Sound, ohne je wie eine Kopie zu klingen. Abwechslungsreiche Arrangements, eine kluge Song-Auswahl (darunter lediglich drei Cray-Eigenkompiositionen), satte Bläsersätze, garniert mit einigen knackigen Soli von Crays Gitarre sowie zwei Gastauftritte des Altmeisters Tony Joe White machen aus dieser Platte ein bemerkenswert frisch klingendes Werk. Es gehört zu den besten von Crays (ja immer auf hohem Niveau stehenden) Veröffentlichungen der letzten Jahre gehört. Am 1. August wird Cray 64. Er ist also noch viel zu jung, um diese CD ein famoses Alterswerk zu nennen. Wir dürfen uns vielmehr schon jetzt auf seine nächste CD freuen.

Gov’t Mule: Revolution Come… Revolution Go

Ehrlich gesagt: Nach den zum Teil hymnischen Vorab-Rezensionen hatte ich mir doch etwas mehr von der neuen Mule-Studio-CD erwartet. Nach den beiden Openern, die knallhart im bewährten Stil daher kommen, lassen es die Mannen um Warren Haynes ungewohnt sanft und beschaulich angehen. Erst mit „Sarah, Surrender“ und dem wirklich sehr schönen Titel-Song (beide haben das Potenzial, es dauerhaft ins Mule-Live-Repertoire zu schaffen) wird das Tempo wieder deutlich angezogen. Fazit: Beileibe keine schlechte Platte, aber sowohl die Mule-Veröffentlichung „Shout!“ von 2013 als auch Haynes‘ Solo-LP „Man in Motion“ haben mir, weil beide wesentlich abwechslungsreicher, besser gefallen.

The Allman Brothers Band: The Fox Box (8 CD)

Fox BoxDiese Box mit acht (!!!) CDs ist die vielleicht umfassendste Werkschau der ABB: drei komplette Konzerte mit völlig unterschiedlichen Set-Lists (bis auf eine Ausnahme: „Dreams“ wird in allen drei Konzerten, allerdings in unterschiedlichen Versionen, gespielt.) an drei aufeinanderfolgenden Tagen im Fox Theatre in Atlanta aufgenommen. Das Repertoire umfasst fast alle ihre oft gehörten „Hits“ („Jessica“ fehlt leider) wie „In Memory of Elizabeth Reed“ (in einer über 40-minütigen Monumentalversion!), „Blue Sky„, „Melissa“Midnight Rider“ oder „Hot ‚Lanta„. Dazu kommen viele der Blues-Songs, die die ABB schon immer im Programm hatten. Ergänzt wird diese eher „klassische“ Song-Auswahl durch ein paar damals (2004) gerade auf ihrer letzten (und einer der besten!) Studio-CD („Hitting the Note„) erschienene Songs sowie durch einige Cover-Versionen bekannter Rock-Titel (z.B. „Layla“ – eine der schönsten Interpretationen, nahe am Original, die ohne EC himself aufgenommen wurde).

Diese Box zeigt die langlebigste (seit 2001, dem Rausschmiss von Ur-ABB Dickey Betts, bis zum definitiven Ende der Band im Oktober 2014) und vielleicht neben der Original-Besetzung beste ABB-Formation auf dem Höhepunkt ihres Könnens. Offenbar gut gelaunt, bestens aufeinander eingespielt und nach der Veröffentlichung der genannten Studio-LP mit neuem Schwung, präsentiert die Band in den Konzerten Jam-Rock der allerbesten Güteklasse. Das mag bei den ausufernden Drum-Soli der drei Percussionisten manchmal sogar ein bisschen des Guten zu viel sein – aber das gehörte einfach dazu. Warren Haynes und Derek Trucks bearbeiten ihre Gitarren, dass es eine wahre Freude ist. Der offenbar gerade mal gesunde Gregg Allman ist bei bester Stimme. Und auch wenn man die allermeisten Titel kennt (in unzählig verschiedenen Variationen – das ist eben das Markenzeichen der ABB), wird es nie langweilig.

Insgesamt acht CDs, das hat natürlich seinen Preis. Aber für immerwährende Fans wie mich: ein absolutes „must-have“. Gerade jetzt, nach dem Tod der Ur-Mitglieder Butch Trucks und Gregg Allman, als bleibende Erinnerung an eine der besten Live-Bands aller Zeiten.

Mohammad Reza Mortazavi: Rhythmusgewitter in der Tafelhalle

Kann sich das jemand vorstellen: Ein Mann, vier oder fünf Handtrommeln, die er mit nichts als seinen Händen „bedient“ – und das fast zwei Stunden lang? Wenn der Mann Mohammad Reza Mortazavi heißt, dann ist das nicht nur vorstellbar, sondern auch keine Sekunde langweilig. Die Trommeln heißen Tombak oder Daf und kommen aus der klassischen persischen Musik. Die Hände haben zehn Finger, die sich mit unglaublicher Schnelligkeit und äußerster Präzision bewegen, die Hände können auch eine Faust bilden oder mit den Handflächen auf die Trommeln schlagen. Oder mit den Fingernägeln auf die Felle schnalzen, darüber streichen, kratzen oder reiben. Mit Fingerdruck auf das Fell wird zudem die Tonhöhe verändert. So entsteht ein Rhythmusgewitter, das mit Worten kaum beschreibbar ist, und eine Klangvielfalt, die man von einer einzigen Trommel nie und nimmer erwarten würde.

Mohammad Reza Mortazavi ist erst Mitte dreißig, steht aber schon seit seinem 10. Lebensjahr auf der Bühne. Seit über 10 Jahren lebt er hauptsächlich in Berlin, und seine Solokonzerte sind mittlerweile legendär. Umso verwunderlicher und trauriger ist es, dass die Tafelhalle bei seinem Auftritt am vergangenen Samstag noch nicht einmal zur Hälfte gefüllt war. Hat sich sein Ruf noch nicht bis in die fränkische Provinz herumgesprochen?

Die wenigen Zuhörer/innen, die in den Genuss dieses musikalischen Erlebnisses kamen, werden wohl noch lange von ihm schwärmen. Der junge Mann aus dem Iran kommt völlig ohne das Imponiergehabe aus, das ansonsten viele Percussionisten und Schlagzeuger „auszeichnet“, ist eher schüchtern, fast ein bisschen linkisch. Er sagt während des gesamten Konzerts nur einen einzigen Satz. Ansonsten lässt er seine Hände sprechen, und die sind so beredt, dass er sich jedes weitere Wort sparen kann. Die Dynamik, die sie entfalten können,erinnerte mich manchmal an Rockschlagzeuger wie Jon Hiseman oder Ginger Baker – nur dass die dafür zwei Bass-Drums und ein ganzes Arsenal von sonstigem Schlagwerk benötigten. Mohammad Reza Mortazavi kann aber auch ganz sanft und pianissimo spielen. Und seine Tonsprache ist – egal ob ganz leise oder mit immenser Wucht und Lautstärke – immer absolut transparent und klar. Zur musikalischen kommt die physische Leistung: bewundernswert, wie er ein solches Konzert über eine derartige Dauer durchhält.

Zwei Ausschnitte aus dem Konzert habe ich auf meinem YouTube-Kanal eingestellt. Das erste Video zeigt eine kleine humoristische Einlage auf einer Miniatur-Tombak, das zweite ist ein Ausschnitt aus einem insgesamt ca. 15-minütigen Stück.

Während des Konzerts kam mir der Gedanke: Vielleicht kann ja ein Impresario mal den Versuch unternehmen, Mohammad Reza Mortazavi mit dem anderen jungen Schlagzeug-Maestro, mit Martin Grubinger, im Duett spielen zulassen. Das wäre wohl das ultimative Trommel-Erlebnis…